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BIG - Basketball in Deutschland
„Momentan spiele ich nicht gut genug, um zu starten“ – Per Günther im großen BIG-Interview

„Momentan spiele ich nicht gut genug, um zu starten“ – Per Günther im großen BIG-Interview

— Kai Zimmermann

BIG sprach vor dem Start der Playoffs mit Per Günther. Ulms Franchise Player über die wahren Chancen auf die Meisterschaft, seine ungewohnte Rolle von der Bank und eine überraschende Begegnung mit Henrik Rödl

Wenn du mir vorher gesagt hättest, diese Saison ist die größte Chance, was zu holen und gleichzeitig die erste seit neun Jahren, in denen ich richtige gesundheitliche Probleme habe – dann ist das tough. Das ist schwer zu schlucken.

Per, Wie wichtig wäre es für dich persönlich, einen Titel zu gewinnen? Du hast ja mehrere Endspiele mit Ulm verloren.

Das wäre schon wichtig. Man versucht es im Laufe seiner Karriere vielleicht 13- oder 14-mal. Ich meine, wir leben hier in Deutschland und nicht in den USA, aber schon bei Dirk hat man gesehen, dass dieser eine Titel in der Wahrnehmung einen Riesenunterschied ausmachen kann. Ich weiß nicht, ob das zwei oder drei Jahre, nachdem ich meine Karriere beendet habe, noch irgendwen interessiert, ob ich mal einen Titel gewonnen habe oder nicht. Ich glaub es eigentlich nicht, aber für die Stadt wird das eine Wahnsinnssache. Mit den Ulmern hier auf dem Münsterplatz eine Meisterschaft zu feiern, darüber mag man gar nicht nachdenken, so geil wäre das. Für den Verein, für alle. Wenn man überlegt, wo der Verein vor zehn Jahren stand und wo er heute steht – irre. Das wäre ein tolles Signal in die Liga, in die Stadt. Dass die Art und Weise, wie hier gearbeitet wird, eben auch absolut belohnt wird. So ein Titel hat eben doch immer noch mehr Substanz als eine Serie oder sonst was, zum Beispiel drei Vize-Meisterschaften in acht Jahren.

Was ist in dieser Saison noch mal besser als in den Jahren zuvor?

Ich denke, wir sind einfach noch mal tiefer. Auch wenn Raymar Morgan eine sensationelle Saison spielt. Wir sind wirklich tief, und das waren wir in den Jahren zuvor noch nicht so. Du kannst bei dieser Mannschaft nie sagen: Okay, jetzt ist das erste Viertel rum, jetzt kommt die Bank, jetzt machen wir was. Ulm fällt nicht mehr ab. Das gibt es bei uns so gut wie gar nicht mehr. Das ist extrem, wir haben mit Karsten und Tim zwei deutsche Spieler auf wahnsinnig hohem Niveau geholt. Und unsere Amis sind noch mal besser geworden. Wir haben es außerdem geschafft, irgendwie diesen Hunger zu erhalten. Wir haben zwar im vergangenen Jahr nichts unfassbar Tolles erreicht, aber wir waren als Außenseiter im Finale und haben eine prima Saison in Europa gespielt. Gut, das ist nichts, auf dem du dich ausruhen solltest, aber trotzdem: Wenn ein Großteil der Mannschaft zusammenbleibt, gibt es immer die Gefahr, dass du dich darauf verlässt, dass das schon irgendwie weiterlaufen wird. Und das war nicht so. Die Jungs haben weitergearbeitet, nicht nur individuell, sondern auch als Kollektiv. Jeder in dieser Mannschaft hat Extraschichten gemacht. Auch Raymar.

Sein Midrange-Jumper ist der Schlüssel zu allem. Den schießt er mit einem Dribbling rein. Da muss der Verteidiger ran, sonst schluckt er den jedes Mal. Das öffnet sein Spiel. Die Jungs in unserer Liga können ihn nicht verteidigen.

Per Günther über Ray Morgan

Ihr seid sicherlich kein Armenhaus, aber der Etat ist im Vergleich zu Bayern und Bamberg übersichtlich. Warum könnt ihr trotzdem Paroli bieten?

Das hat sicher mit der Zusammensetzung unseres Kaders zu tun. Ich denke, es ist eine Strategie, auch mal Risiko zu gehen. Wie bei Ray. Der ist mal beim Medizincheck in Bamberg durchgefallen. Ulm hat trotzdem auf ihn gebaut. Es gibt immer Gründe, warum ein Spieler bezahlbar ist. Das müssen keine Verletzungen sein. Es kann auch andere Gründe haben. Aber entscheidend ist, ob dieser Spieler eine bestimmte Qualität mitbringt.

Das hat bei Morgan wohl geklappt.

Ja. Aber wir haben es vor einem Jahr mit Carlon Brown gemacht, da hat es nicht funktioniert. Steven Esterkamp haben wir aus der ProA geholt, er hatte vorher lange nicht gespielt. Das hat sehr gut funktioniert. Wir müssen das Risiko in bestimmten Situationen einfach eingehen. Ansonsten, wenn wir ganz sicher sein wollen, reicht unser Budget einfach nicht aus, so ambitioniert einzukaufen, wie die anderen Mannschaften einkaufen können. Das ist unser Weg. Raymar ist das beste Beispiel dafür: Es kann eben sogar mehr als gut gehen.

Was macht Morgan so stark?

Oh, die Liste ist lang. Raymar macht die guten alten Sachen. Zum Beispiel nimmt er diesen verpönten Zweipunktewurf, den Midrange Jumper. Der ist der Hammer, dieser Wurf öffnet sein Spiel. Das Ding ist: Er schießt diese Dinger mit einem Dribbling rein, wenn du nicht dicht genug dran bist. Und zwar immer. Das ist der Schlüssel zu allem bei so einem Spiel. Wenn er diesen Wurf nicht hätte, könnten ihm die größeren Jungs viel mehr Platz geben. Dann wären sie immer noch schnell genug, um dranzubleiben. Nur: Jetzt ist es so, dass der Verteidiger ranmuss. Sonst schluckt er jedes Mal den Jumper. Den kannst du nicht verteidigen. Zumal er auch noch einen Euro-Step hat, was für einen großen Spieler ganz ungewöhnlich ist. Er hat ein, zwei richtige Crossover im Repertoire, er hat Athletik und Geschwindigkeit, er finished oft sehr unkonventionell. Zum Beispiel mit einem Jump Hook, der ein bisschen gestoßen aussieht. Die Dinger gehen alle rein. Kurzum: Die Jungs in unserer Liga können ihn nicht verteidigen.

Was ist ein Medizintest wert, wenn ein Spieler, der durchgerasselt ist, in der Liga jetzt derart dominiert?

Gute Frage. Fakt ist: Seine Athletik ist unglaublich. Versuche mal, einen Clip zu finden, auf dem ihn ein Guard aus dem Dribbling schlägt.

Okay.

Nein, warte, spar es dir. Den wirst du nicht finden. Diesen Clip gibt es nicht. Als Guard kannst du nur einen Dreier über ihn nehmen, beim Switch. Sonst kriegst du nichts gegen ihn. Er verteidigt jeden, er ist wild. Auch jeden Guard. Lateral ist er vielleicht der beste große Spieler, den ich kenne. Die Geschwindigkeit, mit der er dich angreifen kann – ich habe kein richtiges Mittel gesehen, mit dem man ihm beikommen kann.

Er spielt wahnsinnig unaufgeregt. Einmal Schulter drehen, Stepback, Dreier. Er kann über Staggers kommen, er kann Pick’n’Roll laufen, er kann passen, verteidigen. Er kann uns überall helfen. So ein Element brauchst du einfach.

Per Günther über Chris Babb

Hältst du es für wahrscheinlich, dass er in Ulm bleibt?

Ich glaube, es gefällt ihm in Ulm sehr gut. Er würde wahnsinnig gern bleiben, aber es ist das alte Spiel: All das reicht eben nur bis zu einem gewissen Punkt, und wenn er von anderswo einen Wahnsinnsvertrag angeboten bekommt, dann muss er ihn annehmen. Gerade wenn du ein Knie hast, von dem du nicht weißt, was es noch mit dir vorhat. Wenn er sich in zwei Jahren irgendwo absichern kann, dann muss er das machen. Denn daran führt kein Weg vorbei. Aber es gibt beim Verein schon das Bestreben, sich so weit wie möglich zu strecken. Seine Frau ist schwanger.

Chris Babb ist ebenfalls Leistungsträger. Er hat in dieser Saison offenbar auch einen Schritt gemacht.

Es ist beeindruckend, wie schnell er sich angepasst hat. Das ist vor allem bei Jungs, die NBA-Luft geschnuppert haben, keine Selbstverständlichkeit. Sich auf den europäischen Standard einzustellen, mental anzunehmen, wie gecoacht wird, dass zweimal am Tag trainiert wird – alles anders als in der NBA. Dazu lange Busreisen, kleine Trainingshallen, du musst hier als Profi viel selbstständiger sein. Das hat er sofort gecheckt. Ich glaube, spielerisch war von Tag eins an völlig klar, dass er das hier hinbekommen würde. Er spielt wahnsinnig unaufgeregt, du kannst ihn nicht aus seiner Geschwindigkeit herausbringen, auch als Coach nicht, wenn du in anschreist. Er hält immer seine Geschwindigkeit, weil es sein Game-Speed ist. Und er hat auch diese Physis. Einmal Schulter drehen, Stepback, Dreier. Er kann über Staggers kommen, er kann Pick’n’Roll laufen, er kann passen. Er kann verteidigen, er kann das Spiel lesen, er kann auf der Eins aushelfen. Er kann uns überall helfen, hat einen sehr hohen IQ. So ein Element brauchst du als Team einfach.

Du bist selbst in 13 Spielen gestartet, kommst aber schon eine Weile von der Bank. Hat das mit der Verletzung zu tun?

Ich bin sicherlich zu früh zurückgekommen. Ich wollte helfen, wollte Braydon Hobbs im Pokalspiel in Ludwigsburg trotz meiner Nackenverletzung ein paar Minuten Verschnaufpause geben. Das habe ich dann ein paar Spiele lang gemacht, da habe ich doch einiges verloren. Erst habe ich nicht ganz fit gespielt, dann habe ich nicht sehr gut gespielt. Dann gerätst du in einen Strudel, bei dem du nicht weißt, was es ist: Ist es noch Verletzung oder ist es irgendetwas anderes? Und ehrlich: Momentan spiele ich einfach nicht gut genug, um zu starten. So einfach ist das. Dafür gibt es Gründe, und am Ende des Tages macht Braydon Hobbs den Job momentan super. Wir gewinnen die Spiele, und ich spiele 15 Minuten. Wenn ich wieder besser spiele, werde ich wieder mehr spielen.

Ärgert dich das?

Wenn du mir vorher gesagt hättest, diese Saison ist die größte Chance, wirklich was zu holen, und dann ist es gleichzeitig die erste seit neun Jahren, in denen ich richtige gesundheitliche Probleme habe – dann ist das tough. Das ist schwer zu schlucken. Aber da muss ich mich jetzt durchbeißen, das Ego hinter mir lassen. Ich sehe die Situation, und ich muss das Beste draus machen. Ich muss die Rolle ausfüllen, die ich jetzt habe, und nicht der hinterherweinen, die ich mal hatte.

Das klingt tapfer, aber …

Ich kann momentan nicht den Basketball spielen, den ich von mir erwarte. Das ist schon sehr schwierig für mich. Aber so ist das im Moment, ich spiele 15 Minuten, spiele katastrophal und wir gewinnen mit 20. Das ist wieder was Neues. Ich muss mich anpassen, um diese 15 Minuten auf dem bestmöglichen Level zu spielen. Ich weiß, dass auch wieder Spiele kommen werden, wo ich eine dominante Rolle einnehmen werde.

Bist du körperlich wieder voll hergestellt?

Ich bin sicherlich nicht bei 100 Prozent, aber es geht mir ganz gut. Ich kann spielen. Generell werde ich den Sommer nutzen, um wieder fit zu werden. Viel Rückentraining, viel Fitness. Das Ding ist: In dieser Saison will ich nicht fehlen …

Erst habe ich nicht ganz fit, dann nicht sehr gut gespielt. Dann gerätst du in einen Strudel, bei dem du nicht weißt: Ist es noch Verletzung oder irgendetwas anderes?

Aber die Europameisterschaft findet ohne dich statt

Ich bin gar nicht eingeladen.

Noch nicht.

Nein, gar nicht. Mir wurde auch klar zu verstehen gegeben, dass es keine Einladung gibt, solange Chris Fleming Bundestrainer ist.

Wer hat dir das mitgeteilt?

Niemand. Aber Henrik Rödl war in Ulm und hat sich mit den Nationalspielern getroffen.

Und, wie war es?

Na, ich war nicht dabei. Ich wusste nicht mal, dass er in Ulm ist. Ich hab ihn zufällig im VIP-Raum gesehen, hab ihm Hallo gesagt und kurz mit ihm gequatscht. Da hat er mir auch gesagt, wie meine Absage im vergangenen Jahr angekommen ist, dass es erst mal keine Einladung gibt.

Wie hast du reagiert?

Ich habe gesagt: Ah, okay.

Das war alles?

Keine große Sache. Ich kann es ein Stück weit nachvollziehen. Ich habe gesagt, dass sich ein paar Dinge ändern müssen. Ich werde auch nicht der Einzige sein, der das getan hat. Von den Absagern werden vielleicht noch fünf Leute ihre Chance bekommen. Der DBB will den Fokus auf die Leute legen, die die Quali geschafft haben. Und das hat alles Hand und Fuß. Solange das nicht die einzige Maßnahme bleibt, solange man nicht nur die Symptome bekämpft, ist das alles nachvollziehbar. Du musst ja trotzdem noch die Frage beantworten, warum die Leute abgesagt haben. Die Probleme verschwinden ja nicht von allein.

Im vergangenen Jahr hast du gesagt, die Saison sei so lang gewesen, dass kaum noch Pause gewesen wäre, wenn du zur Nationalmannschaft gefahren wärst. Wird diese Saison vielleicht noch länger?

Wir werden alles dafür tun, um bis zum Ende dabei zu sein.

Das komplette Interview gibt es in der neuen BIG, die es ab sofort im Handel gibt! Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten! Außerdem gibt es im Heft noch folgende Themen:

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