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"Wir haben nie über die Playoffs gesprochen"

Bei den WALTER Tigers Tübingen läuft es derzeit wie geschmiert: Nach einer eher holprigen Hinrunde haben die Schwaben zuletzt fünf Spiele in Folge gewonnen und sich dadurch als Playoff-Kandidat ins Gespräch gebracht. Mit 24:24 Punkten liegen die Universitätsstädter ...
image_1299155296610.jpeg... derzeit auf Rang zwölf in der Tabelle. Über die Gründe des Aufwärtstrends spricht Geschäftsführer Robert Wintermantel im Exklusiv-Interview.

Die WALTER Tigers haben nach den Brose Baskets (sieben Siege in Folge, Anm. d. Red.) die zurzeit längste Siegesserie in der Beko BBL. Wann gab es das zuletzt in Tübingen?
Robert Wintermantel: „Letztes Jahr haben wir ziemlich genau zum gleichen Zeitpunkt sechs Spiele hintereinander gewonnen. Genau wie jetzt waren wir nach dem 24. Spieltag auf Platz zwölf. Danach fing jedoch unsere Niederlagenserie an. Natürlich hoffen wir, dass sich dies nicht wiederholt.“

Wie wichtig war aus Ihrer Sicht der Derby-Auswärtssieg am vergangenen Samstag gegen ratiopharm Ulm?
Robert Wintermantel: „Wenn man das ganz nüchtern von der Tabellensituation her betrachtet, war der Sieg extrem wichtig – weil wir damit zwei Spiele Abstand zwischen uns und einem direkten Konkurrenten im Kampf um die Playoffs geschaffen haben. Emotional ist das für mich persönlich immer etwas ganz Besonderes, da ich die früheren Derbys selbst als Spieler miterlebt habe. Dieses Spiel auch noch auswärts zu gewinnen, war sehr erfreulich.“

„Wir haben einige Spieler, die dieses Jahr Großes geleistet haben“

Wenn von Tübingen die Rede ist, dann meistens vom besten Assist-Geber der Liga – Branislav Ratkovica. Inwieweit hängen die Erfolge mit der Leistung Ihres Aufbauspieler zusammen?
Robert Wintermantel: „Sicher ist er auf der Position sehr dominant. Er hat im Ligavergleich einen riesigen Abstand zu den Nächstplatzierten im Assist-Ranking – was ich in der Beko BBL so noch nie gesehen habe. Es ist nicht hoch genug einzuschätzen, was für einen Wert er in unserer Mannschaft hat. Aber natürlich funktioniert ein Assist immer nur dann, wenn jemand aus dem Pass einen Korb macht. Von daher darf man nicht vergessen, dass wir auch ganz andere tolle Spieler in der Mannschaft haben.“

Bekommen die anderen Spieler zu wenig Aufmerksamkeit von der medialen Öffentlichkeit?
Robert Wintermantel: „Das würde ich nicht unbedingt sagen. Es ist natürlich leicht zu erkennen, dass sich bei uns ein Point Guard zu einem Top-Spieler entwickelt hat. Das ist an seiner Statistik allein zu erkennen. Wir haben auch einen Anatoly Kashirov, der mit seinen 23 Jahren und 2,15 Meter immer besser in Fahrt kommt, konstanter wird und einen sehr guten Touch mit beiden Händen hat. Außerdem Chris Oliver, der uns oft am Ende mit Freiwürfen den Sieg sichert. Joe Herber, der als Ex-Nationalspieler durch seine guten Leistungen so langsam seine Verletzung vergessen machen lässt und ein ganz wichtiger Faktor in unserem Team ist. Und Dane Watts, meiner Meinung nach der beste Vierer der Liga. Wir haben einige Spieler, die dieses Jahr Großes geleistet haben und auch Stars sind.“

„Es braucht Zeit, ein neues Team zu formieren“

image_1299155435829.jpegIn der Hinrunde kämpfte Tübingen noch gegen den Abstieg. Heute geht der Blick in der Tabelle eher nach oben als nach unten. Wie erklären Sie sich diesen Aufwärtstrend, nachdem die erste Saisonhälfte sehr schwankend verlief?
Robert Wintermantel: „Am 23. Dezember haben wir in der Tat ein wichtiges Spiel gegen den Mitteldeutschen BC verloren. Zu diesem Zeitpunkt waren wir in der Tabelle nicht sonderlich gut positioniert. In solch einer Situation denkt man schon über den Abstieg nach beziehungsweise wie man sich dagegen absichern kann. Viele unserer Spieler konnten ihre Leistung nicht konstant abrufen. Seit Anfang des Jahres hat das Team sehr Großes geleistet. Es hat gezeigt, dass wir, wenn die Spieler in ihren Leistungen konstant sind, jeden schlagen können. Das hat einen riesigen Umschwung gebracht und zeigt, dass die Kader-Zusammenstellung richtig war. Natürlich müssen wir als kleiner Verein nach jeder Saison viele Abgänge verkraften. Aleksandar Nadjfeji ist zum FC Bayern München gegangen, Romeo Travis hat uns in Richtung Israel verlassen und Mike Jenkins, der letztes Jahr ein wichtiger Faktor für uns war, ist für viel Geld nach Belgien gegangen. Diese Abgänge muss man erstmal kompensieren. Es braucht Zeit, ein neues Team zu formieren.“

Einerseits gewann die Mannschaft Spiele gegen vermeintliche Favoriten wie Oldenburg, Bonn und Berlin, andererseits verlor sie gegen Hagen, Trier und den MBC. Wie sind diese Schwankungen zu erklären?
Robert Wintermantel: „Es hängt immer mit ganz vielen Faktoren zusammen. Jeder macht Fehler, ob Spieler, Trainer oder sonst wer. Potenzial hatte die Mannschaft von Beginn an. Die nicht vorhandene Konstanz hing damit zusammen, dass das Team-Building und die Rollenfindung der Spieler verzögert wurden. Als Anatoly Kashirov zu uns kam, war er nicht zu 100 Prozent austrainiert. Das hing mit den Bränden vergangenen Sommer in Moskau zusammen. Aufgrund dieser Umstände hat er sich öfter in der Wohnung aufhalten müssen als ihm lieb gewesen war. Chris Oliver war verletzt und hat dementsprechend gebraucht, bis er sein normales Level wieder erreicht hatte.“

„Das ist manchmal wie eine Krankheit“

Was hat sich in den zurückliegenden Wochen verändert? Gibt es eine neue taktische Ausrichtung?
Robert Wintermantel: „Ich glaube, dass die Spieler das taktische Konzept von Trainer Igor Perovic jetzt besser verstehen. Clifford Crawford, den wir nachträglich verpflichtet haben, bringt uns zudem Entlastung auf der Eins. Wir können Nico Simon dadurch mehr auf der Zwei spielen lassen, was, wie ich finde, seine natürlichere Position ist. Das hat uns auf jeden Fall eine Verbesserung gebracht.“

Trotz der Erfolge haben die Tigers mit knapp 66 Prozent die zweitschlechteste Freiwurfquote der Liga. Warum flattern den Spielern an der Linie so oft die Nerven?
Robert Wintermantel: „Es gibt Spieler, die von Haus aus keine guten Freiwurfschützen sind und die durch eine schlechte Quote auch andere Spieler anstecken können. Das ist manchmal wie eine Krankheit. Wenn einer anfängt vorbei zu ballern, ziehen die anderen mit. Aber in letzter Zeit hat sich die Quote deutlich verbessert. Gerade auch im Spiel gegen Ulm haben wir über 80 Prozent getroffen. Das war einer der Gründe für den Sieg.“

„Wir sind froh, dass nicht Schlimmeres passiert ist“

image_1299155510447.jpegWie geht es dem an einer Lungenembolie erkrankten Kenny Williams gesundheitlich?
Robert Wintermantel: „Es geht ihm mittlerweile wieder sehr gut. Er ist hier in täglicher, ärztlicher Behandlung und Betreuung. Wir sind alle froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“

Wie kam es zu dieser Lungenembolie?
Robert Wintermantel: „Während der Pause, die wir den Spielern gönnten, ist er nach Miami geflogen. Auf dem Flug bekam er einen Thrombus in der Leistengegend.“

Ist absehbar, wann er wieder einsatzfähig ist?
Robert Wintermantel: „Das ist natürlich eine ganz ernsthafte Geschichte. Er muss jetzt ein Blutverdünnungsmittel einnehmen, mit dem man keinen Körperkontaktsport ausüben darf. Momentan geht er laufen. In Kürze wird er auch mit Krafttraining anfangen. Er weiß selber, dass es jetzt besser für ihn ist, das Ganze richtig auszukurieren und nächste Saison wieder anzugreifen.“

Für den Ausfall von Kenny Williams haben Sie sich den erst 20-jährigen Mladen Lukic geholt. Kann so ein Jungspund die Lücke von Kenny Williams stopfen?
Robert Wintermantel: „Kenny Williams zu ersetzen ist ohne Zweifel schwer. Mit Mladen Lukic haben wir jemanden gefunden, der in unseren finanziellen Rahmen hineingepasst hat und genau das mitbringt, was wir benötigen. Er ist jemand, der im Training gut gegen Anatoly Kashirov spielen kann. Wir hatten zuletzt oft die Situation, dass die Rotation komplett durcheinander war. Da musste Dane Watts ständig gegen Anatoly Kashirov spielen und Chris Oliver permanent auf der Vier. Mit Mladen Lukic haben wir einen kräftigen jungen Mann, der zupacken und Anatoly ein paar Minuten Pause ermöglichen kann.“

„Man muss sich schon überlegen, ob da nicht mehr herausspringen kann“

Definiert der Verein die Saisonzielsetzung jetzt neu?
Robert Wintermantel: „Wir haben nie über die Playoffs gesprochen. Ich weiß, dass die Teams, die oben stehen, andere finanzielle Möglichkeiten, aber auch andere strukturelle Voraussetzungen haben – zum Beispiel eine eigene Trainingshalle. Wir haben das nicht. Sollte die Mannschaft ihr Potenzial jetzt weiter ausschöpfen, muss man sich schon überlegen, ob da nicht mehr herausspringen kann. Ich gebe ehrlich zu, dass wir ausgerechnet haben, gegen wen wir den direkten Vergleich gewonnen haben. Momentan haben wir von Platz sieben bis neun den direkten Vergleich auf unserer Seite. Das ist natürlich eine gute Basis. Als Ziel würde ich die Playoffs jetzt trotzdem nicht ausgeben.“

Zur Person:
Robert Wintermantel

• Manager/Geschäftsführer der WALTER Tigers Tübingen seit August 2008
• Familienstand: verheiratet, zwei Kinder
• Alter: 40 Jahre
• Größe: 2,00 Meter
• Stationen als Spieler: unter anderem OPEL Skyliners (2001-2002), WALTER Tigers Tübingen (2004-2007)
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