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BIG - Basketball in Deutschland
„Minus 20 Grad sind schon fast Sommer“ – Ulms Tim Ohlbrecht über sein Jahr in Sibirien Florian Röske

„Minus 20 Grad sind schon fast Sommer“ – Ulms Tim Ohlbrecht über sein Jahr in Sibirien

— Interview: Alexander Büge

Tim Ohlbrecht spielte in der vergangenen Saison als erster deutscher Spieler überhaupt in Sibirien. 6500 Kilometer von seiner Geburtsstadt Wuppertal entfernt, erlebte er eine für ihn unbekannte Welt. BIG sprach mit ihm über sein Jahr in der Kälte:

Wie bei den meisten deutschen Top-Basketballern ist auch bei Tim Ohlbrecht der Sommerurlaub zu Ende gegangen. Zusammen mit seiner Frau Katrina hatte es sich der ehemalige NBA-Spieler (drei Spiele und drei Punkte für die Houston Rockets) in den USA gemütlich gemacht und die sibirische Kälte gegen die texanische Sommersonne ausgetauscht. Neben der Leitung einiger Basketballcamps und verschiedenen Pick-up-Games stand für Ohlbrecht eine Entscheidung ganz oben auf der Agenda: Der Kauf eines gemeinsamen Hauses unweit von San Antonio. Genauer gesagt in Medina Lake, der Heimat seiner Frau, die nun zu Ohlbrechts Hauptwohnsitz geworden ist. Und genau dort startete der 27-jährige Big Man zusammen mit Shot Doctor David Jones (langjähriger Spieler des UBC Heidelberg) Anfang Juni sein Work-out, um sich für seinen künftigen Arbeitgeber in Form zu bringen. Auch wenn es den 2,10-Meter-Mann in der kommenden Saison zurück nach Ulm treibt, steht eines fest: In Sibirien hat Ohlbrecht einmalige Erfahrungen fürs Leben gesammelt.

Tim Ohlbrecht, Sie haben in Ihrer Karriere schon einiges erlebt, sind Deutscher Meister geworden, haben an den Olympischen Spielen teilgenommen und in der NBA gespielt. War Ihr Aufenthalt im russischen Krasnojarsk dennoch das außergewöhnlichste Basketballjahr Ihrer Karriere?
Ja, das war dort schon eine andere Nummer. In den USA konnte ich mich wenigstens gut verständigen. In Russland ist das ganz anders. Dort spricht kaum jemand Englisch. Vor allem im Alltag wird es schwierig. Selbst ein Ausflug zum Supermarkt kann in Sibirien schon mal zu einem kleinen Abenteuer werden.

Inwiefern?
Die Buchstaben sind dort andere als bei unserem Alphabet, sodass man kaum etwas lesen konnte. Das kann einen solchen Ausflug sehr kompliziert machen. Zudem gibt es in Sibirien nicht zu jeder Zeit sämtliche Lebensmittel im Supermarkt, so wie man es in Deutschland oder den USA gewohnt ist. Viele Sachen müssen eingeflogen werden und waren deshalb oftmals für einen längeren Zeitraum nicht zu bekommen. Darauf mussten meine Frau und ich uns erst einmal einstellen. Bei einigen Lebensmitteln konnten wir auch nur raten, worum es sich genau handelt. Einmal haben wir dadurch eine ziemlich böse Überraschung erlebt. (lacht)

Welche?
Mein Frau wollte Spaghetti bolognese machen und Hackfleisch dafür kaufen. Zu Hause angekommen, haben wir festgestellt, dass das Fleisch etwas anders riecht und eine andere Konsistenz hat, obwohl die Übersetzung für dieses Produkt Hackfleisch ergeben hat. Auch der Geschmack war beim Essen ziemlich ungewöhnlich, woraufhin wir ein Foto gemacht und es einigen Teamkollegen geschickt haben. Die haben uns anschließend mitgeteilt, dass wir gerade Innereien essen. Also Leber, Herz, Magen. (lacht)

Auch die Winterkälte von minus 20 Grad und mehr muss für Sie gewöhnungsbedürftig gewesen sein.
Minus 20 Grad sind in Sibirien schon fast Sommer. Im Winter hatten wir Temperaturen von bis zu minus 40 Grad. Für längere Zeit draußen zu sein, war also nicht möglich, selbst wenn man sich ein wenig an diese arktischen Temperaturen gewöhnt hat. Von unserer Wohnung aus waren es etwa zehn Fußminuten bis zum nächstgelegenen Einkaufszentrum. Auf diesem kurzen Weg sind wir im Winter fast erfroren, um es übertrieben zu formulieren. Mein Bart war innerhalb von etwa einer Minute komplett eingefroren. Deswegen haben wir dort auch quasi alles mit dem Taxi erledigt, was preislich gesehen nicht mit Deutschland zu vergleichen ist. Dort bezahlt man für eine Tour zum Einkaufszentrum und zurück inklusive Wartezeit des Fahrers etwa drei Euro.

Für nahezu jedes Spiel mussten Sie mehrere Zeitzonen durchqueren, wenn es nach Westeuropa ging, sogar sechs. Eine Belastung, die der eines NBA-Teams ähnelt.
Damit eure Leser eine Vorstellung davon haben: Jeder Flug von Krasnojarsk nach Moskau dauerte fünf Stunden. Von dort aus sind es dann nochmals fünf Stunden nach Deutschland. Umgekehrt waren es von Krasnojarsk aus nur zweieinhalb Flugstunden nach Peking. Dem NBA-Alltag ähnelten die Reisen also schon. Allerdings stand uns, wie allen anderen Teams außer ZSKA Moskau und Lok Kuban, kein Privatjet zur Verfügung. Wir waren also auf normale Linienflüge angewiesen und mussten mit den übrigen Passagieren um die besten Plätze kämpfen. Deswegen hat mich das Basketballspielen auch deutlich weniger belastet als die vielen Stunden im Flieger. In der NBA wird dir nach dem Flug die Müdigkeit aus den Beinen massiert. In Russland war das leider nicht der Fall, da die Mittel der Teams natürlich begrenzter sind als in der NBA.

Warum haben Sie dieses Abenteuer auf sich genommen? In Ulm hätten die Verantwortlichen Sie gern gehalten.
Ich werde nicht jünger, und finanziell war das Angebot um Welten besser als die Angebote der BBL-Teams. Zudem ist es ein Privileg, als Sportler in anderen Ländern zu spielen und die dortige Kultur kennenlernen zu dürfen. Basketballerisch und menschlich kann man von solch einer Situation nur profitieren. Deshalb war die Entscheidung, nach Sibirien zu gehen, auch zu 100 Prozent richtig. Ich habe so Städte und Sichtweisen kennengelernt, die ich in meinem Leben sonst nie erfahren hätte.

Inwiefern spielt Geld für Sie im Alter von 27 Jahren eine Rolle? Sie haben 2013 zwar einen Vertrag bei den Houston Rockets unterschrieben, aber auch zwei Jahre in der D-League gespielt, wo die Gehälter lediglich zwischen 25 000 und 50 000 Dollar pro Saison lagen.
Ich bin verheiratet und im nächsten Jahr vielleicht auch schon Vater. So viele Profijahre habe ich in meinem Körper auch nicht mehr drin, obwohl ich gern noch sechs oder sieben Jahre auf hohem Niveau spielen möchte. Dennoch weiß man nie. Wenn eine Verletzung kommt, dann kann eine Karriere ganz schnell zu Ende sein. Aus diesen Gründen spielt Geld für mich mittlerweile natürlich eine größere Rolle. Jetzt bei einem Team zu unterschreiben, wo ich deutlich weniger verdiene, dafür aber 35 Minuten lang auf dem Feld stehe, macht für mich deshalb auch keinen Sinn.

Bevor Sie in die USA gewechselt sind, sagten Sie, dass es Ihnen in Deutschland zu viel geworden ist. Nach zwei Jahren in der NBA und der D-League folgte schließlich eine erfolgreiche Saison in Ulm. Zu Beginn der Saison 2014/2015 betonten Sie im BIG-Interview, dass Sie den Basketballfans in Deutschland gern den richtigen Tim Ohlbrecht zeigen wollen. Ist Ihnen das damals gelungen?
Ich denke schon. Besonders die Leute in Ulm haben mich näher kennenlernen können und haben jetzt ein komplett anderes Bild von mir. Ich habe bewiesen, dass ich nicht nur älter, sondern auch reifer geworden bin. Ich bin nicht mehr der Junge, der unerfahren durch die Gegend zieht. Ich habe jetzt eine Frau und weiß, welcher Weg der richtige ist. Ich habe aus den negativen Erfahrungen gelernt. Wenn ich im nächsten Jahr hoffentlich auch Vater bin, habe ich ohnehin eine höhere Verantwortung.

Haben Sie vor Ihrer Zeit in den USA Fehler gemacht, die Sie bereuen?
Nein, ich bereue gar nichts. Die Fehler, die ich gemacht habe, sind menschlich und man lernt aus ihnen. Ich hatte in Deutschland niemanden, der mir gesagt hat, wo es als talentierter junger Spieler langgeht. Viele haben gesagt: Dirk Nowitzki hätte doch dein Vorbild sein können. Doch Dirk habe auch ich die meiste Zeit des Jahres nur im TV gesehen. Ich konnte also nicht kurz mal mit ihm quatschen und ihn um Rat fragen. Ich musste meine eigenen Erfahrungen machen. So habe ich damals auch Fehler gemacht. Aber durch diese Fehler bin ich gewachsen, sie haben mich weitergebracht. Deswegen würde ich den Weg, den ich gegangen bin, auch nicht ändern wollen.

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