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BIG - Basketball in Deutschland
„In Belgrad muss ich niemandem mehr gefallen“ - Nationalspieler Maik Zirbes im BIG-Interview über seine Monstersaison Tilo Wiedensohler

„In Belgrad muss ich niemandem mehr gefallen“ - Nationalspieler Maik Zirbes im BIG-Interview über seine Monstersaison

— Werner Pluder

Was Maik Zirbes diese Saison in der Euroleague liefert, ist schwer zu glauben: 26 Punkte gegen Real Madrid, 27 gegen Khimki, der vierteffektivste Spieler der Euroleague-Vorrunde, ligaweit die beste "True Shooting Percentage" - noch nie hatte ein deutscher Center solche Zahlen im höchsten europäischen Wettbewerb. BIG sprach mit Monster-Maik über die Gründe für seine Explosion:

Highlights von Monster-Maik:

Maik, du bist neben Heiko Schaffartzik der einzige deutsche Spieler, der im Ausland in der Euroleague als Starter eine Menge Minuten sieht. Kurz gefragt: Was haben die Serben mit dir gemacht?

Es ist jetzt nicht so, dass sie mich neu geboren hätten. Die Serben haben mich dazu gebracht, der zu sein, der ich wirklich bin. Ich muss mich nicht verstellen. Ich habe hier kennengelernt, dass ich nur akzeptiert werde, wenn ich ich selbst bin. So bekomme ich das Vertrauen der Leute und so bekomme ich die Liebe der Fans. Es ist einerseits sehr simpel und andererseits sehr schwer, weil man erst mal auch sich selbst erkennen und dazu stehen muss. Das fällt manchen Leuten schwer. Ich hab nicht mehr das Gefühl, dass ich irgendjemandem gefallen muss. Das ist ein sehr schönes und befreiendes Gefühl.

Was hat sich für dich in Belgrad generell verändert?

Ich kam hierher und war nicht mehr das Talent wie in Deutschland, sondern der Ausländer, dem sofort Verantwortung übertragen wurde. In Deutschland hatte ich bis zum Ende das Gefühl, ein Nachwuchstalent zu sein, aus dem bestimmt mal was wird. Wenn du aber als Ausländer irgendwo unterschreibst, hast du sofort auch ein anderes Ansehen und eine ganz andere Verantwortung. Das ist natürlich Druck, aber durch diesen Druck und die Verantwortung entsteht Wachstum. Es kann sehr schnell sehr viel gelernt werden.

Hast du dich in Bamberg ungerecht behandelt gefühlt?

Nein. Ich glaube, es war ein klassisches Missverständnis und dass jeder seinen Anteil daran hatte. Das ehemalige Management, weil öffentlich Äußerungen über mich gefallen sind, die einfach nicht stimmten. Die Fans, weil sie es geglaubt haben. Und ich, weil ich alles zu sehr an mich herangelassen habe und darauf angesprungen bin. Ich denke auch, dass viele Menschen meine Körpersprache falsch deuten, mich dann als arrogant abstempeln. Ich mache das nicht bewusst, ich will so gar nicht rüberkommen. Aber ich habe auch schon oft gesagt, dass das alles sehr lange her ist und ich wirklich keinen Groll gegen jemanden hege. Das waren auch alles Erfahrungen, aus denen ich für die Zukunft lernen konnte und die mich erwachsener gemacht haben. Es war trotzdem eine sehr schöne Zeit, ich habe dort meinen ersten Basketballtitel gewonnen und das vergisst man nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Bamberg und Belgrad?

Die gesamte Grundsituation ist hier anders als in Deutschland, das hat erst mal nix mit Bamberg allein zu tun. In Serbien ist Basketball eine Volkssportart. Hier hat jeder Ahnung von Basketball, jeder ist ein Fachmann. Das Medieninteresse an der Mannschaft ist unglaublich hoch, ich werde auf der Straße erkannt und angesprochen. Die Fans von Roter Stern sind sehr mannschaftsverbunden, die Liebe zu diesem Sport ist hier 24/7, jeder atmet Basketball. Ich fühle mich als etwas absolut Besonderes, für diesen Verein zu spielen, und das trägt einen. Hier ist Basketball kein Spaß, die Ansprüche sind sehr hoch, das Niveau ist sehr hoch und die Fans sind bei dir, egal was passiert. Während es in anderen Ländern in der Halle leise wird, wenn das Team zurückliegt, fangen die Fans hier erst an. Und auch wenn es Niederlagen gibt, kommen keine Buhrufe oder dass Leute sich von der Mannschaft abwenden. Das ist alles eine ganz andere Hausnummer hier. Hinzu kommt, dass die Trainingsmethoden anders sind, wie schon angesprochen, es wird trainiert wie vor 50 Jahren, ohne großen Schnickschnack. Der Erfolg und die Stars, die daraus entstanden sind, geben den Serben aber auch Recht und mir liegt diese Trainingsmethode sehr gut. Das Gesamtpaket passt einfach. Auch der Trainer ist einer aus der alten Garde, er ist sehr ehrlich, manchmal auch sehr laut, aber dann weißt du, wo du stehst. Es gibt nichts hinter dem Rücken. Das ist mir so auch viel lieber.

Kannst du dir eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen?

Ich kann mir prinzipiell immer alles vorstellen, wenn die Bedingungen passen.

Was sind deine Ziele in den nächsten Jahren?

Ich hab da keine Zahlen im Kopf, dass ich sage: So viel will ich verdienen oder dort will ich unbedingt mal spielen. Ich will später einfach zurückschauen und sagen können, dass ich alles gemacht habe, was ich mir vorgenommen hatte, und dass ich unter den Voraussetzungen, die ich hatte, erfolgreich war. Der Start meiner Basketballkarriere war ziemlich holprig, aber ich habe große Willensstärke, was auch sichtbar ist. Ich komme aus Wittlich und bin Deutscher Meister geworden, Nationalspieler, und heute bin ich auch noch serbischer Meister, in einem der größten Vereine Europas. Neben dem Klub-Basketball möchte ich ein noch besserer Nationalspieler werden. Und mit 40 will ich meinem Sohn dann erzählen können, was sein Vater so alles Tolles gemacht hat.

Wie hat sich dein Körper verändert?

Im Vergleich zu meiner Zeit in Bamberg habe ich jetzt vier bis fünf Kilo brauchbare Masse mehr. Trotzdem bin ich schneller und wendiger geworden. Das liegt an zwei Sachen: Zum einen bin ich älter geworden und mein Körper hat in den letzten ein, zwei Jahren die letzten Entwicklungen gemacht, ich bin sozusagen ausgewachsen. Zum anderen liegt es an der Art und Weise, wie hier in Belgrad trainiert wird. Es wird sehr, sehr viel Wert auf Krafttraining gelegt, viel mehr als in Deutschland. Mit viel Gewicht, vielen Wiederholungen. Schön old school eben. In Deutschland ist es gelenkschonender mit vielen Dehnübungen. Old school liegt mir da, ehrlich gesagt, mehr.

Was ist deine Idee vom Spiel als Center?

Dem Point Guard wird immer nachgesagt, dass er der Kopf der Mannschaft ist, das Spiel lenkt, die Geschwindigkeit regelt und sagt, welche Plays dran sind. Aber der Center ist das Rückgrat im Team. Wir stehen ganz hinten, hinter allen. Wir müssen kommunizieren, was wir sehen; das ist eine große Verantwortung. Zum Beispiel, wo Blöcke gestellt werden müssen oder wo der Mitspieler durchcutten kann.

Zirbes im Euroleague-Portrait:

Du hast momentan die größten Spielanteile aller Deutschen in der Euroleague – welchen Rat kannst du geben?

Kommt nach Serbien! (lacht) Nein, im Ernst. Das Wichtigste ist, das Vertrauen in sich nie zu verlieren, immer hart zu arbeiten und sich von Rückschlägen schnell zu erholen.

Was macht es besonders, für Roter Stern aufzulaufen?

Die Fans und die Historie des Vereins. Es ist einfach so, dass die Fans mich lieben, wie ich sie liebe. Sie halten ständig Schilder hoch, auf denen steht: „Bravo, Maik!“ Oder: „Danke, Zirbes!“ Das hat letzte Saison angefangen, als ich vor dem ABA-League-Finale nicht ganz fit war und trotzdem gespielt habe. Und wir dann in Kroatien den Titel geholt haben. Da habe ich zum ersten Mal das Schild „Danke, Deutschland!“ gesehen. Als wir den serbischen Titel geholt haben, kamen 30 000 Fans zur Feier am Kalemegdan und haben meinen Namen skandiert; das war für mich etwas ganz Neues und ein unbeschreibliches Gefühl.

Wie ist das Leben in Belgrad?

Perfekt. Angefangen beim Essen, das mir unglaublich gut schmeckt, bis hin zur Herzlichkeit der Menschen, dass einem manchmal die Spucke wegbleibt. Dazu wohne ich in einer sehr schönen Ecke von Belgrad, im Stadtteil Dedinje, es ist stadtnah, aber trotzdem ruhig und sehr grün. Es gefällt mir hier so gut, dass ich hier später leben werde.

Wie meinst du das?

Ich möchte nach meiner Karriere in Belgrad sesshaft werden. Am liebsten heiraten und Kinder bekommen, die dann hier in die deutsche Schule gehen können.

Also keine Rückkehr nach Deutschland – nicht mal nach der Karriere?

Das darf nicht falsch verstanden werden, ich bin Deutscher, deutscher Nationalspieler und Deutschland ist meine Heimat. Aber Belgrad ist auch meine Heimat geworden, es ist, als ob ich hier etwas gefunden habe, das ich lange in mir hatte, es aber nicht wusste. Ich identifiziere mich mit den Menschen hier, sie haben mich angenommen und ich fühle mich nicht wie ein Außenseiter. Die Serben haben mich wie ihresgleichen angenommen. Am Tisch, beim Essen reden alle Serbisch, ich verstehe es mittlerweile und gebe mal was auf Englisch zurück. Aber sie behandeln mich wie einen von ihnen. Andere Leute gehen nach dem Karriereende nach Mallorca, ich bevorzuge es, dann hierher zurückzukommen. Ich hab das Gefühl, dass ich meinen Platz hier gefunden habe. Deutschland ist wirtschaftlich sehr stark, wenn du in Deutschland lebst und arbeitest, fehlt es dir an nichts. In Serbien ist das anders, das Land ist wirtschaftlich nicht stark, die Einkommen sind sehr niedrig. Aber weil die Menschen nicht viel Materielles haben, legen sie viel mehr Wert auf Menschliches. Die Hilfsbereitschaft ist sehr hoch, der soziale Umgang ist sehr wichtig, es gibt noch die Treffen zum Kaffee oder dass Kinder einfach auf der Straße spielen. Ich hab das Glück, dass ich von beiden Seiten das Positive ziehen kann. In Deutschland habe ich meine Karriere begonnen und habe deswegen das Glück, finanziell abgesichert zu sein. Aber die größere Lebensqualität, die aus dem Zwischenmenschlichen besteht, sehe ich doch mehr hier. Aber auch wenn ich später mal hier leben werde, werde ich nie vergessen, woher ich komme.

Das komplette Interview könnt Ihr in der aktuellen Ausgabe der BIG lesen, die es derzeit im Handel gibt. Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten. Im Heft gibt es außerdem noch folgende Themen:

Inhalt BIG #49

Maik Zirbes - Der Center der Nationalmannschaft erklärt, warum er bei Roter Stern Belgrad in dieser Saison durchstartet
Kresimir Loncar - Warum Geld für den Alba-Center wichtiger ist als Erfolg
Jason Boone und Jon Brockman - BIG erklärt das bulligste Duo der Beko BBL
Leon Radosevic - Ist der Ex-Albatros für die Brose Baskets das fehlende Puzzlestück zur Titelverteidigung?
Steffen Liebler - Der Geschäftsführer der s.Oliver Baskets brachte die Würzburger finanziell auf Kurs. Doch wann kommt die neue Halle?
Münchens Hoffnungsträger - Der wiedererstarkte Anton Gavel und der wiedergenesene Maxi Kleber könnten Bayerns Schlüssel zur Meisterschaft sein
Danilo Barthel - Warum Frankfurt in dieser Saison reif für den Titel ist, erklärt Danilo Barthel im großen BIG-Interview
Frankfurter Talente - Mit Niklas Kiel, Garai Zeeb und Armin Trtovac stehen bei den Skyliners die nächsten Nachwuchsspieler in den Startlöchern
Allstar Day - Alle Infos zum großen Event am 9. Januar in Bamberg
Jared Jordan - Tübingens Aufbau spricht im BIG-Interview über seine Rückkehr in die BBL und die emotionale Verbindung zu Bonn
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Julius Jenkins - Was der Shooter nach dem Aus in Oldenburg heute macht
Khalid El-Amin - Warum die Rückkehr des Point Guards für Göttingen so wichtig ist
Heiko Schaffartzik - Der DBB-Kapitän spricht im Interview über seinen Wechsel nach Limoges, Basketball in Frankreich und die BBL
Jordi Bertomeu - Der Euroleague-Boss spricht im Interview über den Streit mit der FIBA
Kamil Novak - Der Generalsekretär der FIBA Europe über die neuen Pläne des Weltverbands
Dirk Nowitzki - Warum die Dallas Mavericks überraschend gut in die Saison starteten
Christian Standhardinger - ProA: Wie der Forward Aufstiegskandidat Vechta hilft
Rostock Seawolves - ProB: Die ehrgeizigen Pläne des Klubs von der Ostsee
René Spandauw - DBBL: Der Trainer der SV Halle Lions im BIG-Interview

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