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Die Korrektur einer Karriere: Ulms Nationalspieler Tim Ohlbrecht im Portrait Florian Achberger

Die Korrektur einer Karriere: Ulms Nationalspieler Tim Ohlbrecht im Portrait

— Joshua Wiedmann, OrangeZone

Tim Ohlbrecht galt erst als „nächster Nowitzki“, dann als ewiges Talent, das sein Potenzial mangels Einstellung nie würde abrufen können. 2012 zog der einstige Jungstar die Reißleine – und entfloh dem Trubel um seine Person in die USA. Nach zwei Jahren zwischen Knochenmühle D-League und NBA-Traum ist Ohlbrecht nun zurück auf der deutschen Basketball-Bühne. Und bereit, sein Image zu revidieren.

Tim Ohlbrechts erste Tage in Ulm:

Ein Sommertag Anfang August. Im Trainingszentrum der ratiopharm akademie – dort, wo zu dieser Jahreszeit sonst meist nur ambitionierte Nachwuchsspieler für ihren Basketball-Traum schuften – schwitzen zwei Wochen vor dem Trainingsauftakt bereits Ulmer Bundesliga-Profis. Es ist ein ausgewählter Kreis, der unter der Anleitung von Thorsten Leibenath konzentriert Drills läuft: Da sind die Rekonvaleszenten Per Günther und Philipp Schwethelm, die nach auskurierten Verletzungen ihr Comeback vorantreiben. Dann Youngster Sören Fritze, der sich als dritter Aufbauspieler mit Trainingsfleiß für die BBL empfehlen will. Und schließlich Tim Ohlbrecht. Der Tim Ohlbrecht, der lange Jahre als Ausnahmetalent, aber auch als Trainings-Muffel verschrien war. Den Bambergs Sportdirektor Wolfgang Heyder einst als „zu phlegmatisch“ bezeichnete, als dass aus dem Talent ein Leistungsträger werden könnte. Und der, so sein Leumund, lieber feiern ging, als nur einen Tag zu viel in der Halle zu stehen. Heute, im Sommer 2014, zwei Tage nach seiner Vertragsunterzeichnung in Ulm, schiebt Ohlbrecht Extraschichten, während viele seiner Kollegen noch am Strand liegen. Und er scheint nicht genug davon zu kriegen: Als Leibenath seinen Neuzugang nach dem einstündigen Workout fragt, ob er auch am Sonntag trainieren wolle, kommt Ohlbrechts Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Ja klar, Coach!“

Tim Ohlbrecht hat sich geändert. Das wird spätestens klar, als er sich an besagtem Sonntag im Anschluss ans Training noch Zeit für ein Gespräch nimmt. Ohlbrecht ist nicht nur älter geworden, er wirkt auch reifer, reflektierter, schlicht: „professioneller“, wie er selbst sagt. Denn: „Ich habe aus meinen Fehlern gelernt.“ Das glaubt auch Thorsten Leibenath: „Tim hat früher vielleicht nicht alles richtig gemacht“, so der Ulmer Head Coach. „Aber was er hier bisher leistet, zeigt mir, dass er gereift ist“. Es scheint ganz, als habe Ohlbrecht die jüngsten Spielzeiten in den USA gebraucht; zwei Jahre, in denen er – fernab der deutschen Öffentlichkeit – in Ruhe zu sich selbst finden konnte. Und in denen er über einen oft nicht einfachen Beginn einer Karriere hinwegkommen konnte, der einst Großes prophezeit wurde.

Tim Ohlbrecht ist der erste junge Deutsche, dem Anfang der Nullerjahre nachdrücklich der Stempel des „nächsten Dirk Nowitzki“ aufgedrückt wird. Zu groß ist der Wunsch Basketball-Deutschlands nach einem weiteren Weltstar, (vermeintlich) zu naheliegend die Ähnlichkeit zwischen Nowitzki und seinem jungen Positions-Pendant, der ebenso die rare Kombination aus Größe und Technik in sich vereint. Anders als der stets stoisch-ruhige Nowitzki kann Ohlbrecht den frühen Hype um seine Person aber nicht immer ausblenden. Seien es die Agenten-Anrufe, die schon mit 16, 17 Jahren täglich in seinem Elternhaus eingehen, die Beiträge über ihn im Internet, oder die Blicke, die bei allen Spielen auf Deutschlands damaligem Toptalent ruhen: Tim nimmt sich Vieles von dem zu Herzen, was auf ihn einprasselt. „Als Teenager will man es jedem Recht machen“, sagt er heute. „Ich habe den Leuten in die Augen geguckt und mich gefragt: Was denken die über mich? Was Schlechtes, was Gutes?“  

Die Erwartungshaltung an ihn ist groß, vielleicht zu groß – besonders in Bamberg, das Ohlbrecht im Alter von 18 Jahren rekrutiert. Nach zwei vielversprechenden Lehrjahren und der Olympia-Teilnahme 2008 erklären die Bamberg-Macher den Welpenschutz für aufgehoben – und stellen ihn nach einem mäßigen Saisonstart an den Pranger. „Tim spielt ohne Biss“, moniert Manager Heyder im Dezember 2008 in der ‚FAZ’. „Er muss jetzt endlich Gas geben, wenn er nicht ein Leben lang ein mittelmäßiger Bundesliga-Spieler sein will.“ Die Schelte wird zum Bumerang. Ohlbrecht, den Coach Chris Fleming später als „zu harmoniebedürftig“ einstuft, gerät ob der massiven Kritik im Saisonverlauf in einen „negativen Strudel, aus dem ich nicht mehr heraus kam“, wie er erzählt. „Da hat einer was über mich gesagt, und noch einer – und ich konnte das gar nicht beeinflussen.“ Mit seinem Selbstvertrauen sinkt auch die Leistungskurve. Als er in den Playoffs 2009 letztlich kaum noch Minuten sieht, ist das Tischtuch zu den Brose Baskets zerschnitten. Fleming legt ihn damals den Gang ins Ausland nahe, doch Ohlbrecht sucht den Rückhalt seiner Familie – und unterschreibt bei den Telekom Baskets Bonn nahe seiner Heimat Wuppertal. Es ist der erste Neustart seiner Karriere – mit gerade einmal 20 Jahren.

„Man muss über Leichen gehen!“ - Ein großartige Reportage von Jürgen Kalwa über Ohlbrechts zwei Jahre in der Knochenmühle D-League:

Achim Kuczmann kennt Tim Ohlbrecht seit dessen Kindertagen. Der langjährige Leverkusener Trainer und Sportdirektor beobachtet Ohlbrecht, seit er mit 13 Jahren vom Fußball-Tor in die Kaderschmiede von Bayers Basketball-Abteilung wechselte. „Tim hatte damals schon große Fähigkeiten, besonders für sein Alter“, erinnert sich Kuczmann. Ein Talent wie Ohlbrecht – groß, aber zugleich technisch versiert und athletisch – ruft frühzeitig auch die US-Scouts auf den Plan. Doch Ohlbrecht sträubt sich lange gegen das Interesse aus dem Ausland; 2009 ist sein Name im Draft-Topf der NBA, doch Tim zieht die Anmeldung schließlich zurück, „weil ich mich noch nicht bereit fühlte, Deutschland zu verlassen“, wie er heute sagt. Ein Jahr später wird Ohlbrecht dann erstmals auf die Development League aufmerksam – und sie auf ihn: Als er nach dem Saisonende in der Bundesliga privat in New Jersey trainiert, um sich auf den WM-Sommer vorzubereiten, sind auch einige Verantwortliche aus der Ausbildungsliga der NBA anwesend. Die Botschaft der Talentspäher lautet unisono: „Du kannst es in die NBA schaffen. Wenn du Lust hast, spiel‘ doch mal in der D-League.“

Highlights aus der D-League

Konkret wird der Schritt über „den großen Teich“ indes erst zwei Jahre später. Nach einer starken Debütsaison in Bonn, die die Hoffnung auf einen verspäteten Durchbruch nährt, ist Ohlbrechts Stern bald wieder am Sinken. In Frankfurt, seiner nächsten Station, spielt er einige Male groß auf, fällt ansonsten aber nur mit einer der höchsten Foul-Raten der Liga auf – und findet sich oft am Ende der Bank wieder. Ohlbrechts Frust ist groß – über sich selbst, aber auch über das mangelnde Zutrauen seines Arbeitgebers. Einmal wird der 2,10-Meter-Mann nach einem Dreier-Versuch von einem wutentbrannten Muli Katzurin zu sich beordert: „Wenn du noch einen Dreier nimmst, werfe ich dich aus dem Kader“, erinnert sich Ohlbrecht – ein veritabler Schütze – an die Worte seines Trainers. Nach einer Katastrophensaison ist für ihn klar: „Jetzt reicht es. Ich muss hier mal raus.“ Basketball-Deutschland und Tim Ohlbrecht, das funktioniert irgendwie nicht mehr. Und so schlägt er einen Weg ein, den vor ihm noch kein Deutscher gegangen ist – und unterschreibt im November 2012 bei den Rio Grande Valley Vipers in der D-League. Es ist die kontroverseste, aber auch beste Entscheidung seiner Karriere.

Denn dreieinhalb Monate später steht Tim Ohlbrecht unverhofft dort, wo ihn kaum ein Experte mehr erwartet hätte: im Kader eines NBA-Teams. 13,4 Punkte, 7,4 Rebounds und eine Nominierung zum D-League-Allstar bringen ihm am 25. Februar 2013 einen Vertrag bei den Houston Rockets ein. Als „Himmelfahrtskommando“ war sein Schritt in die unpopuläre D-League gewertet worden, als Ausdruck der gnadenlosen Selbstüberschätzung eines damals 24-Jährigen, der immer noch seinem NBA-Traum nachhing. „Aber Tim“, so Achim Kuczmann, „hat sich durchgebissen.“ Und wird schließlich mit dem Aufstieg vom Basketball-Bodensatz der D-League ins NBA-Eldorado belohnt, wo ihn ein hochdotierter Vertrag statt Tagesgeld, Flüge im Privatjet statt neunstündiger Auswärtstrips, Unterkünfte in 5-Sterne-Hotels, ein Privattrainer und tägliches Kräftemessen mit den besten Athleten der Welt erwarten. Sechs Wochen lebt Ohlbrecht seinen Traum, ehe die Rockets ihn zurück in ihr D-League-Programm schicken.  „Aber es einmal geschafft zu haben, macht mich sehr stolz “, sagt Tim rückblickend.

Tim Ohlbrecht bei Buschi TV:

Und: Der berufliche Überlebenskampf, fernab der Komfortzone Deutschland, lässt Ohlbrecht als Person wachsen. „Der Druck, jeden Tag alles geben zu müssen, um es in die NBA zu schaffen oder nicht aus dem Kader gestrichen zu werden, hat mich charakterlich gestärkt“, gibt er zu. Diesen Eindruck gewinnt auch Thorsten Leibenath, als er Ohlbrecht im Sommer in Wuppertal trifftNach einem weiteren Jahr D-League – allerdings ohne Wiederholung des NBA-Abenteuers – will der Center zurück nach Europa. „Tim hat mir in unserem Gespräch ein gutes Gefühl gegeben“, erinnert sich Leibenath. Am spielerischen „Fit“ besteht ohnehin kein Zweifel: Nach den Abgängen von Keaton Nankivil und besonders Daniel Theis fehlt ratiopharm ulm noch ein athletischer Korbbeschützer, der defensiv Einfluss ausübt. Ohlbrecht, zuletzt einer der besseren Shotblocker der D-League, füllt diese Lücke – „und gibt uns zudem jede Menge Variabilität“, fügt Leibenath an. „Tim ist der Prototyp des vielseitigen Big Man.“ Dazu gehört auch, dass Ohlbrechts zuletzt eingestaubte Wurf-Qualitäten reaktiviert werden sollen. „Thorsten gibt mir von außen das grüne Licht“, sagt Ohlbrecht. „Darüber bin ich sehr froh.“

Das grüne Licht, das wird Ohlbrecht in Ulm haben – samt der Chance, eine von Misstönen und oftmals harscher Kritik gezeichnete Bundesliga-Karriere wieder ins Lot zu bringen. Der 26-Jährige ist sich dessen bewusst: „Ich will den Leuten zeigen, dass es den alten Ohlbrecht nicht mehr gibt.“ Das vermeintliche Feierbiest, der Phlegmatische und Arbeitsscheue – all diese Titel sind passé. Der „neue Tim“ hat aus seiner Zeit in den USA gelernt: „Du musst jeden Tag Gas geben.“ Und dass er diesen Worten auch Taten folgen lässt, ist schon seit Anfang August in jeder Trainingseinheit zu sehen.

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Tim Ohlbrecht mit dem stärksten Turnierspiel seiner DBB-Karriere – 17 Punkte bei der WM 2010 gegen Angola:

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