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Freiheit hinter Gittern: Das Leben der Basketballer Marcus und Jay in der JVA Ebrach

Freiheit hinter Gittern: Das Leben der Basketballer Marcus und Jay in der JVA Ebrach

Schlossartig. Wunderschön. Ein barocker Prachtbau. Und doch ein Knast. Wahrscheinlich der schönste auf dieser Welt. Nicht aber für Marcus und Jay (beide Namen von der Redaktion geändert). Denn beide sitzen hier ein. Und beide lieben Basketball. Jeden Freitag kommen Trainer von den Brose Baskets in die JVA nach Ebrach und trainieren die Knastmannschaft. Für die Spieler ein Stück Freiheit. Freiheit hinter Gittern. RED sprach mit Marcus, mit Jay, aber auch mit Gefängnisseelsorger Hans Lyer und Menschen wie Walter Meissner und Volkmar Zapf, die mit ihrem Engagement und mit Basketball ein klares Statement abgeben: Jungs wie Marcus und Jay dürfen nicht aufgegeben werden.
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„The Best day of my life. 01.09.2009.“ – das steht auf Jays Unterarm. Das Tattoo hat er sich selbst gestochen. Der 1. September 2009: An diesem Tag bekam seine Mutter ein neues Herz, ein neues Leben, eine zweite Chance. Jay liebt seine Mutter. Aber Sie ihn nicht mehr. „Sie will mich nicht mehr sehen. Sie sagt, sie ist fertig mit mir. Aber sie ist trotzdem meine Mutter.“

1334134660/img_best_day_of_my_life.jpgEin Neuanfang, ein Neustart, ein zweite Chance, die bekommen auch Marcus und Jay. Noch aber sitzen beide ein. Im Jugendknast in Ebrach. Bald jedoch dürfen Sie raus. Marcus, „wenn alles gut geht“, diesen Sommer, Jay in elf Monaten. Beide haben Mist gebaut. Großen Mist. Das wissen Sie. Erstaunlich abgeklärt und geläutert reflektieren die Zwei darüber, was damals schief lief in und mit ihrem Leben. Marcus erzählt von sich: „Wir hatten nie wirklich viel Geld. Und als Jugendlicher will man eben gewisse Dinge haben. Ich bekam 50 Euro Taschengeld im Monat“, sagt Marcus. Das reichte nicht. Arbeit? Jobben? „Das war für mich keine Optionen.“ Wie dann an Geld kommen? Seine Lösung: Schwerer Raubüberfall mit Körperverletzung. Marcus wird straffällig und wandert im Alter von 18 Jahren in den Bau. Seit zwei Jahren und acht Monaten sitzt er ein. Davor war er ein hoffnungsvolles Basketballtalent. Damals auch bei Stefan Weissenböck, der bei den Franken Hexern in Nürnberg das NBBL Team betreute. „Ich wollte Profi werden, mit Basketball mein Geld verdienen, dachte, ich schaff das. Schule spielte bei mir keine Rolle. Am Ende habe ich die Erwartungen einfach nicht erfüllt, war Clown, statt Leader, war undiszipliniert, kam zu spät, manchmal auch verkatert zum Training.“

Jetzt trainiert er jeden Freitag mit dem Knastteam unter Anleitung von Jugendtrainern der Brose Baskets, darunter auch der frühere Bamberger Profi und Athletikcoach Volkmar Zapf, der das Projekt auf Initiative von Gefängnisseelsorger Hans Lyer seit Beginn an ehrenamtlich unterstützt. „Unser Ansatz war von Anfang an: Mit dem Basketball und dem Netzwerk der Brose Baskets für die Jugendlichen ein grundsätzlich anderes Umfeld mit Perspektive zu schaffen. Denn es dürfte klar sein, was passiert, wenn die Jungs nach dem Knast wieder in ihr ursprüngliches Milieu zurückkehren. Mit dem Basketball im Knast und dem Basketballnetzwerk in Bamberg kriegt man den einen oder anderen da vielleicht auch raus“, sagt Zapf, der heute als Lehrer arbeitet. Marcus hat gute Chancen, sagt Hans. Er wird nach dem Gefängnis nicht nach Nürnberg zurückkehren, sondern nach Bamberg gehen, um dort weiter zur Schule zu gehen.

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Brose Baskets Jugendkoordinator Flo Gut und `Güssbachs JBBL Spieler Andreas Obst leiten an diesem Freitag das Training in der JVA. Zwei Stunden Basketball! Für Marcus wie ein kleines Stückchen Freiheit. „Beim Basketball bekomme ich den Kopf frei“, sagt er auf dem Weg in die Sporthalle. „Basketball und Musik helfen mir, wenn’s mir mal schlecht geht.“ Solche Phasen gab und gibt es öfter. „Als meine Freundin Schluß gemacht hat, das war schon schlimm. Musik, der Sport und auch die Einzelgespräche mit Hans (Anm. d. Red.: Gefängnisseelsorger Hans Lyer) helfen einem schon sehr, Rückschläge zu verarbeiten.“

Marcus will nicht mehr so sein

Der Weg zur Trainingshalle führt durch einen gigantischen Kreuzgang. Biblisch, beinahe heldenhaft, schon fast wie in einem Hollywoodfilm die Szenerie, wenn Marcus dribbelnd Richtung Halle läuft. Das Bild vom coolen Gangster drängt sich dem Betrachter in den Kopf. Marcus aber ist nicht so, will nicht mehr so sein. Er wirkt sehr fokussiert, weiß ganz genau, was er angestellt hat, weiß, auf was es jetzt ankommt, ist zielstrebig und marschiert mit großen Schritten, den Ball dribbelnd durch die Gänge. In dieser Sekunde, in diesem Moment ein vor Kraft und Energie nur so strotzender Augenblick: Gefangen in diesem wunderschönen schlossartigen Kloster, aber der verlorene Sohn ist auf dem Weg nach Hause, geläutert, nach draußen, heim, Aufbruchstimmung. Hier und jetzt beginnt etwas Neues. Man kann es spüren, greifen. Das packt jeden.



1334134808/img_hallengang.jpgHans Lyer begleitet nicht nur Marcus. Er kümmert sich um alle Insassen. Und das ohne jeden religiösen Pathos. Es ist ganz einfach: Hans versucht jeden der Jungs hier drin auf das Leben „da draußen“ vorzubereiten, führt mit den Insassen immer wieder Einzelgespräche, in denen er über ihr Leben reflektiert. „Dazu muss ich die Jungs kennenlernen. Basketball hilft mir dabei in die Seele der Jungs zu blicken. Denn nirgendwo sonst ist der Mensch ehrlicher als beim sportlichen Wettkampf. Dort zeigt er seinen wahren Charakter, ist emotional. Für meine Arbeit ein hervorragendes Beobachtungsinstrument. Ich kann sehen, ob jemand kooperationsbereit ist, ob ich es mit einem Teamplayer zu tun habe oder mit einem Egoisten, ich kann sehen, ob jemand – wenn er den Wurf nimmt oder eben nicht - bereit ist, Verantwortung zu übernehmen oder auch wie jemand mit Frust, Aggression oder, beim Pfiff des Schiedsrichters zum Beispiel, mit Autorität umgeht. Das Gute ist, die Jungs müssen sich miteinander an die Regeln halten. Der Lerneffekt ist wirklich enorm.“ Auf diese Art und Weise mit den Häftlingen arbeiten zu können, dafür ist Hans Lyer sehr dankbar. „Dazu brauchst Du aber auch Sportbeamte wie Walter Meissner, ohne die so etwas nicht möglich ist“, sagt Lyer. Auch Meissner weiß: „Sport ist unheimlich wichtig im Vollzug. Ohne Sport, ohne Basketball würden hier viele durchdrehen.“

Sein Leben ist seine Inspiration

1334134682/img_fuss_und_ball.jpgJay, der wegen Einbruchdiebstahl in der JVA ist, spielt auch gerne Basketball. Er erzählt seine Lebensgeschichte. Von A bis Z, beinahe ohne Atempause. Jay sucht die Freiheit im Wort. Und findet sie in den Hip-Hop-Texten, die er selber schreibt. Die kann ihm selbst hier, in der Sicherungshaft, niemand nehmen. Heute darf er mit uns sprechen, aber nicht mit Basketball spielen. „Es gab Ärger“, sagt er nur. Im Gegensatz zu Marcus, der so gut wie den ganzen Tag „offen“ ist – also aus seiner Zelle raus kann-, hat Jay davon nur drei Stunden . Eine mittags und zwei abends. Kaum zu glauben, dass er sich freiwillig wegsperren ließ. Der Grund ist nachvollziehbar: „Ich will keinen Ärger mehr, mich einfach vernünftig verhalten. Es ist zwar scheiße, wenn Du im Knast beklaut wirst, aber wegen einer Kleinigkeit noch mal sechs Monate oben drauf zu kriegen, darauf hab ich keinen Bock.“ Sicherungshaft als Weg nach draußen. Dafür verzichtet er sogar auf Basketball.

1334134924/img_marcus_im_gespraech.jpgDamit ihm die Decke nicht auf den Kopf fällt, textet er. Sein Leben ist seine Inspiration. Daheim wartet seine Freundin, hier im Knast wartet er darauf endlich frei zu sein. „Bei mir ist viel schief gelaufen. Ich hatte nie eine richtige Familie, kenne meinen Vater nicht, wusste nie, was Liebe und Freundschaft wirklich bedeuten und selbst meine Mutter macht mir nur Vorwürfe und will nichts mehr von mir wissen. Nur mein Bruder ist mir geblieben. Das alles zeichnet einen.“ Es ist die Suche nach Anerkennung, die Jay einst auf den falschen Weg brachte. „Ich hab halt gesehen, dass die Leute, die Geld haben, glücklich sind. Meine Überzeugung war: Mit Geld kannst Du alles haben. Freunde, Liebe, tolle Klamotten.“ So fing es bei Jay an. Heute weiß er, „das damals waren die falschen, waren gekaufte Freunde.“ Und jetzt wurde Jay bereits zum zweiten Mal eingebuchtet. Für eine Tat, die er nicht einmal begangen hat. Was genau das war, will er nicht sagen, ausser: „Ich habe einem falschen Freund mein Handy geliehen und das wurde dann eben am Tatort gefunden. Da ist klar, wer die Schuld kriegt.“ Seinen Kumpel hat er nicht verraten. „So was mache ich nicht.“ Insgesamt vier Jahre Knast, „fast meine gesamte Jugend habe ich im Knast verbracht. Das muss man sich mal vorstellen.“ Jay hat daraus gelernt. Heute weiß er, dass er sich nicht verstellen muss. Auch der Suche nach wahrhaftiger Freundschaft und Anerkennung sollen ihn die Menschen so nehmen wie er ist. „Ich stehe zu meiner Vergangenheit, zu meinem Leben. Das gehört mir. Das macht mich aus. Das ist meine Lebenserfahrung, meine Geschichte, nur meine, niemand sonst hat diese Lebenserfahrung“, sagt Jay über sich.

Die Zeit ist vorbei, zurück in die Zelle
Die Realität holt Dich ein, wie eine Schelle,
eine Schelle ins Gesicht, jetzt bist Du wach,
Eine Woche warten, denk‘ mal drüber nach
Drüber nach, was Du wirklich willst im Leben
Lerne nicht nur zu nehmen, auch zu geben

(Jay)

1334135144/img_zellengespraech_zirbes.jpgZeit zu lernen haben Marcus und Jay im Knast genug. Für sich selbst und fürs Leben. Marcus hat die Mittlere Reife nachgeholt. Und er hat eine Lehre zum „Gebäude- und Objektbeschichter“ absolviert. „Ich bin im Knast zwar kein anderer Mensch geworden, aber ich denke, ich bin reifer geworden“, sagt Marcus, der kein TV Spiel der Brose Baskets verpasst. „Wenn ich raus komm‘, will ich mein Abitur bauen.“ Und dann? „Studium. Sportmanagement könnte ich mir vorstellen. Und ich möchte wieder Basketball spielen. Irgendwo im Verein. Das wäre super.“ Angst davor im richtigen Leben rückfällig zu werden? „Nein, eigentlich gar nicht. Ich freu mich darauf, neu durchstarten zu können. Ich habe hier drin gelernt, dass Schule und Arbeit Spaß machen.“ Das macht auch Marcus‘ Eltern stolz, die ihn regelmässig in Ebrach besuchen. „Sie wissen von meinen Plänen und finden das gut, was ich vorhabe.“ Kontakt nach draussen hat Marcus nur noch mit seinen Cousins und Cousinen und seinem Mittäter von damals, der schon wieder raus ist. „Wir schreiben uns. Und es geht ihm gut, er macht eine Ausbildung.“ Gemeinsam hatten die Zwei hier drin die Mittlere Reife nachgeholt, um später in der Freiheit nicht ohne Abschluss dazustehen.

Feste Pläne hat auch Jay. Draußen wartet seine Freundin. „Zu wissen, dass ich ein zu Hause habe, wenn ich raus komme, dass da jemand ist, der auf mich wartet, ist das Allerwichtigste. Das motiviert mich unheimlich.“ Von hier drin hat er sich auch um einen Job gekümmert. „Ich werde als Immobilienmakler arbeiten und mit meiner Freundin zusammen ziehen und in meinem Leben auf jeden Fall einiges ändern“, sagt der 21jährige.

Wir sind eine Familie
Die durch dick und dünn geht
Jeder für den anderen einsteht
Brose Baskets die machen es möglich
Jedem ist klar, das ist echt löblich

(Jay)

Marcus und Jay stehen vor einem Neuanfang. Und das voller Zuversicht, denn im Knast haben Sie neu zu leben gelernt. An dem Tag, an dem sie frei kommen, wird ihr Herz neu zu schlagen anfangen. Es wird der beste Tag Ihres Lebens werden.

Diese Reportage von Jochen Zerbes (Fotos: Volker Ehnes, kopfwerk) stammt aus der vierten Ausgabe des RED Magazins der Brose Baskets (www.red-bamberg.de), welches regelmäßig über den amtierenden Deutschen Meister und Basketball in und um Bamberg berichtet. Hier gibt es zudem weitere Fotos mit Basketball-Impressionen aus der JVA Ebrach.
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