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Playoff-Momente: Das lange Warten

Playoff-Momente: Das lange Warten

25. Mai 2006, JAKO Arena Bamberg, fünftes Halbfinalspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen GHP Bamberg und RheinEnergie Köln. Die Franken liegen kurz vor Schluss 68:66 in Führung, haben den Finaleinzug vor Augen. Köln ist in Ballbesitz, Aleksandar Nadjfeji, der ...
1306741102/img_HH3.jpg... bis dato zwölf Punkte erzielt hat, bekommt den Ball an der Drei-Punkte-Linie. Der serbische Power Forward, nicht gerade bekannt für seine Qualitäten von jenseits der 6,25-Meter-Linie, nimmt den Wurf von „Downtown“ – just in time vor der Sirene.

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Der Ball fliegt Richtung Bamberger Korb, die Bamberger Fans halten den Atem an – dann das kollektive Entsetzen: Nadjfejis Wurf rauscht durch die Reuse. Köln geht mit 69:68 in Führung und gewinnt dieses Spiel in letzter Sekunde. Nadjfeji, der „Mozart unter dem Korb“, ist der gefeierte Held.

Ein Playoff-Moment, der im Gedächtnis haften bleibt. Wir stellen Ihnen während der aktuellen Playoffs weitere solcher Momente vor – angefangen mit den legendären Duellen zwischen den Telekom Baskets Bonn und ALBA BERLIN und den Sonderzügen aus dem Rheinland an die Spree. Heute erinnert sich Henning Harnisch u.a. an die legendären Duelle zwischen ALBA BERLIN und Bayer Leverkusen.

Sucht man einen Gesprächspartner über Playoffs, gibt es wohl keinen besseren als Henning Harnisch. Der frühere Nationalspieler hat alles miterlebt, was diese Endrunde ausmacht: Als Spieler des MTV Gießen sowie von Bayer Leverkusen und ALBA BERLIN, später als ALBA-Teammanager bzw. Sportdirektor aus der Perspektive eines Funktionärs, als Sieger wie als Verlierer.

Das erste Finale – verloren ...

Bezeichnenderweise kommt Henning Harnisch, der von 1990 bis 1998 neunmal in Folge Deutscher Meister wurde, auf die Frage nach seinem prägendsten Playoff-Erlebnis gleich auf seine erste Finalserie 1989 mit Leverkusen zu sprechen: „Verlieren gehört schließlich auch zu den Playoffs und es gibt kein anstrengenderes Erlebnis als in einem Endspiel kurz vor dem Ziel zu verlieren.“ Die Finalserie 1989 zählt zu den dramatischsten in der Geschichte der Liga. Leverkusen stahl den Bayreuthern um Calvin Oldham und Bo Dukes gleich im ersten Spiel den Heimvorteil und ging im folgenden Heimspiel 2:0 in Führung. Aber die Bayreuther schlugen zurück und es kam zum fünften Spiel in Bayreuth, in dem die Oberfranken sich 83:77 durchsetzten.

„Ich erinnere mich da an ein einziges Rauschen, das einsetzte, als das Spiel rum war,“ beschreibt Harnisch seine Eindrücke von den letzten Sekunden. Dann kommt ihm die Situation im Mannschaftsbus in den Kopf: „Das Warten auf die Abfahrt und die Totenstille im Bus. Wunderbar auch das Wissen darum, dass man jetzt mindestens ein ganzes Jahr brauchen wird, um wieder dahin zu kommen, wo man gerade gescheitert ist.“ Henning Harnisch musste zu seinem Glück tatsächlich nur ein Jahr warten, denn die folgenden neun Endspiele bis 1998 erlebte er alle aus der Position des Siegers, 7x mit Leverkusen und 2x mit Berlin: „Wenn man die Playoffs aus einer Endspielperspektive angucken kann, ist allein das schon ein Luxus. Ich hatte als Spieler wirklich großes Glück, dass ich in den Jahren darauf stets im Siegerteam stand.“

Das Duell Leverkusen – Berlin

1306741163/img_HH2.jpg„Jede Mannschaft, die größer werden will, braucht irgendwann einmal die erste Meisterschaft und für uns in Leverkusen war damals immer klar, dass ALBA der große Konkurrent war, der uns vom Thron stoßen wollte“ erinnert sich Henning Harnisch, der mit Leverkusen siebenmal in Folge die Berliner Angriffe abwehrte, um dann 1997 nach dem Wechsel nach Berlin auf der anderen Seite einen großen Anteil an ALBAs erstem Titelgewinn zu haben.

„Die damalige Konkurrenz zu Leverkusen nimmt in ALBAs Vereinsgeschichte auch heute noch eine herausragende Stellung ein“, erfährt Henning Harnisch in Berlin immer wieder: „Ich lerne gerade viele ältere ALBA-Fans kennen, die unser Jugendprogramm unterstützen wollen, und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele von ihnen die damalige Konkurrenz zu Leverkusen als prägendes Element ihrer Liebe zu ALBA empfinden. Sömmeringhalle, die immer wiederkehrenden Niederlagen gegen Leverkusen, bis es dann endlich geklappt hat ...“

Favoriten und Außenseiter

Für die Playoff-Dramaturgie sind in den Augen von Henning Harnisch die unterschiedlichen Ausgangspositionen enorm wichtig: Wer ist der Favorit? Wer der Herausforderer und gibt es da noch Außenseiter, die vielleicht auch im richtigen Moment den richtigern Dreh finden können? „Den größten Außenseitercharme hatten für mich rückblickend die Artland Dragons, mit welchem Selbstbewusstsein die 2007 bis ins Finale marschiert sind.“ Den wohl entscheidenden psychologischen Schub holten sich die Dragons damals, indem sie als Achter den damaligen Punktrundensieger ALBA ausschalteten, was der damalige Teammanager von ALBA als seine „härteste Playoff-Erfahrung“ in Erinnerung behalten hat.

Die Dragons gewannen das erste Spiel in Berlin knapp, das zweite in Quakenbrück und das dritte bei den dann nervösen Berlinern souverän. „Dort dann zu Hause eine Klatsche zu kriegen und die Saison so abzuschließen, war extrem bitter.“ Speziell für den erfolgsverwöhnten Henning Harnisch, dem als Spieler solche negativen Erfahrungen bis auf wenige Ausnahmen (siehe oben) erspart blieben: „Für mich war es unheimlich schwer zu lernen, dass Playoffs auch anders laufen können. In den sechs Jahren, wo ich als Funktionär mitverantwortlich für das ALBA-Team war, sind wir nur einmal Meister geworden. Ansonsten war alles dabei: Das Scheitern im Finale, im Halbfinale und auch schon in der ersten Runde.“

Playoff-Kontext heute anders

1306742077/img_HH1.jpgZwar glaubt Henning Harnisch, dass es sehr hilfreich ist, wenn man Spieler mit Playoff-Erfahrung dabei hat: „ Als Spieler, der regelmäßig Plaoyffs spielt, weiß man von Jahr zu Jahr besser, worauf es ankommt, dass das Spiel physischer wird, wie man sich am besten darauf vorbereitet und wie wichtig es ist, als Team mehr zusammenzurücken.“ Dass er diese Erfahrung als Teammanager bzw. Sportdirektor nicht an sein Team weitergeben konnte, führt Harnisch auch auf einen veränderten Playoff-Kontext zurück: „Früher gab es im Kampf um den Titel allenfalls einen oder zwei Herausforderer. Heute hast Du schon im Viertelfinale nur noch Teams, die die Playoffs richtig ernst nehmen und auch tatsächlich das Zeug haben, das Endspiel zu erreichen. Meine Erfahrungen als Spieler aus den früheren Playoffs kann man deshalb heute nicht mehr 1:1 weitergeben.“

Trotzdem schlägt Harnischs Basketballherz heute, auch wenn er nicht mehr auf dem Parkett steht und auch nicht mehr auf der Bank sitzt, nach wie vor höher, wenn es in die Playoffs geht: „Profi-Basketball ohne Playoffs ist für mich unvorstellbar. Da tickt die Zeit ja komplett anders. Dieses zähe Warten auf das nächste Spiel. Das empfinde ich auch heute noch so.“ Da wolle man nach einem Sieg eben sofort nachlegen und sich sofort für eine Niederlage revanchieren: „Daher kommen ja auch die ganzen Floskeln, mit denen man sich in den Playoffs die Zeit zwischen den Spielen vertreibt.“

Rituale und Psycho-Krieg

Diese „Floskeln“, dass man z. B. „beim 2:0 noch lange nicht durch ist“ bzw. „beim 0:2 immer noch eine Chance hat“, bestimmen dann in den Playoffs auch die gegenüber den Medien gemachten Äußerungen. Dass darüber hinaus in der Öffentlichkeit noch die eine oder andere Breitseite gegen den Gegner rausgehauen wird, spielt für Henning Harnisch nur eine untergeordnete Rolle. Das sei früher, zum Beispiel zu Zeiten des Duells Bauermann – Pesic wichtiger gewesen. „Das wurde damals von den Medien auch dankbarer aufgenommen. Aber wenn man das überstrapaziert, verliert das seine Wirkung.“ Ganz anders verhält es sich hinter den Kulissen: „Da wird in den Playoffs in Richtung Liga und Schiedsrichter nach wie vor hart analysiert und mit Fakten argumentiert.“

Als Spieler war Henning Harnisch, wie er selbst von sich sagt, immer stark ritualisiert: „Wann macht man was und wie? In den Playoffs wird das alles noch viel schlimmer. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass alles so lahm wird, dass alles so lange dauert zwischen den Spielen.“ Zudem ist die Saison heute viel länger als in den Neunzigern: „ich finde das schon etwas grenzwertig und kann nachfühlen, wie anspruchsvoll das für die Spieler heute ist.“ Henning Harnisch weiß aber auch, dass sich die Quälerei lohnt – zumindest für den Sieger: „Das Glücksgefühl, am Ende als Erster dazustehen, ist unbeschreiblich. Es gibt nichts Schöneres als die Woche nach dem Titelgewinn. Das ist wirklich so, als ob man schwebt. Diesen Zustand kann man nicht anders simulieren. Dafür muss man das Finale gewinnen.“
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