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Der glückliche Pechvogel

Der glückliche Pechvogel

Zweimal in Folge wurde Berlins Yassin Idbihi bei der Nationalmannschaft als letzter Spieler vor einem großen Turnier gestrichen. Aus der Ruhe bringen lässt er sich davon aber nicht. Dazu hat er in seiner Karriere schon zu viele dunklere Passagen erlebt. FIVE-Redakteur Sven Simon besuchte ...
image_1299138477599.jpeg... den „Albatros“ in Berlin und erfuhr eine interessante Geschichte, die wir Ihnen hier in Auszügen vorstellen. Den kompletten Artikel können Sie in der aktuellen Ausgabe der FIVE lesen – diese erscheint am Freitag, den 4. März 2011, im Handel.

Bei den Olympischen Spielen 2008 durfte Philip Zwiener mit Fahnenträger Dirk Nowitzki vorweg ins Nationalstadion in Peking einmarschieren. Guido Grünheid war bei der WM 2006 in Japan und der EM 2007 in Spanien dabei.

Johannes Herber ebenso, und ohne seine 15 Punkte in Madrid beim 67:58-Sieg gegen Italien wäre der olympische Traum der Deutschen damals gestorben. Konrad Wysocki war auch in Peking und nahm 2009 an der EM in seinem Geburtsland Polen teil. Spätstarter Chris McNaughton kam vergangenen Sommer bei der WM in der Türkei zum Einsatz.

Verletzt oder kurz vor Toresschluss gecuttet

All diese Spieler haben eines gemeinsam mit Yassin Idbihi: Sie gehören zur Übergangsgeneration. Das ist kein schönes Wort, aber es passt, denn keiner von ihnen war Teil der silbernen Generation um Dirk Nowitzki, aber sie gehören auch nicht zur jungen Garde der Geburtsjahrgänge 1988 und 1989 um Tibor Pleiß und Robin Benzing. Die Lebensläufe all dieser Spieler unterscheiden sich aber auch in einem nicht unerheblichen Detail von Idbihis Karriere: Jeder dieser Profis durfte mal bei einem großen Turnier auflaufen. Idbihi aber hatte dieses Glück nicht. Abgesehen vom zwei Jahre jüngeren Zwiener sind alle oben genannten Akteure im selben Jahr wie der 27-jährige Brettspieler oder ein Jahr davor geboren, aber er ist der einzige Akteur dieser Altersklasse, der eine zweistellige Anzahl von Länderspielen, aber kein großes Turnier vorweisen kann

2008 wird Idbihi erstmals für die Nationalmannschaft nominiert, reißt sich im Trainingslager aber das Syndesmoseband im Sprunggelenk. Die zwei Jahre danach übersteht er die Vorbereitung unverletzt, bevor ihn jeweils kurz vor Toresschluss ein in mancher Hinsicht noch härteres Schicksal ereilt. 2009 wird er als letzter Spieler aus dem Kader gestrichen, 2010 entscheidet sich Dirk Bauermann mit Per Günther für einen dritten Aufbau und McNaughton als vierten Mann für die Zonenarbeit.

„Du darfst nicht emotional, sondern musst rational denken“

image_1299138693678.jpegZwei Jahre in Folge als letzter Spieler aussortiert zu werden, ist harte Rauchware. „Es ist frustrierend, aber du darfst nicht emotional, sondern musst rational denken“, sagt Idbihi dazu.

„Der Coach macht das ja nicht, um mich zu ärgern, sondern weil er der Meinung ist, dass er jemand anders besser gebrauchen kann für diesen Spot.“ Klingt irgendwie zu verständnisvoll, um wahr zu sein?

Aber wenn jemand erst kürzlich einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben hat, also erstmals so etwas wie Sicherheit als Profi verspürt und die Ehefrau im Juli das zweite Kind erwartet, werden negative Erlebnisse in andere Relationen gerückt.

Das Geschenk des Opas: ein einwöchiges Basketballcamp

Geboren wird er am 24. Juli 1983 in Köln, aber noch vor seinem ersten Geburtstag zieht die Familie nach Marokko – ins Heimatland seines Vaters. In Tanger lebt Idbihi die ersten 14 Jahre seines Lebens. Dann wächst er in einem Jahr um gute 20 Zentimeter und überragt mit 1,96 Meter alle Mitschüler. „Natürlich kam da der Gedanke an Basketball auf“, sagt er. Zuerst zockt er mit den Kumpels auf einem Freiplatz, fragt schließlich beim ansässigen Erstligateam nach, aber dort gibt es keine Jugendabteilung. Daraufhin schenkt ihm der Opa aus Köln zum 15. Geburtstag ein einwöchiges Basketballcamp in Rhöndorf. Obwohl der Großteil der Spieler besser ist als er, bekommt Idbihi ein Basketball-Stipendium angeboten. Seine Mutter ist skeptisch, sein Vater überlässt dem Sohn die Entscheidung.

2.500 Kilometer weit weg

Idbihi entscheidet sich dafür, künftig 2.500 Kilometer von seinen Eltern und seiner Heimat entfernt zu leben, um in Deutschland sein Abitur zu machen. Da seine Mutter immer in ihrer Heimatsprache mit ihm kommuniziert hatte, gibt es zumindest keine Verständigungsprobleme. „Ein neues Land mit viel mehr Möglichkeiten, Kinos, Einkaufszentren, so viel zu entdecken – die ersten Wochen waren das Paradies“, sagt er. Dann kommt das Heimweh. Immer wieder spielt er mit dem Gedanken, in den Sack zu hauen. Drei-, viermal im Jahr fliegt er nach Hause zur Familie, und jedes Mal muss der Vater in überzeugen, wieder zurückzugehen.

„Es war gut, dass damals ein gewisser Druck herrschte“

Auch beim Basketballtraining läuft es anfangs nur schleppend. Alle anderen Spieler des Internats in seiner Altersklasse sind besser als er. Dass es bei keinem von denen später zum Berufssportler reichen wird, weiß er damals nicht, ist stattdessen bis zur Volljährigkeit der Meinung, dass er selber zu schlecht für eine Profikarriere sei. Zudem findet er das viele Einzeltraining in den Freistunden oft lästig. „Es war gut, dass damals ein gewisser Druck herrschte, das hat mir bezüglich meiner späteren Karriere sehr geholfen.“

Erst Rhöndorf, dann College

image_1299138775640.jpeg1999 startet Idbihi seine Laufbahn in der zweiten Liga in Rhöndorf; zwei Jahre später wird er Deutscher Meister in der A-Jugend. Anschließend holt ihn Berthold Bisselik, der damalige Rhöndorfer Trainer, fest in den Zweitligakader.

2003 wechselt Idbihi in die NCAA – zu der Landesuniversität von New York in Buffalo. Dort bleibt er vier Jahre. 2007 geht das mittlerweile 2,07 Meter große Arbeitstier zurück nach Europa und wird bei einem Camp in Treviso von Stephan Baeck angesprochen. Der damalige Sportdirektor Kölns spielt mit dem Gedanken, Idbihi in seine Geburtsstadt zu holen.

Gute Stats und Verletzungspech in Köln

Aber auch in Köln geht es weiter mit der wilden Fahrt über Berge und durch Täler, denn noch vor der Saisonhalbzeit geht der Klub in die Insolvenz. Während Spieler wie Immanuel McElroy und Sascha Nadjfeji den Klub verlassen, bleibt Idbihi in der Domstadt – und produziert gute Stats. Als Folge hagelt es nach der Saison lukrative Angebote. Dann reißt er sich das Syndesmoseband. Die Offerten lösen sich in Luft auf, und er läuft umsonst bei den 99ers auf, um sich anderen Klubs präsentieren zu können.

„Die Entscheidung für Braunschweig hat meine Karriere gerettet“

Von Köln geht es weiter nach Limoges, wo er „die schlimmste Saison meiner Karriere“ erlebt. Das bei ihm diagnostizierte Belastungsasthma führt zu einer drastischen Leistungsverschlechterung. Im Sommer 2009 hat er ein Angebot von einem spanischen Zweitligisten und eins aus Braunschweig. Er sagt dem Bundesligisten ab und schickt auf Anraten seines spanischen Agenten den von ihm unterschriebenen Vertrag zurück nach Teneriffa. Als der dortige Klubpräsident kurzfristig seine Meinung ändert, wird der Kontrakt von Vereinsseite einfach nicht unterzeichnet. Idbihi ruft bei den Phantoms an, die ihn immer noch haben möchten. „Die Entscheidung für Braunschweig hat mir die Karriere gerettet. Dort habe ich mein Selbstvertrauen und den Spaß am Spiel wieder gefunden“, sagt er.

Er wird Starter, verpasst keines der 34 Saisonspiele, liefert 10,6 Punkte und 5,3 Rebounds und kommt mit den Phantoms bis ins Halbfinale. Für ihn der Schlüssel für mehr Sicherheit, denn anschließend unterschreibt er für drei Jahre in Berlin – mit Abstand der bestdotierte Vertrag seiner Profikarriere.

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image_1288779294890.pngDie aktuelle Ausgabe der FIVE ist ab Freitag, den 04. März, im Handel.

Zur Person:
Sven Simon

image_129913896143.jpegGeburtsdatum: 13.12.1971 in Wolfsburg
Werdegang: Vereinsbasketballer seit nunmehr 25 Jahren, momentan als überzeugter Wurfverweigerer in der Thekenmannschaft der BG Köln in der Oberliga aktiv. Berichtet seit mehr als zehn Jahren für Zeitungen (Süddeutsche, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau, etc), im Internet (Spiegel Online, fivemag.de), Radio (Radio Köln) und Fernsehen (Sportdigital) über Basketball und hat sich als Mitgründer der FIVE einen Ruf als Experte für den deutschen Basketball gemacht.

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