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BIG - Basketball in Deutschland
Leistungsstaigerung: Ludwigsburgs Nationalspieler Lucca Staiger im BIG-Portrait

Leistungsstaigerung: Ludwigsburgs Nationalspieler Lucca Staiger im BIG-Portrait

Lucca Staiger legte in Ludwigsburg einen Traumstart hin. Nach seinen schweren Jahren bei ALBA BERLIN zeigt der Nationalspieler, was er kann. Ein erfolgreicher Sommer mit der Nationalmannschaft brachte ihn in die Erfolgsspur zurück. „Da habe ich wieder den Spieler gesehen, den ich kenne“, sagt sein ehemaliger Trainer Ralph Junge.
Dieser Name und diese Zahl gehören untrennbar zusammen. Lucca Staiger. 102. Wer bei Google den Namen des Nationalspielers eingibt, der findet als siebten Treffer diese Zahl. Und wer über Lucca Staiger schreibt, der erzählt nur zu gern die Geschichte, als der damals 15-Jährige in einem C-Jugendspiel für die Urspringschule gegen Waiblingen 102 Punkte erzielt. „In diesem Spiel hat Lucca gelernt, dass er im Grunde seines Herzens ein Scorer ist.“ Ralph Junge ist auf dem Weg in die Trainingshalle der Urspringschule, als er über seinen einstigen Musterschüler spricht. Staiger kam im Alter von elf Jahren in das Klosterinternat, Junge war von Beginn an sein Trainer. Es sei schon lustig, dass der 24-Jährige lange den Ruf eines Distanzspezialisten hatte. „In der Jugend hat er den Ball immer nur gepasst, nach links, nach rechts und wieder nach links. Wir haben ihn lange nötigen müssen, auch mal auf den Korb zu werfen.“ Das ist dann nach dem 102-Punkte-Spiel nicht mehr notwendig. „Es stimmt schon, nach diesem Spiel sind mir einige Sachen klar geworden. Dass ich viel aggressiver auf dem Feld sein musste, zum Beispiel.“


An diesem Abend, als BIG mit dem Shooting Star des Sommers spricht, ist Staiger fernab von jeglicher Aggressivität. Staiger ist müde, aber entspannt. Die Niederlage gegen Bayreuth am Abend zuvor nagt noch an ihm, auch seine 19 Punkte konnten sie nicht verhindern. Jetzt ist Staiger zu Besuch bei seiner Familie in Blaustein im Alb-Donau-Kreis, eine 15 000-Seelen-Gemeinde. Hier ist er aufgewachsen, die Urspringschule, die er später besuchen sollte, ist nur knapp 20 Kilometer entfernt. Seine Gedanken wandern zurück ins Jahr 2003, als er seinen Wurf als Waffe entdeckt. „Ich sollte in dieser Partie eigentlich gar nicht spielen, aber wir waren mit mir nur zu fünft, also musste ich sogar durchspielen. Ich war in einem ganz guten Rhythmus, traf meine Würfe. Irgendwann rief ein Kumpel von der Seitenlinie rein, ich solle versuchen, den Schulrekord zu knacken.“ Der stand bei 67 Punkten in einer Begegnung, aufgestellt von Felix Czerny, dem langjährigen NBBL-Coach der Urspringschule. Von diesem Rekord ist nicht mehr viel übrig, als die Schlusssirene ertönt, Staiger hat ihn regelrecht pulverisiert. „Danach hat er Gefallen am Scoren gefunden“, lächelt Coach Junge. „Vorher war er viel zu passiv.“

Der 43-jährige Basketballtrainer nimmt den jungen Lucca von Beginn an unter seine Fittiche. Weil der von Beginn an ein besonderes Talent im Umgang mit dem orangen Leder beweist, spielt er schnell bei den Älteren mit. „Lucca hat praktisch sieben Jahre in der C-Jugend gespielt“, schmunzelt Junge. „Er war Gleichaltrigen körperlich voraus. Es war schon faszinierend zu sehen, wie er als Elfjähriger einen Pass über das ganze Feld an den Mitspieler brachte.“ Doch nicht nur Staigers physische Konstitution ist nicht alterstypisch, er hat einen angeborenen In-stinkt für das Spiel. Junge setzt Staiger fast immer als Point Guard ein, weil dieser es versteht, das Spiel zu lesen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mit 15 Jahren debütiert er für Ehingen in der 2. Bundesliga, ein Jahr später ist er mit 11,7 Punkten pro Spiel bereits ein Leistungsträger.

Lucca Staiger ist als Teenager ein Star in der Region, doch er will mehr. Er träumt, wie jeder junge Basketballer in diesem Alter, von der NBA. Der kürzeste Weg dorthin, so seine Hoffnung, ist der Wechsel an ein US-College. Er entscheidet sich für die Iowa State University, eine große Nummer im College-Basketball. „Mir hat dort einfach alles gefallen: die Halle, die Fans, der ganze Campus. Ich fand es cool, dass es eine relativ große Schule war, und sie hatte natürlich in Sachen Basketball einen hervorragenden Ruf.“

Es ist Herbst im Jahr 2007, und Staiger ist heiß. In zwei Wochen soll er das erste Mal für Iowa State auflaufen, 14 000 Fans werden erwartet. So gut es geht, hat er die Diskussionen um seine Spielberechtigung bis dahin ignoriert, doch an diesem Tag folgt die Hiobsbotschaft: Die Liga setzt Staigers Engagement in Ehingen mit einem Profi-Status gleich und verhängt eine einjährige Sperre. „Ich war geschockt. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich ein Jahr nicht spielen darf.“ Die Iowa-State-Fans gehen auf die Barrikaden, malen „Free Lucca“-Pappschilder und sorgen dafür, dass der „Fall Staiger“ zu einem Politikum wird. Die Unterstützung der Fans ist Staigers größte Motivationshilfe, eine Saison nur zu trainieren und bereit zu sein für seine zweite, erste Spielzeit. Und er ist bereit: „Lucca war der erste Deutsche nach Ademola Okulaja, der es an einem Major-College zum Leistungsträger geschafft hat“, erinnert sich sein Mentor Ralph Junge. Im dritten Saisonspiel der darauffolgenden Saison gegen die Drake-University erzielt der Deutsche 32 Punkte, trifft zehn seiner 16 Dreierversuche und erlangt spätestens jetzt Helden-Status.

Der Mörtel am Sockel seines Denkmals ist noch nicht getrocknet, da beginnen es die eigenen Fans schon wieder einzureißen: Nur zwei Monate nach seinem denkwürdigen Spiel verkündet Staiger, das College verlassen zu wollen, um ein Angebot in Deutschland anzunehmen. Bis dahin läuft er in allen 17 Saisonspielen als Starter auf, kommt im Schnitt auf 9,4 Punkte im Schnitt und trifft 42,5 Prozent seiner Drei-Punkte-Würfe. „Natürlich bin ich sehr enttäuscht, speziell vom Zeitpunkt seiner Entscheidung“, gibt sich Cyclones-Headcoach Greg McDermott erst gar keine Mühe zu verbergen, wie angefressen er nach Staigers Entscheidung ist. Unstimmigkeiten mit seinem Trainer sollen ein Grund für Staigers überraschende Rückkehr nach Deutschland gewesen sein, doch schwerer wiegt der Zweieinhalb-Jahres-Vertrag, den Alba Berlin ihm anbietet.

Jetzt, an diesem Abend, in seinem Elternhaus in Blaustein, verspürt Lucca Staiger wenig Lust, über seine Zeit in der Hauptstadt zu reden. Es war eine verlorene Zeit, Staigers Stammplatz war stets am hintersten Ende der Bank, egal unter welchem Trainer: Pavicevic, Katzurin, Herbert. „Du bist nicht bereit“, sagt ihm Pavicevic. Sasa Obradovic, aktuell Trainer bei Alba, unter dem Staiger nie trainiert hat, ätzt in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“: „Lucca Staiger hat in der letzten Saison zehn Kilo zu viel gehabt. Er hätte professioneller arbeiten müssen. Vielleicht hat da jemand auch nicht genug auf ihn aufgepasst.“ Der so Kritisierte holt tief Luft, verkneift sich aber einen Kommentar. Stattdessen sagt er: „Mit Alba und mir, das hat einfach nicht gepasst.“

Auch Ralph Junge kennt das Zitat von Obradovic. Er wolle gar nicht abstreiten, dass an der Aussage nichts dran sei, allerdings legt er auch Wert auf den letzten Satz: „… jemand hat nicht genug aufgepasst.“ Von Anfang an habe man bei Lucca nur die Fehler gesucht, „das habe ich den Berliner Verantwortlichen auch gesagt. Wenn es zwischen Spieler und Klub nicht funktioniert, gehören immer zwei Seiten dazu. Und zum Vorwurf, Lucca sei in Berlin nicht fit gewesen: Warum war er es dann nur kurz darauf bei Svetislav Pesic in der Nationalmannschaft?“ Generell sei die Betreuung junger Spieler zu überdenken, bei jedem Klub. „Die jungen Burschen kommen in eine große Stadt, sitzen in ihrer Wohnung und haben außer Training nicht viel. Dann kommen sportliche Krisen hinzu, man beginnt zu grübeln. Ein Teufelskreis.“ Jungen Spielern müsse man Freiheiten geben, „dann verstärken sie mit ihrer Frechheit und Energie auch ein Team. Für Lucca war es bei Alba definitiv keine einfache Zeit.“ Natürlich ist Ralph Junge befangen. Staiger ist mehr als ein ehemaliger Spieler, Staiger ist ein Freund. Beide telefonieren regelmäßig, im Sommer trainiert Lucca oft in Urspring, wo auch sein kleiner Bruder spielt. „Ich will Lucca nicht in Schutz nehmen, aber im Sommer bei der Nationalmannschaft habe ich endlich wieder den Spieler gesehen, den ich kenne. Von Luccas Crossover hat damals jeder geschwärmt, der war jahrelang verschüttet. Die Monate bei Pesic haben ihm neues Selbstvertrauen gegeben.“

1352718187/img_aufmacher-staiger1.JPGStaiger ist die vielleicht größte Überraschung, als er bei der EM-Qualifikation der Nationalmannschaft zu einem der Leistungsträger im deutschen Team avanciert. Hinter Heiko Schaffartzik ist er mit 9,9 Punkten pro Spiel zweitbester Scorer im Team. Der Shooting Guard will gar nicht verhehlen, dass seine Leistungsexplosion sehr viel mit dem Bundestrainer zu tun hat. „Es war ja das erste Mal, dass ich unter Svetislav Pesic trainiert habe. Es ist schon beeindruckend, welche Autorität er ausstrahlt. Die Tür geht auf, und du spürst die Macht.“ Nun ist Pesic kein Darth Vader, auf die dunkle Seite begibt sich der Erfolgscoach nur, wenn jemand nicht nach seinen Vorstellungen mitzieht. „Er hat mir zu Beginn gesagt, dass ich mich reinhängen soll, und das habe ich zu 100 Prozent gemacht.“

Den Elan und die breite Brust aus dem Nationalmannschafts-Sommer nimmt Lucca Staiger mit nach Ludwigsburg, wo der 24-Jährige den Durchbruch in der Beko BBL schaffen will. Obwohl Staigers Agent angeblich schon Phoenix Hagen die Zusage gegeben hatte, entscheidet sich der Nationalspieler für die Schwaben. „Ich denke, Ludwigsburg bot mir die beste Situation, in der ich mich entwickeln kann.“ Überzeugt haben ihn viele Gespräche mit Headcoach Steven Key. „Er war von Beginn an ehrlich, hat nichts schöngeredet und immer mit offenen Karten gespielt. Ich mag keine Spielchen, von daher war mir Stevens Art von Anfang an sehr sympathisch.“ Key will Staiger als Starter auf der Zwei – jemand, der in den vergangenen zweieinhalb Jahren nur gespielt hat, als die „Garbage Time“ verteilt werden musste, muss sich wie im gelobten Land fühlen. Dass die Ludwigsburger vergangene Saison den Verlust des Namenssponsors zu beklagen hatten und nur knapp dem Abstieg entronnen, schreckte Staiger nicht, im Gegenteil. „Ich mag es eher, etwas bei einem Verein mit aufzubauen und diesen wieder nach oben zu führen, anstatt mich irgendwo ins gemachte Nest zu setzen.“ Bislang scheint Staigers Plan, seine Duftmarke endlich auch in Deutschlands Beletage zu setzen, aufzugehen: In den ersten Spielen für die Neckar RIESEN steht er rund 30 Minuten pro Spiel auf dem Parkett und erzielt 18 Punkte im Schnitt; seine Dreierquote liegt bei etwa 45 Prozent. „Wenn Lucca so weitermacht, dann sind seine knapp drei Jahre in Berlin bald vergessen. Für mich ist er auf dem Weg, einer der besten deutschen Spieler in der BBL zu werden“, sagt Ralph Junge. Und auch wenn man die Mentoren-Scheuklappen beiseitelegt: So schief könnte Staigers Jugendcoach gar nicht liegen.

Dieses Portrait gibt es in der aktuellen Ausgabe der BIG (Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten) und außerdem noch folgende Themen:

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