FB Twitter Instagram YouTube Google+
News von den Klubs
Augustine Rubit in der OrangeZone – Vom Gangmitglied in Houston zum Allstar in Ulm Marcus Förster

Augustine Rubit in der OrangeZone – Vom Gangmitglied in Houston zum Allstar in Ulm

Er ist der Leisetreter im Ulmer Team. Würde Augustine Rubit nicht regelmäßig Highlight-Dunks und Monsterblocks abliefern, er würde kaum auffallen. Doch stille Wasser sind bekanntlich tief: Wer hinter die Fassade von „Big Aug“ blickt, entdeckt einen 26-Jährigen, dessen schwierige Vergangenheit ihn geprägt, aber nicht gebrochen hat:

Augustine Rubit hatte in den ersten 15 Jahren so viel Unglück, dass es für zwei Leben reicht. Er wuchs ohne Vater auf, verlor seine Mutter an die Drogenszene in Houston, hatte kein Geld, kein stabiles Umfeld, keine Per-spektive. Er lebte mal hier, mal da, wurde von der Patentante an die Großmutter weitergereicht und landete schließlich bei der älteren Schwester. Er wechselte die Schule so häufig, dass er sich an die genaue Anzahl nicht mehr erinnern kann, brach sie in der sechsten Klasse ab und schlitterte in eine Gang hinein, die ihn für ihre Machenschaften missbrauchte. In einem Alter, in dem andere Kinder noch mit Bauklötzen spielen, vertickte Rubit in den Straßen von Houston Marihuana.
Warum immer ich? Eine Frage, zu der Augustine Rubit allen Anlass gehabt hätte. Doch wer den Ulmer Power Forward heute auf seine Kindheitserfahrungen anspricht, erhält eine überraschende Antwort: „Für mich war all das normal“, sagt er. „Es war sicher nicht immer einfach, aber es hätte schlimmer kommen können.“ Klagen, das ist nicht Rubits Art. Stattdessen folgte er einem Motto, das ihm seine älteste Schwester und Ersatzmutter Lorraine einst mit auf den Weg gab. Als zu Weihnachten einmal kein Geld für Geschenke da war, schrieb sie ihrem Bruder einen Brief: „Es mag gerade nicht gut laufen“, hieß es darin. „Aber wenn du dran bleibst und stets dein Bestes gibt, wird sich das eines Tages auszahlen.“ Und es zahlte sich aus – auf eine Weise, die mit Glück nur unzureichend beschrieben wäre.

Die zwei Leben des Augustine Rubit

Der Nordosten von Houston gehört zu den übelsten Gegenden der USA. Dreimal so viele Verbrechen wie im nationalen Durchschnitt werden hier begangen, die Armutsquote ist exorbitant. Es ist ein Moloch, in dem illegale Geschäfte wuchern und Existenzen untergehen – wie die von Kimberly Rubit. Zugrunde gerichtet von Crack, schwankt Rubits Mutter ständig zwischen Knast, Klinik und Straße – eine Stütze ist sie ihren fünf Kindern jedenfalls nicht. Lorraine, mit 18 Jahren die älteste, nimmt ihre Geschwister schließlich zu sich auf – da ist Augustine gerade 11. Zu sechst lebt der Rubit-Clan, zu dem auch Lorraines Sohn gehört, von da an in einem 40-Quadratmeter-Appartment. „Andere Kinder hatten ständig Süßigkeiten oder neue Schuhe – ich hatte das nie“, erinnert sich Aug. Doch das ist das geringere Problem.

Der jüngste Rubit-Zögling muss an seinem neuen Wohnort täglich den Bus nehmen, um die Schule zu erreichen – doch manchmal reicht das Geld nicht einmal dafür. Als er mehrmals zu spät zum Unterricht kommt, verlangt die Schule nach einem Erziehungsberechtigten. Bei Augustine läuten die Alarmglocken: „Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das Jugendamt einschaltet“, sagt er. Ein Elfjähriger ohne elterliche Fürsorge, in der Obhut einer Minderjährigen – für den Jugendschutz ein klarer Fall. Das weiß auch Aug: Weil er nicht von seinen Geschwistern getrennt und in eine Pflegeeinrichtung kommen will, schmeißt er die Schule. Er will retten, was noch an Familie zu retten ist!

Doch mit dem Schulabbruch beginnt die Abwärtsspirale erst: Augustine verbringt seine neu gewonnene Freizeit häufig auf der Straße, wird von älteren Jungs angequatscht und mitgezogen. Irgendwann beginnen die Rüpel, denen Rubit hinterher trottet, mit Einbrüchen. Dass die Grenze zum Ernst da bereits überschritten ist – für einen Elfjährigen ist das nicht ersichtlich. Erst, als die Clique bei einem Hauseinbruch von den Eigentümern gestellt und mit Schusswaffen verfolgt wird, öffnet sich der stille Aug seiner Schwester: „Er war nie jemand, der Probleme mit nach Hause brachte“, erinnert sich Lorraine. „Augustine war nur so jung – ihm tat sein Umfeld nicht gut.“ Daher beschließt sie, ihren Bruder in die Hände einer Familienfreundin zu übergeben. Für Rubit ist es der erste Schritt aus dem Schlamassel.

Raus aus dem Schlamassel!

Augustines erste sportliche Liebe gehört dem Football. Als Teenager ist er zwar groß und massig, aber trotzdem behände und schnell – eine Dampfwalze auf zwei Beinen! Es sind Attribute, die ihn schließlich auch im Basketball zu einem aussichtsreichen Talent machen, erst recht, als er mit 15 Jahren binnen kurzer Zeit auf über 1,90 Meter in die Höhe schießt. Nach Ablauf seines ersten High-School-Jahres wird Rubit zu einem neu gegründeten Sommerteam eingeladen: Die TUAC Warriors sind ein stadtübergreifendes Basketball-Projekt, das Kinder aus allen Vierteln zusammenbringt. Für Rubit eine völlig neue Erfahrung: „Das war das erste Mal, dass ich in engen Kontakt zu Weißen kam.“

Die Warriors werden für Rubit zur Ersatzfamilie. An Spieltagen versammelt sich das Team fortan regelmäßig auf dem Familienanwesen von Point Guard Matt Trauber, dessen Eltern das Projekt mit Herzblut leiten. Vater Stephen – ein ehemaliger College-Spieler – coacht das Team, Mutter Leticia kocht für alle und fährt die Spieler ohne eigenen Abholservice vom Training nach Hause – darunter auch Rubit. „Er stach hervor, und das nicht nur, weil er der beste Spieler im Team war“, erinnert sich Leticia Trauber. „Augustine war sehr schüchtern, trug oft die gleichen Klamotten und sah häufig aus, als hätte er schlecht gegessen.“ In der Folge laden die Traubers Rubit immer öfter zu sich ein. Er verbringt ganze Wochenenden mit dem gleichaltrigen Matt, begleitet die Familie auf Ausflüge – und wird so nach und nach ein Teil von ihr. Später, als die Elite-Unis bei dem Toptalent anklopfen, ermöglichen Leticia und Stephen Augustine Besuche an einem halben Dutzend Hochschulen im ganzen Land. Die Bekanntschaft mit der Trauber-Familie ebnet Rubit den Weg in den Leistungssport. „Man kann nicht in Worte fassen, was sie für mich getan haben“, sagt er heute. „Ohne sie wäre ich jetzt nicht hier.“

Wie sehr die Traubers als fürsorgliche Ersatzfamilie hinter Rubit stehen, zeigt ein Vorfall aus dem Sommer 2006. Es ist zwei Tage vor dem Endspiel um die texanische Sommermeisterschaft, als Rubit im Schlaf von einer Spinne ins Knie gebissen wird; am nächsten Morgen ist das Gelenk auf die doppelte Größe angeschwollen. Aussetzen kommt für Rubit aber nicht in Frage, „denn ich hatte nie zuvor so viel Spaß wie in diesem Sommer.“ Doch Leticia Trauber bleibt hart – und trotzt Rubit ein schicksalsträchtiges Versprechen ab: Zur Halbzeit muss er die Halle verlassen; ein Arzttermin ist anberaumt. Rubit hält Wort – und hat großes Glück: Der Spinnenbiss erweist sich als so giftig, dass ein weiterer Aufschub schwere Folgen bis hin zur Amputation des Unterschenkels hätte haben kommt. So kommt Aug mit dem Schrecken davon, und kehrt nach kurzer Antibiotika-Behandlung aufs Parkett zurück, wo er bald auch am College alles in Grund und Boden spielt.

Der Zwei-in-Eins-Spieler

Augustines erster Berufswunsch ist Tierarzt. Ihn faszinieren die verschiedenen Tierarten, und besonders Hunde, seit er in den Straßen von Houston einen Welpen auflas und selbst aufzog. Später, an der University of South Alabama, entscheidet er sich für ein Studium der Kommunikationswissenschaften. Sein Ziel aber bleibt das Gleiche: Als erster aus seiner Familie einen College-Abschluss machen. Basketball? Spielt in seinen Zukunftsplänen eine untergeordnete Rolle: „Ich wollte Basketball als Hobby weiter betreiben“, erzählt er. „Eine Profi-Karriere hatte ich lange nicht im Blick. Ich dachte nicht, dass ich gut genug wäre.“ Er täuscht sich: Am Ende der Saison 2011/12 wird Rubit zum Spieler des Jahres in seiner Conference gekürt, zu Beginn seiner Abschlusssaison bricht er den 17 Jahre alten Rebound-Rekord an seiner Uni. Er wird als NBA-Anwärter gehandelt, ESPN berichtet, die Scouts sitzen bei seinen Spielen in Scharen auf den Tribünen. Doch die Draft 2014 vergeht, ohne dass Rubits Name genannt wird. Letztlich ist da bei allen Teams der eine Vorbehalt: Für einen Innenspieler in der NBA zu klein – für einen „Stretch-Vierer“ zu wurfschwach.

Thorsten Leibenath teilt diese Einschätzung nicht – zumindest für den europäischen Basketball. Als der Ulmer Head Coach in der Offseason die Besetzung der Power-Forward-Position abwägt, sieht er in Rubit einen Spieler, der seine Spielidee „auf Groß“ von Grund auf verändern könnte. „In den Vorjahren hatten wir immer einen klassischen Shooter auf der Vier – und daneben einen Wühler“, verdeutlicht Leibenath eine Aufgabenteilung, die Maarty Leunen und Isaiah Philmore zuletzt beispielhaft ausführten. „In Augustine sehen wir das Potential, diese beiden Spielertypen in einem Akteur zu vereinen.“ Und Rubit zahlt das Vertrauen zurück: In seinen ersten drei Bundesliga-Spielen im orangen Dress tritt er nicht nur gewohnt dominant am Korb auf – und fischt sich 26 Rebounds –, „Big Aug“ versenkt auch insgesamt fünf Dreier. Allein bei der Saisonpremiere in Berlin sind es drei Distanzbomben. Rubit, ein Two-in-One-Player – quasi der „Drei-Punkte-Wühler“.

Masse + Bewegung = pure Dominanz!

Während Rubits Leistungskurve danach weiter konstant hoch verläuft, fällt seine Produktivität als Schütze ab. Bis Redaktionsschluss nimmt er 13 weitere Distanzwürfe, trifft davon jedoch nur einen. Die Dreierflaute ist aber erklärbar, so, wie vieles im Spiel eines 26-Jährigen, dessen spielerische Reife seinem Alter noch hinterher hinkt. Bis zur High School – da ist Aug 15 – spielt er kaum Basketball, und auch danach nur bedingt organisiert: „Wir waren 30 Kinder, die wild durcheinander rannten – so niedrig war das Niveau“, beschreibt Aug seine Schulerfahrungen mit Basketball. Am College lernt er erstmals überhaupt taktisches Rüstzeug, erfährt, was Pick-and-Roll ist, und wie ein Block korrekt zu stellen ist. Bis dahin ist Rubit übrigens ausschließlich der Typus „Wühler“. Dreier werfen? Darf er nicht. Es dauert bis zu seiner Abschlusssaison, ehe seine Trainer die Mottenkiste zuklappen und ihrem Big Man auch den Distanzwurf zutrauen. Dass Rubit trotz alledem so schnell Wurfqualitäten entwickelt hat, verwundert Thorsten Leibenath nicht: „Augustine saugt Informationen auf wie ein Schwamm. Er ist extrem lernbegierig“, so der Head Coach von ratiopharm ulm.

Wie ein Spieler trotz dieses Rückstands bei den sogenannten „Fundamentals“ – also den Grundlagen des Spiels – zu den besten Spielern seiner Position zählen kann? „Athletik“, sagt Thorsten Leibenath. In Rubit verbinden sich körperliche Attribute, wie sie in dieser Form selten zusammen kommen: „Augustine hat einen Oberkörper, der für Verdrängung sorgt“, so Leibenaths Beschreibung. „Gleichzeitig ist er sehr schnellkräftig und meist eher oben als andere Spieler.“ Masse plus Bewegung, dazu Hände von satten 25 Zentimeter Länge – das ergibt in der Summe einen der dominantesten Big Man Deutschlands. Nirgendwo wird das deutlicher als an den Brettern: Im ersten Saisondrittel greift Ulms Nummer 21 die fünftmeisten Rebounds der Beko BBL ab (6,9 pro Spiel); die vier vor ihm liegenden Spieler sind allesamt größer als der Ulmer (2,01 Meter).

„Ich muss meine Zurückhaltung ablegen“

Doch Augustine Rubit auf seine Qualitäten am Korb zu beschränken, wäre falsch. Denn wer genau hinblickt, entdeckt mehr. Da ist Rubit, der auch aus der Halbdistanz ein weiches Händchen besitzt. Rubit, der am eigenen Korb aufräumt und so die letzte Ulmer Verteidigungsreihe bildet (1,6 Blocks). Und Rubit, der defensive Tausendsassa, dem Thorsten Leibenath bescheinigt: „Augustine kann alle fünf Positionen verteidigen, zumindest vorübergehend. In dieser Hinsicht hätten wir keinen besseren Spieler finden können“, betont der Ulmer Head Coach.

Was also fehlt Augustine Rubit noch zum kompletten Basketballer, vielleicht zu einem Spieler mit Euroleague-Format? Woran hapert es – außer an etwas spielerischer Reife? Die Antwort liegt – buchstäblich – in dem, was der 26-Jährige nicht sagt, und so dauert es 40 Minuten, bis zu eben dieser letzten Frage nach seiner größten Schwäche, ehe es aus Rubit heraussprudelt: „Das Team braucht deutlichere Ansagen von mir. Das ist mein größtes Problem. Ich habe immer viel allein gemacht. Als Kind saß ich allein in meiner Ecke und habe gespielt, später bin ich allein auf den Freiplatz gegangen. Ich bin noch zu zurückhaltend. Das muss ich ablegen.“

Er sei aber schon offener geworden, sagt Rubit, und auch Thorsten Leibenath meint: „Wenn er sich einmal an sein neues Umfeld gewöhnt hat, ist da Potential, dass er kommunikativer wird.“ Geben wir Augustine Rubit etwas Zeit – es hat sich bislang immer gelohnt.

Noch mehr Ulmer Basketballer gibt es in der OrangeZone: Hier geht es zur aktuellen Ausgabe des Ulmer Klubmagazins.

comments powered by Disqus

Die Wechselbörse 2017/18

Immer auf dem aktuellen Stand!

easyCredit Telekom TipBet Spalding Ranko Kinder plus Sport