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Serbien: Wieder ein echtes Nationalteam

Serbien: Wieder ein echtes Nationalteam

Die große EM-Begeisterung, die man in Litauen derzeit erlebt, erinnert an die EM 2005 in der anderen großen europäischen Basketballhochburg Serbien, die damals jedoch für den Gastgeber (damals noch Serbien & Montenegro) mit einer Riesenenttäuschung (nur Platz 9) ...
1315059689/img_Nenad_Krstic_Serbien_EM_2011.jpg... zu Ende ging. Noch schlimmer als der sportliche Misserfolg im eigenen Land schlug den serbischen Fans damals die Erkenntnis auf den Magen, dass ihr Nationalteam gar keine Mannschaft war, sondern eine von Grüppchenbildung und eitlen Animositäten zerfressene Ansammlung von eingebildeten Stars.

image_1288779294890.pngTeam Germany berichtet live von der EM.

In Litauen treten die Serben mit einem ganz anderen Team an, das schon bei der EM 2009 (Finale) und bei der WM 2010 (Platz 4) bewiesen hat, dass es die Bezeichnung „Mannschaft“ verdient.

Teamchemie für Trainer Ivkovic wichtiger als Stars

Trainer Dusan Ivkovic, mit seinen 67 Jahren der erfahrenste Trainer bei dieser EM und so etwas wie die graue Eminenz des serbischen Basketballs, hat bei seiner Rückkehr auf den Posten des Nationaltrainers vor drei Jahren Tabula rasa gemacht und mit dem Ziel Olympia 2012 aus jungen Spielern der Generationen von 1983 bis 1989 ein komplett neues und junges Team zusammengestellt, an denen er auch in diesem Sommer festhält, obwohl einige Akteure unter der Saison bei ihren Vereinen nicht unbedingt für Furore gesorgt haben. Wichtiger scheint für Ivkovic der Zusammenhalt im Team zu sein.

1315059770/img_Milos_Teodosic_Serbien_EM_2011.jpgDrei Stars gilt es aus diesem homogenen Block, der mit im Schnitt 87 Punkten nach drei Spieltagen das korbhungrigste Team der EM stellt, doch herauszuheben: Mit Milos Teodosic haben die Serben zum Beispiel einen der schillerndsten Aufbauspieler dieser EM im Team, der mit seinem lässigen Ballvortrag zwar immer etwas zwischen Genie und Wahnsinn wandelt, spätestens aber in der Crunch-Time die beste Option für den entscheidenden Wurf bzw. Pass ist.

Auf der Centerposition steht Trainer Ivkovic mit dem NBA-erfahrenen Nenad Krstic ein sehr kräftigen und doch vergleichsweise beweglicher Turm in der Schlacht zur Verfügung, der dem gesamten Team das Leben unter dem Korb leichter macht und die bei ihm landenden Pässe hochprozentig auswertet. Neben Krstic hat sich im bisherigen Saisonverlauf der schnelle Dusko Ivanovic als zuverlässig erwiesen, der mit seiner Gefährlichkeit von der Dreierlinie genauso wie die beiden früheren Bundesligaspieler Alexandar Rasic (Ex-Berlin) Marko Keselj (Ex-Köln) dazu beiträgt, die Räume unter dem gegnerischen Korb eng zu machen.

Alle Nationalspieler spielen im Ausland

Serbiens diesjährige EM-Auswahl sorgt für ein Novum: Zum ersten Mal besteht sie ausschließlich aus Spielern, die bei ausländischen Clubs in Russland, Spanien, Griechenland, Litauen, der Türkei oder Israel unter Vertrag stehen. Das spricht zum einen für die Klasse dieser Akteure, wirft aber auch ein bezeichnendes Licht auf den serbischen Liga-Alltag und die beschränkten finanziellen Möglichkeiten, mit denen die serbischen Clubs leben müssen.

1315060156/img_Kosta_Perovic_Serbien_EM_2011.jpgSelbst der Europaligist Partizan Belgrad, seit vielen Jahren die unbestrittene Nummer eins im Land, muss Jahr für Jahr zusehen, wie seine aufgebauten Stars, sobald sie flügge sind, ins europäische Ausland oder gar in die NBA weiterziehen. Auch die anderen serbischen Vereine, die die aktuellen Nationalspieler in jungen Jahren ausgebildet haben, profitieren nicht sonderlich davon und kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen: Roter Stern Belgrad war in der letzten Saison pleite und startet jetzt nach einer Fusion mit der unter chronischem Zuschauermangel leidenden Talentschmiede FMP Zeleznik gerade unter Svetislav Pesic einen Neuanfang.

Hemofarm Vrsac hat auf den Eurocup-Start verzichtet, wo man seine sehr junge Mannschaft mit erfahrenen Spielern hätte verstärken müssen, für die aber das Geld fehlt. So ist Serbien in der kommenden Saison europäisch nur noch durch Partizan vertreten. Während Roter Stern/FMP, Hemofarm und Radnicki Kragujevac immerhin noch in der attraktiven Adria-Liga antreten, spielen die übrigen Clubs unterdessen in der serbischen Liga vor zum Teil spärlichen Kulissen. Erst Ende März stoßen die vier Top-Klubs aus der Adria-Liga hinzu, um in einer Endrunde den serbischen Meister zu ermitteln.

Serbiens EM-Aufgebot im Stenogramm

Guards
Milos Teodosic (24, 195, ZSKA/RUS), Milenko Tepic (24, 200, Panathinaikos/GRE), Aleksandar Rasic (27, 195, Vilnius/LTU), Stefan Markovic (23, 191, Valencia/ESP).

Forwards
Marko Keselj (23, 206, Olympiakos/GRE), Dusan Savanovic (27, 204, Efes/TUR), Nemanja Bjelica (23, 209, Vitoria/ESP), an Macvan (21, 205, Maccabi/ISR), Ivan Paunic (24, 195, Nizni Novgorod/RUS).

Center
Nenad Krstic (28, 213, ZSKA/RUS), Kosta Perovic (26, 218, Barcelona/ESP), Boban Marjanovic (23, 222, Nizni Novgorod/RUS).

Headcoach: Dusan Ivkovic (67, Olympiakos/GRE, fünfte EM)

Serbien: Der Kauz und das Schlitzohr

Aus Siauliai berichtet Michael Spandern (SPORT1)

Als die Dallas Mavericks in den NBA-Finals noch auf Peja Stojakovic setzten, hatte der defensivschwache Scharfschütze in Serbien längst ausgedient.

Kein Wunder, sitzt doch mit Dusko Ivkovic ein Defensivpapst auf der Trainerbank, der auf große Namen wenig wert legt - einen solchen hat er schließlich selbst.

Vier Euroleague-Titel, drei Goldmedaillen bei Europameisterschaften, der WM-Triumph 1990 mit Jugoslawien: der 67-Jährige hat auf der internationalen Bühne nichts mehr zu beweisen.

Verzicht auf drei NBA-Akteure

1315059998/img_Nemanja_Bjelica_Serbien_EM_2011.jpgAber sein immer noch junges Team, das vor zwei Jahren sensationell EM-Silber holte und gegen Deutschland (So., ab 19.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) den vierten Sieg im vierten EM-Spiel anstrebt, liegt ihm am Herzen.

So sehr, dass er im Sommer sogar auf sein Gehalt verzichtete, als der serbische Verband in Finanzschwierigkeiten steckte.

Die knorrige und kauzige Trainer-Legende, die englische Fragen nicht selten und dann vermutlich nicht unabsichtlich missversteht, hat neben Stojakovic auch wieder auf Darko Milicic (Minnesota Timberwolves) und Vladimir Radmanovic (Golden State Warriors) verzichtet.

Somit steht zwar nach Nenad Krstics Abschied von den Boston Celtics kein NBA-Spieler im Serben-Kader, dafür aber ein potenzieller MVP des Turniers.

"Die Zukunft noch vor sich"

Milos Teodosic, der aufreizend lässige Spielmacher, bei dem Provokationen mit atemberaubenden Pässen abwechseln, war bei der WM 2010 bester europäischer Assistgeber.

"Er hat so einen schläfrigen Blick, hat es aber faustdick hinter den Ohren", warnt Bundestrainer Dirk Bauermann vor dem Schlitzohr.

Und ungeachtet des nicht bei der EM mitwirkenden Griechen Dimitris Diamantidis und Litauens Altmeister Sarunas Jasikevicius ist er für seinen Mitspieler Ivan Paunic schlicht "der beste Playmaker in Europa".

Dabei hat der 24-Jährige "die Zukunft noch vor sich", wie Ivkovic sagt, anstatt zu beantworten, ob das Schlitzohr schwer zu coachen sei.

"Wenn wir kein Team sind, sind wir Mittelmaß"

Der 1,96-Meter-Mann, von Experten zu Europas Basketballer des Jahres 2010 gewählt, ist just zu ZSKA Moskau gewechselt - genau wie Center Krstic, der zweite Go-to-Guy.

Trotz 419 Spielen in der NBA, davon 373 als Starter, fühlt der sich aber nicht als Star und sagt ganz in Ivkovics Sinne: "Wenn wir kein Team sind, sind wir nur Mittelmaß."

So wie bei der Blamage bei der EM 2005 im eigenen Land, als die zerstrittenen Serben in der Vorrunde scheiterten.

Mit zwei Angeschlagenen, ohne Velickovic

1315060070/img_Dusan_Ivkovic_Serbien_EM_2011.jpgDie neue Generation ist aber in Windeseile herangereift und durch zahllose Euroleague-Schlachten ausgebufft wie alte Hasen.

Zwar fehlt mit Novica Velickovic ein wichtiger Baustein. Der Forward von Real Madrid, der bei der EM 2009 und der WM 2010, durchschnittlich über elf Punkte erzielte, musste seine Teilnahme wegen einer hartnäckigen Muskelverletzung absagen.

Dafür sind die angeschlagenen Nemanja Bjelica (nach einer OP an der Hand) und Marko Keselj, der sich beim Vorbereitungsturnier in London das Jochbein brach, dabei.

Defensive Spezialaufgaben für Bjelica

Vor allem 2,09 Meter große Bjelica spielt in den defensiven Strategien von Ivkovic eine besondere Rolle.
Er war beim Auftaktsieg gegen Italien der Beschatter von Nuggets-Profi Danilo Gallinari und soll im letzten Vorrundenspiel Frankreichs Super-Athleten Nicolas Batum (Portland Trailblazers) und Mickael Gelabale (Spirou BC Chaleroi) stoppen.

"Das sind Small Fowards, die unsere Pläne torpedieren können, wenn man nicht die richtige Antwort parat hat", erläutert Ivkovic.

Eine Center-Crew gegen die deutschen Riesen

Unter den Körben spielt der 23-Jährige Boban Marjanovic (Nizhny Nowgorod) sein erstes großes Turnier.
Der 2,22 m große Center - beim Sieg gegen Lettland am Freitag geschont, hat seine Stärken unter den Brettern hat, wo die Serben mit Kristic und Kosta Perovic (FC Barcelona) bereits sehr gut aufgestellt sind.

Doch hinter Marjanovics Berufung steckt wieder ein Kalkül des Trainerfuchses. "Unsere Gegner Deutschland, Italien und Frankreich haben ihre Stärken unter den Körben, deshalb haben wir uns entschieden, dass der Kader eine ganze Center-Crew beinhaltet", so Ivkovic.

Auf Medaillenambitionen lässt er sich nicht festlegen, er schaut stattdessen auf 2012: "Als wir dieses Team vor drei Jahren aufgebaut haben, haben wir die Olympischen Spiele in London als Ziel ausgegeben. Und dieses Ziel hat sich und wird sich nicht ändern."
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