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"Jeder muss sich persönliche Ziele suchen"

Bamberg marschiert als Meister durch die Saison, hat den Pokal bereits verteidigt und gilt als der Überfavorit auf die Meisterschaft. Größtes Problem könnte eine an Überheblichkeit grenzende Selbstsicherheit werden. FIVE sprach mit dem Mentaltrainer Günter Klein.
1305877885/img_Vorlage_Beko_BBL_Playoffs2012.jpgHerr Klein, sie arbeiten als Mentaltrainer oft mit Profisportlern zusammen, die aus verschiedenen Gründen nicht ihre besten Leistungen bringen – Kann auch das Phänomen „sich zu sicher fühlen“ den Erfolg behindern?
Günter Klein: "Natürlich. Sich zu sicher zu fühlen, bedeutet, dass man nicht mehr mit dem nötigen Fokus an die Aufgabe heran geht. Man wird leichtsinnig und glaubt, die Ergebnisse kommen von alleine. Das trifft aber tatsächlich nur selten zu. Diesen Zustand bezeichnen wir dann als „Flow“ - man hat das Gefühl, der Korb ist riesengroß und anstatt Energie aufwenden zu müssen, läuft alles von alleine. Das kann man aber nicht planen und muss deswegen mit äußerster Aufmerksamkeit an die geplanten Ziele herangehen."

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Was können Profis tun, um nicht den Fokus zu verlieren?
Günter Klein: "Die Spieler müssen für sich persönliche Ziele suchen …"

… was ja von Spielern wie Michael Jordan oder Kobe Bryant immer wieder gehört wird: sich besonders heiß machen, weil beispielsweise einer der Gegner beim letzten Mal gut gepunktet hat oder sich in den Medien überheblich geäußert hat.
Günter Klein: "Ja, aber der Grund für die besondere Motivation muss gar nicht zwangsläufig direkt aus dem Spiel gewonnen werden, sondern es können auch individuelle Aspekte aus dem Privatleben sein. Der eine möchte vielleicht für seine neue Freundin die Meisterschaft gewinnen, der andere widmet das Spiel womöglich seinem kranken Vater. So etwas kann bei den Sportlern enorme Energien freisetzen."

Was für Methoden gibt es für den Trainer?
Günter Klein: "Diese Frage ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Grundsätzlich falsch ist der Ansatz alle Spieler gleich zu behandeln. Bei zwölf Mitgliedern einer Basketballmannschaft haben wir zwölf Individuen, die alle unterschiedlich funktionieren. Wenn hier in Köln bei den Fußballern vom F.C. Präsident Wolfgang Overath als früherer Nationalspieler sagt, dass die Mannschaft in schweren Zeiten Gras fressen müsse, ist das nicht richtig, sondern altmodisch. Gras fressen heißt, die Spieler sollen kämpfen, kratzen, beißen, treten, aber filigrane Techniker beispielsweise springen auf solche Parolen nicht an. Früher wurde in so einer Situation wie in Bamberg in den Wochen vor den Playoffs gerne auch mal im Training der Konkurrenzkampf um die Positionen erhöht, aber auch das kann schnell kontraproduktiv werden. Denn für ein nachhaltiges Leistungsverhalten wäre es viel besser, wenn die beiden Spieler einer Position sich als Zweier-Duo sehen. Diese innere Einstellung bewirkt, dass die Zweier-Teamleistung tatsächlich besser ist als die über Konkurrenz erzielten Einzelwerte der Spieler. Der Trainer muss seine Spieler kennen und auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen, um ihren Fokus zu erhöhen. Profis, die trotzdem eine zu laxe Einstellung an den Tag legen, müssen natürlich geerdet werden. Der frühere Handball-Nationaltrainer Vlado Stenzel hat in so einer Situation das Training mal ins Schwimmbad verlegt. Dort wies er seine Jungs an, vom Zehner zu springen. Alle sind hoch, keine traute sich und anschließend war die Mannschaft wieder auf dem Boden und bei der Sache."

Zu viel Selbstsicherheit eines Favoriten kann die Leistung schwächen, aber umgedreht kann auch der Erwartungsdruck des Umfeldes lähmen. Was lässt sich da machen?
Günter Klein: "Leistungssportler zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass sie mit diesem Druck umgehen können, sonst hätten sie sich nicht durchgesetzt. Sollten sie trotzdem Probleme haben, sollten sie versuchen den Druck, der ihnen wie Wind ins Gesicht bläst auszunutzen: sie müssen ihn bildlich gesprochen annehmen, sich umdrehen und daraus Rückenwind machen."

1305877914/img_Vorlage_Beko_BBL_Playoffs2011_Kopie.jpgEs gibt auch das Phänomen, dass ein Team gegen einen vermeintlich stärkeren Gegner deutlich über dem eigenen Niveau spielt - ist das einfach nur das andere Ende des Spektrums?
Günter Klein: "Durch große Aufgaben werden große Kräfte mobilisiert. Wenn es gegen einen schwächeren Gegner geht, ruft man automatisch unterbewusst nur weniger seiner vollen Leistungsfähigkeit ab. Der menschliche Körper ist so konzipiert, dass er immer möglichst viel Energie sparen möchte. Diese Vorgehensweise sichert das Überleben."

Wie lässt es sich erklären, dass ein Team, bei dem ein wichtiger Akteur fehlt, in den ersten Spielen ohne ihn oft besser als erwartet spielt?
Günter Klein: "Der Star schränkt seine Mitspieler ein, da er sehr viel Platz für sich einnimmt. Ohne ihn kann sich der Rest der Mannschaft frei entfalten und andere talentierte Spieler bekommen eine Chance. Außerdem geht jeder mit der Einstellung rein, dass er heute mehr leisten muss, weil ein wichtiger Mann fehlt. Trainer nutzen hier gerne die psychologische Variante und pushen ihr Team noch Mal nach dem Motto 'Jetzt erst Recht'!"

Aber was passiert nach ein paar Spielen, wenn der Leistungsträger dann immer noch fehlt?
Günter Klein: "Ausnahmesituationen benötigen Ausnahmeenergie. Die zusätzlichen Energien lassen sich jedoch nicht mehr abrufen, wenn die Veränderung inzwischen zu einer normalen Situation geworden ist. Das lässt sich auch im alltäglichen Leben bei uns selber beobachten. Klingt hart, aber eine Katastrophe wie Fukushima erscheint schon einige Wochen später so normal wie alles andere."

image_1288779294890.pngWeitere interessante Geschichten lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der FIVE ...

Zur Person:
Sven Simon

image_129913896143.jpegGeburtsdatum: 13.12.1971 in Wolfsburg
Werdegang: Vereinsbasketballer seit nunmehr 25 Jahren, momentan als überzeugter Wurfverweigerer in der Thekenmannschaft der BG Köln in der Oberliga aktiv. Berichtet seit mehr als zehn Jahren für Zeitungen (Süddeutsche, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau, etc), im Internet (Spiegel Online, fivemag.de), Radio (Radio Köln) und Fernsehen (Sportdigital) über Basketball und hat sich als Mitgründer der FIVE einen Ruf als Experte für den deutschen Basketball gemacht.

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