FB Twitter Instagram YouTube Google+
Simon Says
Simon says: Geht da noch was, Steff?

Simon says: Geht da noch was, Steff?

— Sven Simon

Ein Facebook-Post von ihm am 19. August, in dem er den Abschied aus München anklingen ließ, und kurz darauf eine Pressemitteilung der Bayern, in der sie verkündeten, dass er kommende Saison nicht mehr im Kader stehen werde - Das waren die letzten beiden Informationen über Steffen Hamann und wie seine Zukunft aussieht; oder besser geschrieben: eben nicht aussieht. Seitdem: Nichts! Ist es Zeit für den Nachruf auf eines der Gesichter unserer Liga?

Eine der Weisheiten, die mir im Journalismus-Studium immer wieder eingeprügelt wurde: Benutzt keine Kriegssprache, benutzt keine martialischen Bilder!

Schon klar, aber jetzt sitze ich vor dem Rechner und wie so oft wüten genau diese Bilder in meinem Kopf. Wie soll ich über Steffen Hamann schreiben, ohne harte Worte zu benutzen? Leonidas‘ Hauptmann aus 300 klopft nicht an und fragt, ob es gerade passt – der tritt samt Schild und Helm ungefragt in den kranken Sinn.

Steffen ist wie Stephen Arigbabu, Demond Greene und Sven Schultze aus der alten Generation: Das sind Kerle, mit denen du in die Schlacht ziehen möchtest! Wenn es hart auf hart kommt, fühlst du dich gut, wenn du weißt, dass Steffen dir den Rücken frei hält.

Er wurde oft dafür kritisiert, ja angefeindet, dass er keinen sicheren Dreier habe und offensiv auf seinen Drive über rechts beschränkt werden könne.

Ja, das ist eine Sichtweise, aber checkt mal diesen Blickwinkel: Ist es nicht bewundernswert, wenn ein auf den ersten Blick nicht so talentierter Sportler durch viel Herz eine Profikarriere auflegt, in der er drei Meisterschaften mit Bamberg und München und einen Pokal mit Berlin gewinnt und zudem 131 Länderspiele für Deutschland bestreitet?

Steffen hat bei vier Europa- und zwei Weltmeisterschaften sowie 2008 bei den Olympischen Spielen den Adler auf der Brust getragen. Und darunter waren große Spiele:

2007 im für die Olympia-Quali entscheidenden EM-Spiel gegen Italien war er mit seinen zehn Punkten der zweite Überraschungsfaktor neben Joe Herber (15 Zähler). Hier die Highlights von damals:

Und seinen DBB-Rekord von 19 Punkten lieferte er ein Jahr später beim Sieg gegen Puerto Rico beim Vorolympischen Quali-Turnier in Athen. Highlights habe ich nicht gefunden, aber hier sein TV-Interview nach seiner „MVP-Performance“.

Wir alle wissen: Ohne diese beiden Siege hätte es die Reise nach Peking nie gegeben … und damit auch den Fahnenträger Dirk Nowitzki nicht!

Wie geschrieben: Alles eine Frage des Blickwinkels …

Natürlich hat Steffen immer polarisiert und auch Fehler gemacht. Der Provo an David Holston in den Playoffs 2012, gefolgt von dem theatralischen Umfaller, kommt in den Sinn. Und für seine beiden Fehlpässe bei der WM 2010 gegen Angola, die dem deutschen Team die Chance auf die Zwischenrunde raubten, habe ich ihn von zu Hause vor dem Fernseher derart durchbeschimpft, dass ich mir einen Rüffel von meinem Honey einfing, weil Matilda mit zwei Jahren gleichermaßen lächelnd wie fragend die Worte „Du Penner?“ wiederholte.

Aber kommt schon: Wer noch keinen Fehler auf dem Feld begangen hat, der werfe den ersten Ball. Und wenn die negativen Seiten erwähnt werden, sollten wir dies auch mit den guten tun:

Steffens Kampfgeist war immer großartig. Erinnert Ihr Euch, wie er in der Saison 2012/13 beim 3-0 gegen Berlin im dritten Spiel DaShaun Wood an der Mittellinie den Ball wegnahm? Der anschließende Hechtsprung ins Aus, um den Ball zu Chevy Troutman zu tippen? (BTW: Wie oft habe ich mir gewünscht, Steffens Herz in Tim Ohlbrechts Astralkörper transplantieren zu können!).

Und Steffen hatte Stolz: Bei der EM 2005 waren er, Nino Garris und Ademola Okulaja, alle drei verletzt, vom DBB fürs EM-Finale eingeflogen worden, um zumindest auf der Tribüne dabei sein zu können. Zum Foto nach der Medaillenvergabe stellten sich Nino und Ademola selbstverständlich mit dazu, sie waren schon 2001 beim vierten EM-Platz und 2002 beim WM-Bronze in Indy Teil des Teams gewesen.

Camera 4
Die silberne Generation - mit Nino und Ademola, aber ohne Steffen

Als ich die Tränen in Steffens Augen sah, boxte ich ihn einmal männlich gegen die Schulter und schlich mit zitternder Unterlippe von dannen. Seit diesem Moment betrachtete ich ihn und seine Karriere mit anderen Augen. Und nun könnte sie zu Ende gehen.

Steffen stellte sich etwas abseits hinter dem jubelnden Tross ins Halbdunkel am Korb. Ich sprach ihn an, sagte ihm, dass er gefälligst mit aufs Foto gehen solle. Aber er meinte nur, dass er - zu dem Zeitpunkt nur mit der Katastrophen-EM 2003 in der Vita - noch nichts für die Nationalmannschaft geleistet habe. Natürlich hätte niemand etwas gesagt, aber sein Selbstverständnis war da ein anderes. Als ich die Tränen in seinen Augen sah, boxte ich ihn einmal männlich gegen die Schulter und schlich mit zitternder Unterlippe von dannen.

Seit diesem Moment betrachtete ich Steffen und seine Karriere mit anderen Augen. Und nun könnte sie zu Ende gehen. Wenn dem so ist, wäre dies hier übrigens eine ziemlich nette Konstante:

In seinem größten Bundesligaspiel beendete Steffen Hamann am 25. Mai 2004 mit Bamberg im fünften Halbfinale in der Hauptstadt die Titel-Ära von ALBA BERLIN.

Zehn Jahre später, am 18. Juni 2014, könnte Steffen Hamann in seinem letzten Spiel gegen die gleichen Gegner in der gleichen Stadt die Titel-Ära der Bayern eingeläutet haben!

Zwar machte er diesmal keine 25 Punkte, sechs Rebounds und fünf Assists mehr wie damals mit 22 Jahren, aber er nahm im dritten Viertel zwei Dreier, und er traf im dritten Viertel zwei Dreier – zwei Würfe, die das junge Berliner Team für einen Moment verzweifeln ließen und so einigen Anteil am Titelgewinn hatten!

Vor diesem Hintergrund betrachtet, wäre es schon nachvollziehbar, jetzt abzutreten. 33 Jahre biste im Juni geworden, 14 davon haste in unserer Liga geackert - Geht da noch was, Steff?

Abschließend der Hinweis, dass diese Kolumne nicht die offizielle Meinung der Beko BBL darstellt, sondern Einschätzungen von Sven Simon als Mitarbeiter des Ligabüros in Köln sind. Wenn Ihr meine Meinung für einen geistigen Airball haltet, laden wir euch auch zum Diskutieren auf die Pinnwand unserer Facebook-Seite ein (jeder der dort „Gefällt mir“ drückt, kommt übrigens in mein Buch der coolen Leute). Ich freue mich generell über Euer Feedback per E-Mail. Besten Dunk fürs Lesen!

comments powered by Disqus
easyCredit Telekom TipBet Spalding Ranko Kinder plus Sport