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„In Ulm wurde ich das erste Mal richtig akzeptiert.“ – Tim Ohlbrecht im großen OrangeZone-Interview Florian Achberger

„In Ulm wurde ich das erste Mal richtig akzeptiert.“ – Tim Ohlbrecht im großen OrangeZone-Interview

— Martin Fünkele

Tim Ohlbrecht kehrt nach einem Jahr in Sibirien zurück nach Ulm. Im Interview mit OrangeZone spricht der 27-jährige Center über die Extreme in Russland und warum er in Ulm das erste Comeback seiner Karriere gibt.

Tim, das erste Mal in deiner Karriere kommst du zu einem Club zurück, für den du bereits gespielt hast. Wie kam es dazu?
Tim Ohlbrecht: Ich bin ja im Sommer 2015 mit einem weinenden Auge aus Ulm gegangen und wäre wirklich gerne geblieben. Aber als das finanziell einfach riesige Angebot aus Russland kam, musste ich das annehmen. Jetzt habe ich mit meiner Frau Katrina gemeinsam überlegt, was wir für die nächsten Jahre wirklich wollen. Wollen wir noch mal ein Abenteuer wie Russland oder was total Verrücktes wie Nordkorea machen, oder wollen wir zu einem Verein gehen, wo wir wissen, was wir haben? Ich kenne den Trainer, die Stadt und auch Katrina hat sich im Ulm wohlgefühlt. Wenn du mehr Spaß bei dem hast, was du tust, gewinnst du auch häufiger. In Russland hatte ich vielleicht mehr Geld, dafür aber eben nicht so den Draht zu meinem Team, wie ich das in Ulm erlebt habe. Außerdem siehst du in Sibirien nicht viel mehr als dein Apartment – es gibt ja nichts zu tun. Vor dem Hintergrund, dass meine Frau ein Kind erwartet, habe ich mir all diese Dinge genau überlegt und mich dann sehr gerne für Ulm entschieden.

Du hast dich also trotz besserer Angebote von anderen Vereinen bewusst für Ulm entschieden?
Ohlbrecht: Ja, aber die Frage ist ja, was heißt bessere Angebote? Finanziell gab es vielleicht bessere Angebote, aber wenn ich das Gesamtpaket betrachte, hatte Ulm das beste Angebot. Wenn mir andere Vereine mehr Geld bieten, heißt das ja nicht, dass das dann dort für mich und meine Frau besser ist. Für uns hatte Ulm das beste Angebot – deshalb habe ich unterschrieben.

Hast du es bereut, Ulm verlassen zu haben?
Ohlbrecht: Auf jeden Fall. Mir hat es in Ulm ja super gefallen und ich wusste, wo mein Platz war. Natürlich habe ich mir in Russland manchmal gedacht, warum tue ich mir das an? Aber ich hatte mich eben dazu entschieden, nach Sibirien zu geben und dann ziehe ich das auch durch.

Was ist anders an Ulm im Vergleich zu Bamberg, Leverkusen, Frankfurt und den anderen Teams bei denen du deine Spuren hinterlassen, aber nie ein Comeback gegeben hast?
Ohlbrecht: Ich wurde in Ulm das erste Mal so anerkannt, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich wurde respektiert und so gesehen, wie ich mich auch selbst sehe. Sowohl mit dem Coach, dem Staff, den Fans und den Leuten im Office hat es einfach gut funktioniert. Ich glaube, ich habe als Charakter gut reingepasst und das war auch der Grund, warum ich wieder zurückgekommen bin.

Du warst als erster deutscher Basketballer in Sibirien, hast heute deinen Hauptwohnsitz in San Antonio, also in glühender Hitze. Du liebst die Extreme, oder?
Ohlbrecht: Auf jeden Fall. Ich schrecke vor gar nichts zurück. Ich mag es, gegen den Strom zu schwimmen und meinen eigenen Weg zu gehen. Kritik höre ich mir gerne an, Entscheidungen treffe ich aber auf meine Weise. Manchmal fällst du hin, dann stehst du wieder auf. Und manchmal musst du dich einfach durchbeißen. Das lernst du nur in Situationen, in denen es auch ein bisschen brenzlig werden kann. Deshalb bin ich auch nach Russland gegangen.

Was war deine extremste Erfahrung in Krasnojarsk?
Ohlbrecht: Das Extremste war, als ich bei minus 45 Grad vom Flughafenbus zum Flieger laufen musste. Das waren zwar nur 300 Meter aber das hat gereicht, dass ich fast eingefroren bin. Die Kälte war extrem, was den Fliegern nichts ausgemacht und die Frauen dort nicht davon abgehalten hat, mit Stöckelschuhen raus zu gehen. Aber auch Alltagssituationen waren extrem. Wenn du in einen großen Supermarkt kommst und feststellst, dass einige Lebensmittel für mehrere Wochen nicht da sind, ist das schon gewöhnungsbedürftig. Da in Sibirien alles importiert wird, kann es sein, dass Produkte ausgehen, weil der Nachschub durch die Kälte nicht rechtzeitig geliefert wird. Da musst du schnell sein – das war eine kleine Herausforderung.

Ademola Okulaja hat von seiner Zeit bei Khimki Moskau von vergoldeten Wasserhähnen und einem Privatchauffeur erzählt. Hast du in Sibirien Ähnliches erlebt?
Ohlbrecht: Das war in Khimki – nicht in Krasnojarsk. Aber die Russen legen schon großen Wert auf die Apartments. Ich hätte eines mit eigener Sauna haben können, habe aber ein kleineres genommen, weil wir nur zu zweit waren und uns eh keiner besuchen kam. Einen Fahrer hatte ich nicht, aber die Taxen sind extrem billig. Wenn du dem Taxifahrer sagst, er soll dich zum Essen fahren, warten und dich später wieder nach Hause chauffieren, zahlst du vielleicht fünf Euro. Aber Khimki ist da schon nochmal anders – die haben auch ihren eigenen Flieger.

Und Fliegen ist in Russland ja nicht ganz so einfach…
Ohlbrecht: Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf die Busfahrten in der Bundesliga freue – die sind ja so angenehm. Die Fliegerei in Russland war einfach der Horror. Bei jedem Auswärtsspiel mussten wir mindestens acht Stunden fliegen. Fünf Stunden nach Moskau, dort vier Stunden warten und dann nochmal drei Stunden fliegen – plus den Zeitunterschied. Als wir in Frankreich gespielt haben, mussten wir sechs Stunden Zeitunterschied wegstecken. Das war echt brutal. Und dann immer in der Holzklasse, nix Business-Class mit Füße hochlegen …

Auf der FIBA Europe Seite wirst du damit zitiert: „Du musst dich an die Russen anpassen, sonst hast du keine Chance.“ Welche Anpassungen hast du gemacht?
Ohlbrecht: Du musst gewisse Sachen akzeptieren. Es ging mir so wie den Amis, die das erste Mal nach Deutschland kommen, die müssen sich auch umstellen. Es spricht niemand Englisch, auch die meisten russischen Teamkollegen nicht. Du musst positiv an die Sache rangehen und einige Dinge hinnehmen, wie sie sind. Wenn du das nicht machst, dich aufregst und so den Fokus verlierst, ist es schon zu spät. Ich habe versucht, ein bisschen Russisch zu lernen und mit den Leuten zu sprechen, das haben einige Amis nicht gemacht, die blieben lieber für sich. Deshalb kam es vor, dass ich bei Stress in der Kabine zwischen den Fronten stand.

Du hast die VTB League mit ähnlichen Zahlen (11,3 Punkte, 5,2 Rebounds) abgeschlossen wie 2015 deine Bundesliga-Saison in Ulm (12,1/5,3). Wie fällt dein persönlicher Vergleich der beiden Ligen aus?
Ohlbrecht: Ich bin mit meinen Stats recht zufrieden auch, wenn ich selten mehr als 20 Minuten pro Spiel auf dem Feld war. Trotzdem glaube ich nicht, dass ich mein Potential voll zeigen konnte – dafür waren einfach zu viele Egos im Spiel. Als Center bis du mehr als auf anderen Positionen auf deine Mitspieler angewiesen. Generell ist die VTB aber eine sehr starke Liga – besonders die Top8 Teams, da ist eine Menge Qualität und Geld im Spiel.

Dudley war für uns wie ein Kind. Für mich war er einfach alles. Sein Tod hat uns beide sehr mitgenommen.

Tim Ohlbrecht

Was können wir von dir bei deiner Rückkehr erwarten – was erwartest du selbst?
Ohlbrecht: Ich glaube, ich fange dort an, wo ich aufgehört habe. In Ulm habe ich einen großen Schritt in Richtung meiner Hundert-Prozent gemacht. Ich denke, ich werde mich schnell wieder eingewöhnen und ein guter Baustein sein, um das letztjährige Team zu ergänzen. Ich war beeindruckt davon, wie Ulm letztes Jahr zusammen funktioniert hat. Ich glaube, es herrscht eine wirklich gute Teamchemie in der Mannschaft. Das sagen mir die Leute, die ich dort kenne und das sieht man einfach. Ich habe es lieber, wenn du ein Team hast, das vielleicht ein bisschen weniger Talent, dafür aber großen Charakter hat.

Wie gehst du damit um, dass du in Ulm ein Team vorfindest, das letztes Jahr zu einer funktionierenden, erfolgreichen Einheit zusammengewachsen ist und schon einige Schlachten zusammen geschlagen hat?
Ohlbrecht: Ich mache mir keine Sorgen, dass ich nicht zur Mannschaft passen könnte. Als Teamkollege hatte ich noch nie Probleme. Ich bin schon zu Teams gekommen, bei denen alles perfekt war und ich war in Teams, die noch nicht fertig waren – da habe ich kein Problem. Ich finde es einfach nur großartig, wie Ulm die letzte Saison gedreht hat. Und die Geschichte ist ja noch nicht vorbei. Dadurch, dass der Kern der Mannschaft zusammen geblieben ist, müssen wir nicht wieder von null anfangen. Ich glaube, ich kann helfen die Geschichte erfolgreich weiterzuschreiben.

Wird es nicht schwer für dich, dir deinen Platz zu erkämpfen?
Ohlbrecht: Einen Platz musst du dir immer erkämpfen. Du wirst nicht in der Starting Five spielen, wenn du dem Trainer jeden Tag Kaffee bringst. Das habe ich so gelernt, das ist einfach so. Da ist es egal, was der Trainer dir vor der Saison erzählt. Wenn du dein Potential nicht abrufst und dich nicht in die Mannschaft integrierst, dann landest du auf der Bank.

Privat hast du einen bewegten Sommer hinter dir: Erst der Hauskauf mit deiner Frau Katrina, dann der Tod eures Hundes Dudley – zuletzt die Nachricht von Katrinas Schwangerschaft… das hört sich nach einer Achterbahnfahrt der Gefühle an.
Ohlbrecht: Die Sache mit Dudley hat mich echt getroffen. Es war schon bitter, dass die Nachricht seines Knochenkrebses in den Zeitraum fiel, als wir erfahren haben, dass Katrina schwanger ist. Dudley war für uns wie ein Kind. Für mich war er einfach alles. Vielleicht hat Dudley in den zwei Jahren, als wir vergeblich versucht haben, ein Kind zu bekommen, die Lücke gefüllt. Jetzt, als es mit der Schwangerschaft geklappt hat, war seine Aufgabe vielleicht einfach erfüllt. Sein Tod hat uns beide sehr mitgenommen. Aber jetzt schauen wir nach vorne und freuen uns auf zwei tolle Jahre in Ulm.

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