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BIG - Basketball in Deutschland
„Als guter Spielmacher ist die Grenze zum Arschloch nicht weit“ – Ulms Aufbau Per Günther im BIG-Interview

„Als guter Spielmacher ist die Grenze zum Arschloch nicht weit“ – Ulms Aufbau Per Günther im BIG-Interview

— Interview: Jan Finken

Ulms Nationalspieler Per Günther zählt seit Jahren zu den besten Spielma-chern der Liga, obwohl er weder Amerikaner ist noch überragende athletische Fähigkeiten hat. Warum es der gebürtige Hagener trotzdem in der Beko BBL geschafft hat und wohin es noch gehen soll, sagt er im großen BIG-Interview:

Per, war dir eigentlich von Beginn an klar, dass die Eins deine Position ist?

Seitdem ich Basketball spiele, ja. Und das hatte nichts mit der Körpergröße zu tun, auch wenn ich als der Kleinste, aber Schnellste bei der Trikotvergabe immer die Nummer 4 bekommen habe, der Längste bekam die 15. Ich habe nicht bewusst darüber nachgedacht, der Point Guard sein zu wollen – das war einfach so. Ich wollte immer den Ball haben und das Spiel diktieren, wobei ich in der Jugend auch sehr stark aufs Scoren fokussiert war.

Die Eins gilt nach wie vor als die schwierigste Position im Basketball. Siehst du das als „Betroffener“ genauso?

Die Erwartungen an den Spielmacher sind nun einmal immer sehr groß, wobei sich in den vergangenen zehn, 15 Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. Früher lag es vermeintlich immer am Spielmacher, ob man gewinnt oder verliert; so extrem ist es heute nicht mehr. Dennoch hast du als Point Guard immer eine Sonderrolle, ob es dir gefällt oder nicht.

Gefällt es dir?

Ich habe mich im Backcourt immer wohlgefühlt und auch kein Problem damit, Verantwortung zu übernehmen. Wobei ich sagen muss, dass ich mich mit den Anforderungen an einen Spielmacher früher sehr schwergetan habe. Ich war in jungen Jahren eher ein Scorer als ein Ballverteiler – was einfach daran lag, dass ich nicht viele Möglichkeiten kannte, um meine Mitspieler in Szene zu setzen! Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sommer mit der A-Nationalmannschaft unter Dirk Bauermann erinnern: Was ich da in nur sechs Wochen gelernt habe, war unglaublich! Darunter waren die einfachsten Sachen, etwa beim Pick’n’Roll auf den freien Schützen auf der Weakside achten – für mich war das alles Neuland.

Der Stopfer über John Bryant:

Heute zählst du zu den besten Deutschen der Liga, und das auf einer Position, die in der Beko BBL normalerweise von Amerikanern besetzt wird. Warum hast du dich durchgesetzt?

50 Prozent würde ich meinen guten Entscheidungen zuschreiben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, die anderen 50 Prozent waren Glück. Nach meinem Wechsel von Hagen nach Ulm hatte ich mit Mike Taylor einen Coach, der mir total vertraut und mir das nötige Selbstbewusstsein gegeben hat. Es war nicht selbstverständlich, dass er einen jungen Deutschen in dessen zweitem Erstligajahr auf der Eins starten lässt. Am Ende des Tages hat mir stets geholfen, dass ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Ich konnte mein Spiel schon immer gut an die jeweilige Situation adaptieren, dennoch kommt es auch immer auf die Umstände im Verein an. Ich würde wahrscheinlich nicht in jedem Team so funktionieren wie in Ulm.

Warum warst du überzeugt davon, dass du dich, der aus der ProA kam, in der BBL durchsetzen wirst?

Davon war ich gar nicht überzeugt. Ich würde mich zwar als durchaus selbstbewusst bezeichnen – ohne Selbstbewusstsein hast du als Point Guard gar keine Chance – aber ich bin das Abenteuer 1. Liga sehr demütig angegangen. Ich wollte meine Nische in der Liga finden, denn deutsche Spielmacher, die in ihren Teams eine Rolle gespielt haben, gab es damals so gut wie gar nicht. Gordon Geib war seinerzeit der einzige, der das geschafft hat, weil er mit seinem Spiel einen Weg gefunden hat, seiner Mannschaft zu helfen. Eisenhart verteidigen, Ballverluste vermeiden, ab und zu einen Dreier treffen: Das hielt ich damals für das Nonplusultra, was ein deutscher Spielmacher in der Liga schaffen kann. Ich hatte Zweifel, ob ich das wirklich packe, deswegen habe ich in meinem ersten Bundesligajahr parallel angefangen zu studieren. Phasenweise saß ich samstagvormittags noch in der Uni, nachmittags stand dann ein Spiel an. Das war alles andere als eine gute Vorbereitung und konnte auf lange Sicht nicht gut gehen.

Heute bist du sehr selbstbewusst; was hat dich damals zweifeln lassen, ob du es in der 1. Liga schaffen kannst?

Als Jugendlicher lebst und spielst du in den jeweiligen Jahrgängen. Bei mir waren Jungs wie Lucca Staiger, Oskar Faßler, Tim Ohlbrecht oder Sajmen Hauer dabei, die damals einfach sehr viel weiter waren als ich. Und ich konnte mich schon zu dieser Zeit sehr gut selbst einschätzen.

Dennoch bist du heute der Einzige, der in seinem Klub absoluter Leistungsträger ist. Warum hast du es geschafft und beispielsweise Oskar Faßler oder Sajmen Hauer nicht, denen seinerzeit eine große Zukunft bescheinigt wurde?

Wie ich eben schon gesagt habe, konnte ich mich immer schon gut anpassen und meinen Mannschaften das geben, was gerade gebraucht wurde. Außerdem hatte ich Glück mit meiner Situation in Ulm, wo ich mit meiner Art zu spielen gut hineinpasse. Man kann mich nicht in jedes System hineinschmeißen.

Anpassungsfähigkeit, Glück … das reicht mir als Erklärung, warum ein 1,84 Meter großer Deutscher auf der wichtigsten Position seit Jahren Akzente setzt, ehrlich gesagt nicht.

Mit den Point Guards ist es wohl ein wenig wie mit Torhütern und Linksaußen im Fußball; von denen sagt man ja, dass sie ein wenig verrückt sind. Und eine Prise Verrücktheit, eine gewisse Frechheit brauchst du als Spielmacher einfach, um gut zu sein und dich von der Masse abzuheben.

Du musst als guter Spielmacher kein Asi sein, um dich durchzusetzen, aber die Grenze zum Arschloch ist nicht weit …

Du meinst das Schaffartzik-Gen …

Heiko ist sicher ein Paradebeispiel für einen selbstbewussten deutschen Point Guard, der für die eine oder andere verrückte Situation gut ist. Ich will nicht so weit gehen, dass du als guter Spielmacher ein Asi sein musst, um dich durchzusetzen, aber die Grenze zum Arschloch ist nicht weit … (lacht) Was ich damit sagen will: Du brauchst als deutscher Spielmacher eine gewisse Attitüde, um dich ganz oben durchzusetzen. Heiko hat sie, Dennis (Schröder, Anm. d. Red.) hat sie, Konsti (Konstantin Klein) auch. In dieser Liga wird ein deutscher Point Guard, vor allem wenn er jung ist, ganz anders verteidigt: viel härter, viel intensiver, viel aggressiver. Plötzlich siehst du dich einer Presse mit mehreren Zwei-Meter-Monstern gegenüber, du bekommst Druck, verlierst den Ball … diese Phase musst du erst mal überstehen. Ich habe mich damals mit 21 Jahren von meinem spielerischen Niveau nicht als Starter in der Bundesliga gesehen, trotzdem hat mich Mike in die erste Fünf gestellt. Ich habe viel Lehrgeld bezahlt, später aber beispielsweise auch 28 Punkte gegen Oldenburg erzielt. Für mich war das eine gute Schule und eine lehrreiche Zeit.

Dein Vertrag in Ulm läuft noch bis 2017, dann bist du 29 Jahre alt und im besten Basketballalter. Was kommt dann?

Tja, was kommt dann … Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, weil dann vieles von meiner persönlichen und gesundheitlichen Situation abhängen wird. Ich werde im Sommer heiraten, allein dadurch verschieben sich Prioritäten. Derzeit bin ich glücklicherweise frei von Verletzungen, das war in den vergangenen Jahren auch nicht immer der Fall. Insofern wird es immer schwieriger, vorauszusagen, was in einem halben oder in einem Jahr sein wird.

Eine der Fragen wird dann auch lauten: Für immer Ulm, oder doch eine neue Herausforderung?

Ist genauso schwierig zu beantworten. Bleibe ich bei dem Klub, bei dem ich mich absolut wohlfühle und wo ich 100-prozentig hineinpasse, oder versuche ich mit einem anderen Verein, einen Titel zu gewinnen? Es ist vielleicht auch nicht so schön, am Ende der Karriere nur Sportblogger-Awards und den Pokal für den Most Likable Player gewonnen zu haben.

Das komplette Interview könnt Ihr in der aktuellen Ausgabe der BIG lesen, die es ab sofort im Handel gibt!
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Außerdem gibt es im Heft noch folgende Themen:

Inhalt BIG #52

Der BIG Hallen-Report - Welche Hallen sind fit für 2020? Welcher Klub plant neue Arenen? Alle 18 Manager der BBL-Klubs sprechen in BIG
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Uli Hoeneß - Neuer Schub? Was die Rückkehr des Machers für den Basketball in München bedeutet

Brandon Ashley - Albas Rookie-Forward erklärt in BIG, warum er jetzt nach Europa wechselte und wie er den Berlinern helfen kann
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