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50 Jahre Basketball Bundesliga
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"Auf Jimmy Wilkins! Auf Keith Gatlin! Auf Hagen!" - Was Basketball für die Stadt Hagen bedeutet

— Thomas Pletzinger

Nachdem Phoenix Hagen Insolvenz angemeldet hat, hier die als Reportage verkleidete Liebeserklärung des gebürtigen Hageners Thomas Pletzinger aus dem Buch "50 Jahre Basketball Bundesliga" über die wichtigste Sportart seiner Stadt.

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Basketball in Hagen in den Fünfzigern: SSV gegen Alemania Aachen.

Es gibt ein vergilbtes Foto aus der Anfangszeit des Hagener Basketballs, das die Halle am Höing in den frühen fünfziger Jahren zeigt. Im Vordergrund die Spieler, massive Oberschenkel, kräftige Arme, die kurzen Hosen viel zu hoch, die Trikots wie zu kleine Unterhemden, die Nummern selbst aufgenäht. Das Wappen des SSV Hagen. Die Spieler hängen leicht unscharf in der Luft, in alle Ewigkeit eingefroren, die Frisuren sitzen. Nicht zu erkennen, welche Schuhe die Spieler tragen, und ob auf Parkett, Linoleum oder Fliesen gespielt wird. Wie der Spielstand ist und wer die Spieler. Das alles sieht man nicht, aber wenn man das Bild heute betrachtet, erkennt man sofort, dass Basketball damals ein anderes Spiel war. Weicher als heute, weniger explosiv, die Bewegungen irgendwie gymnastisch.

Um das Spielfeld herum stehen dicht gedrängt die Zuschauer, komplett in Sonntagsgarderobe, die Herren im Anzug, die Damen im Kostüm, dunkle Mäntel, Hüte und gefaltete Hände. Die Spieler sind vermutlich Jungs aus der Nachbarschaft, es ist ein normaler Sonntagmorgen. Basketballspiele fanden in den Nachkriegsjahren häufig vormittags statt, der einzigen freien Zeit der Woche. In der Halbzeit wurde Bier gezapft und gefachsimpelt. Prost! Die Halle am Höing war Kirche und Kneipe zugleich.

Rund siebzig Jahre später fahre ich durch meine Heimatstadt Hagen, auf dem Beifahrersitz des Mietwagens liegt ein Stapel alter Fotos. Es nieselt und Hagen liegt trist am Rand des Ruhrgebiets herum. Ich bin nicht oft hier, aber wenn, dann fahre ich bisweilen einfach durch die Gegend, an alte Orte, durch alte Geschichten. Heute soll ich einen Text über den Hagener Basketball schreiben, für die Rubrik „Der verschwundene Klub“. „Der verschwundene Klub?“ „Genau“, hatte der Redakteur gesagt und gegrinst. „Am 29. Dezember 2003 wurde der Spielbetrieb eingestellt. Erstmals kein Bundesliga-Basketball in Hagen. Was bedeutet das für so einen Standort?“

Die Halle war zugelassen für 1800 Zuschauer, aber es waren immer 3000 da. Es hätte wirklich nichts passieren dürfen.

Jochen Pollex

Ich fahre also im Nieselregen durch meine verschwindende Stadt und ihre Basketballorte: die Ischelandhalle, die letztes Jahr noch Enervie-Arena hieß und demnächst irgendwie anders heißen wird. Der Fleyer Wald, der Freiplatz an der Hoheleye. Die Turnhalle der Helfer Gesamtschule, in der ich Basketballspielen gelernt habe.

Hagen ist eine schrumpfende Stadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, vier Flüsse, steile Berge, wunderschöne Wälder und der hässlichste Bahnhofsvorplatz der Welt. Früher gab es hier einmal Schwerindustrie, Eisenhütten und Güterverkehr, aber in den Siebzigern war damit Schluss, und seitdem ringt die Stadt mit dem Strukturwandel. Es gibt eine Uni ohne Studenten und eine Fußgängerzone ohne Stil. Der ICE von Köln nach Berlin macht Zwischenhalt in Hagen, die A1 und A45 kreuzen sich hier, und wenn der Redakteur durch meine Heimatstadt kommt, schickt er mir Schmäh-SMS, jedes Mal: „Hagen, die Stadt, in der der ICE die Trittstufe nicht ausfahren kann“. Die Leute verlassen die Stadt, es gibt hier nicht viel. Denkt man.

Aber in Hagen gibt es Basketball, und Peter Krüsmanns Gartenlaube ist sein Museum. Als ich ankomme, ist alles vorbereitet. An den Wänden hängen gerahmte Bilder, in den Regalen stehen ordnerweise Zeitungsausschnitte, akribisch sortiert. Auf einem riesigen Arbeitstisch hat Krüsmann Listen und Diagramme mit sämtlichen Spielern ausgebreitet, die jemals für Hagen Spitzenbasketball gespielt haben. Die Laube ist eine Hall of Fame des Spiels, das diese Stadt seit Jahrzehnten prägt. Ein Heimatmuseum, ein begehbares Lexikon, eine Erinnerungsmaschine. In der Ecke steht eine Zapfanlage.

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Der SSV Hagen in der Saison 1974/75, in der Mitte Trainer Jörg Trapp.

Heute allerdings gibt es nur Kaffee und Kekse, es ist noch vor vier. Nach und nach trudelt der Rest der Gesprächsrunde ein, ein Kaffeekränzchen der Legenden: Meistertrainer Jörg Trapp, Center Heinz-Werner Schmunz, der legendäre Shooting Guard und Olympiateilnehmer, Vielfachmeister, Pokalsieger Jochen Pollex und Archivar Krüsmann (seinerseits Meister und Pokalsieger). Kurzes Abgleichen der Neuigkeiten und Gerüchte, Schulterklopfen, die üblichen Sprüche, wie sie in Umkleidekabinen überall auf der Welt gedrückt werden. Dann gehen wir an die Arbeit.

Der Hagener Basketball reicht zurück bis in die Zeit des Fotos. 1951 brachte der Sportlehrer Ernst Michalowski das Spiel in die Stadt, seine Schüler formten die ersten Mannschaften. Einige Jahre später wurde Branimir Volfer, Mitgründer von Cibona Zagreb, ebenfalls Sportlehrer am Albrecht Dürer Gymnasium – der erste ernst zu nehmende Basketballfachmann in Hagen. Die Legenden in Krüsmanns Gartenhaus erinnern sich an die Nackenschläge, die der kleine Mann seinen Spielern verpasste, wenn sie falsche Laufwege und dumme Würfe nahmen. Unter Volfers Anleitung wuchs die Hagener Basketballszene, bald gab es neben dem SSV Hagen einen zweiten ambitionierten Klub, den TSV Hagen 1860.

In den frühen Jahren waren fast alle Spieler Hagener, aber nach der Saison 1963/64 fing man an, sich auch in Nachbarstädten nach Spielern umzusehen. Als 1966 die Bundesliga startete, trainierte man drei, vier Mal in der Woche, nach der Uni oder Arbeit. „Semiprofessionell kann man das noch nicht einmal nennen“, erinnert sich Pollex, und das Museum erzählt von den Brettern des TV Grafenberg, eins aus Glas, eins aus Holz, von Spielfeldern mit abgerundeten Ecken, von Auswärtsfahrten mit Mopeds und Länderspielen auf dem Freiplatz.

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Hemden aus! - Hagen feiert 1974 die Meisterschaft in Heidelberg.

Das Museum kommt in Fahrt, als wir 1972 erreichen, das Jahr, in dem sich Basketballdeutschland veränderte. Die Olympischen Spiele wurden in München gespielt, die Nation wollte gut dastehen, es gab die Kartak-Liste und den Willen, größer zu denken. Auch in Hagen. Und dann kommt das Glück ins Spiel. Jörg Trapp wird von einem Agenten namens Bob Sieben ein kleiner Guard der University of San Diego empfohlen: Jimmy Wilkins. Die Verhandlungen werden per Post und Telefon geführt, und irgendwann steht Jimmy Wilkins in der Ischelandhalle. Jimmy verdient 1500 Mark, mehr als alle anderen, aber so etwas hatten sie in Hagen noch nicht gesehen. Wie hoch Jimmy sprang! Was er mit dem Ball anstellte! Wilkins veränderte die Hagener Spielkultur nachhaltig. Im Training wird viel gespielt, es wird viel geworfen, Wilkins bringt das Konzept „Stretching“ mit nach Hagen, das Team ist fit, sie rennen, rennen, rennen, mit einer Ganzfeld-Mannpresse erzielt das Team manchmal 120 Punkte pro Spiel.

Der SSV Hagen ist 1974 die bestimmende Mannschaft der Bundesliga. Noch eine Kanne Kaffee! Das Museum erinnert sich an diese Jahre mit angemessener Euphorie, die Jungs kommen ins Schwärmen. Die Schuhe, die wir damals trugen! Adidas München 1972 aus Känguruh-Leder, wie weich und leicht die waren! „Eigentlich war es damals am schönsten“, sinniert Krüsmann. „Die Halle war immer voll, und wir haben in drei Jahren nur zwei Mal verloren.“ Auf Treppen und in Aufgängen saßen sie, die Zuschauer, sie hockten auf Geländern und hingen an Brüstungen. Der „Spiegel“ berichtete damals tatsächlich, dass „die Ischen in der Ischelandhalle nur noch wegen dem Schwatten kommen“. Die Nachfrage nach Karten überstieg das Angebot um ein Vielfaches. „Die Halle war zugelassen für 1800“, sagt Pollex, „aber es waren immer 3000 da.“ Und Coach Trapp sieht nostalgisch aus dem Museumsfenster, in die großartige Vergangenheit. „3000“, wiederholt er und lächelt. „3000!“

Das Museum erzählt von Spielfeldern mit abgerundeten Ecken, Auswärtsfahrten mit Mopeds und Länderspielen auf dem Freiplatz.

1974 ist es so weit. Im Halbfinale spielt Hagen gegen Gießen, das Hinspiel läuft beschissen, minus vierzehn, dann gewinnt man zuhause mit 74:59 – Finale gegen Heidelberg! Das erste Endspiel findet in Hagen statt, Fernseh Schlicker stellt Fernsehapparate ins Foyer, jetzt sind 4.000 Zuschauer in der Ischelandhalle! „Es hätte wirklich nichts passieren dürfen“, sagt das Museum und schüttelt begeistert den Kopf. Das Spiel wird 67:54 gewonnen. Reicht der Vorsprung?

Für das alles entscheidende Spiel fährt Hagen nach Heidelberg, in Autos, im Zug, in Bussen. Weil das Hagener Ticket-Kontingent nicht ausreicht, plündert eine Hagener Vorhut den Heidelberger Vorverkauf, „es gab nur ein paar Karten pro Kopf, also hatten sie Hüte, Perücken und Schnurrbärte im Gepäck.“

Der SSV Hagen ist 1974 kein arrogantes Team, man rechnet nicht mit dem Titel, in der Heidelberger Halle verschmelzen die U-S-C und S-S-V-Gesänge zu einem Chor der allgemeinen Euphorie. Das Spiel ist knapp, aber als Hagen auch hier gewinnt, flutet die mitgereiste Menge das Feld, der Schwingboden der Halle gibt vor Gehüpfe und Begeisterung den Geist auf. 70:64! Der Mannschaft werden die Trikots vom Leib gerissen, der Mannschaftsbetreuer wird unter die Dusche gestellt, dann wird gefeiert. „Richtig gefeiert“, erzählt das Museum. „Das Esso-Motorhotel gehörte uns, der Barmann wurde nach Hause geschickt, die Rechnung war 6000 Mark!“ „6000?“, fragt Schmunz. „6000!“, grinst Trapp.

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Koteletten satt: Jörg Trapp und sein Starspieler Jimmy Wilkins.

Der Bus rollt langsam zurück nach Hagen, an sämtlichen Raststätten jubeln Hagener, ab Lüdenscheid gibt es eine Polizeieskorte. Am Bahnhofsvorplatz steigt das Team in Cabrios um, ein Jubelspalier bis zum Rathaus. „Alles war schwatt von Menschen“, erinnert sich das Museum. „Und Jimmy musste im ZDF-Sportstudio aus dem Stand Hochsprung machen.“

„Stimmt! Gegen diesen Gewichtheber Rudolf Mang!“

„1,09 Meter!“

„Das waren Zeiten!“

1975 wurde die Mannschaft noch Pokalsieger, danach gewann der Hagener Basketball jahrelang keine Titel mehr. Der Begeisterung der Stadt für das Spiel tat das keinen Abbruch. Der TSV Hagen 1860 stieg ebenfalls in die erste Liga auf, die Ischelandhalle war immer rappelvoll, man konnte ständig Erstligaspiele sehen. Wir erinnern uns an die Derbys, die überkochende Halle, den unfassbaren Lärm, die Luft dick wie Erbsensuppe. Die Legenden in Krüsmanns Laube hören gar nicht mehr auf zu erzählen.

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Hagener Autokorso nach der Meisterschaft 1974.

Die Mauer fiel, der SSV verpflichtete den Dreierzar Rimas Kurtinaitis und Sergej Jovaisa, der TSV spielte mit Keith Gray und dem gewaltigen Silvester „Sly“ Kincheon. Die Hagener Spieler hießen „Kees“ Kuhtz, Martin Schimke, „Centi“ Thomas, Andreas Klippert, „Shorty“ Hillebrand, „X“ Risse. 1990 schlossen sich die beiden Hagener Vereine zusammen, der örtliche Keksfabrikant spendierte den Namen: Brandt Hagen. Spitze statt Mittelmaß. Krüsmann wurde Coach, Schmunz trainierte den Nachwuchs. 1994 war der Kader solide: Stefan Svitek, der eingedeutschte Pole Adam Fiedler, Risse, Arndt Neuhaus, Oliver Herkelmann, Steven Wriedt. Bernd Kruel bekam als 16-Jähriger seine ersten Einsätze bei den Profis. Und dann hatte Hagen wieder Glück, wie zwanzig Jahre zuvor mit Jimmy Wilkins.

Der Point Guard Keith Gatlin hatte nach einer spektakulären Karriere an der University of Maryland keinen NBA-Vertrag erhalten. Sein Mitspieler Len Bias, den manche für besser als Michael Jordan gehalten hatten, war an einer Überdosis Kokain gestorben, und die anderen Spieler der Terrapins waren in Sippenhaft genommen worden. Also war Gatlin in Hagen gelandet statt in Boston oder Los Angeles. Ein Spieler, der eigentlich zu charismatisch, smart und gut für die Bundesliga war. Und der – wie Wilkins – die Euphorie der Hagener neu befeuerte.

Gatlins Spielweise füllt die Halle. Irre Pässe, staksiger Gang, eiskalte Würfe. Ein echter Spieler, der den Rest des Teams auf eine andere Ebene hebt. Ein Lächeln sondergleichen. Hagen fährt als Außenseiter zum Final Four des Pokals nach Bamberg. Wie immer wohnt man in Memmelsdorf, es liegt so viel Schnee, dass kaum Fans mitgefahren sind. Insgeheim rechnet man mit einer Niederlage gegen die allmächtigen Leverkusener. Aber Oliver Herkelmann nimmt Europameister Christian Welp aus dem Spiel und Gatlin macht 22 von 64 Punkten. Der Sieg übertrifft alle Erwartungen, man feiert im kleinen Kreis Silvester und das bereits Erreichte, und als Hagen am nächsten Tag das Finale gegen Ulm spielt, steht die Bamberger Halle geschlossen hinter Hagen. Das Spiel ist knapp, aber acht Sekunden vor Schluss bekommt Keith Gatlin den Ball, dribbelt in aller Ruhe nach vorne und haut ihn rein. Pokalsieg.

Basketball wohnt in Hagen. Der Klub mag kurzfristig verschwunden sein, das Spiel ist immer geblieben.

„Gatlin war ein Killer“, sagt das Museum. „Der Beste“, sagt das Museum und hebt die Kaffeetassen. „Naja“, grinst das Museum, und dann wird weiter diskutiert. In Hagen wird immer weiter über Basketball diskutiert.

Das Team von 1994 zog noch ins Finale um die Meisterschaft ein, wieder gegen Leverkusen. Aber nach der Vizemeisterschaft begann das langsame Verschwinden. Gatlin verließ den Klub, Krüsmann ging nach Ulm. Das Bosman-Urteil veränderte die Sportwelt. Die Ausländerregelung der Liga fiel, und die meisten Bundesligavereine spielten jede Saison mit einem neu zusammengewürfelten Haufen aus kostengünstigen Legionären und Lokalhelden. Die Zwiebackfabrik verlegte ihre Produktionsstätten in den Osten, und irgendwann ging sogar Bernd Kruel und wurde in Frankfurt Deutscher Meister. Am 29.12.2003 war der Tiefpunkt erreicht. Kein Bundesliga-Basketball mehr in Hagen. Der verschwundene Klub.

Auch, wenn das jetzt erfunden klingt: Als ich abends auf dem Rückweg an der Ischelandhalle vorbeifahre, hört es auf zu regnen. Die Halle, in der Phoenix Hagen sechs Jahre nach dem Ende Brandt Hagens die Rückkehr der Stadt in die Bundesliga feierte, sieht längst anders aus als die Halle, in der ich als Kind gejubelt habe. Anders als die Halle 1974 oder 1994. Größer, generischer, vermarktbarer. Zeiten ändern sich, ebenso Anforderungen, Regeln, wirtschaftliche Strukturen. Was sich nicht ändern wird: dass in Hagen Basketball gespielt wird, wie man hier jahrzehntelang Basketball gespielt hat: verwurzelt, verankert, unkonventionell.

Die Legenden hätten noch stundenlang enthusiastisch weitererzählen können, vom Basketball in ihrer Stadt, von Talenten und Helden, von Phoenix Hagen, von der BG Hagen, von den Klubs in Boele, Breckerfeld, Haspe, von großen Spielen und entscheidenden Würfen, von den Töchtern, Söhnen, Enkeln des Spiels. Günther! Grof! Irgendwann hätte Krüsmann seine Zapfanlage angeschaltet. Auf Branimir Volfer! Auf Ernst Michalowski! Auf Jimmy Wilkins! Auf Keith Gatlin! Stattdessen haben wir uns schulterklopfend verabschiedet. Auf bald! Man läuft sich sowieso wieder über den Weg. Basketball wohnt in Hagen. Der Klub mag kurzfristig verschwunden sein, das Spiel ist immer geblieben.

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