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„Dann begann ein Nervenkrieg“ – Das Wechseldrama um Dennis Schröder

„Dann begann ein Nervenkrieg“ – Das Wechseldrama um Dennis Schröder

Ein BIG-Interview über Gehirnwäsche, Arroganz, plumpe Drohungen und warum es sich lohnt, auch mal beim Nein zu bleiben: Oliver Braun verhandelte für die New Yorker Phantoms Braunschweig den Wechsel von Dennis Schröder zum NBA-Klub Atlanta Hawks. Zwei Wochen lang stand das Telefon des Braunschweiger Sportdirektors nicht still, und auf manches Gespräch hätte Braun wohl verzichten können. Interview: Kai Zimmermann

Oliver Braun, Ihr Ex-Aufbauspieler Dennis Schröder ist gerade bei den Atlanta Hawks in die NBA gestartet. Im Sommer gab es einen Hitchcock um die Freigabe. Kurz gefragt: Was geschah damals wirklich?

Das ist eine längere Geschichte in vielen kleinen Akten. Zunächst haben die Hawks Dennis gedraftet. Das war am 27. Juni. Im Anschluss haben die Hawks den zweiten Guard, für den sie die Rechte erworben hatten, getradet. Insofern war allen klar, dass die Chance, dass Dennis wirklich in Atlanta spielen würde, sehr gut ist. Das war die Grundkonstellation.

Und dann?

Ab diesem Moment ging es zwei Wochen lang um die Freigabe. Wir hatten unsere Ablöseforderungen bereits frühzeitig in einer NBA-Ausstiegsklausel mit Dennis vereinbart. Diese war Atlanta auch bekannt. Dennis flog schon rüber und trainierte in den USA. Wir haben uns also gewundert, dass sich aus Atlanta vorerst keiner gemeldet hat. Also sind wir an die Klubverantwortlichen herangetreten. Aber auch danach geschah erst mal lange nichts. Dann kam irgendwann eine formlose Bitte aus Atlanta, wir mögen Dennis freigeben. Da waren wir sehr erstaunt und haben geantwortet, dass das so einfach leider nicht geht.

War zu dem Zeitpunkt mit Dennis alles geklärt?

Ja, das war erledigt. Dennis und wir hatten uns weit vorab auf eine Ausstiegsklausel geeinigt. Es kam jetzt nun also auf Atlanta an.

Die Hawks meldeten sich erst rund eine Woche nach dem Draft?

Ja, es ging terminlich schon Richtung Summerleague. Die begann für sie am 12. Juli. Plötzlich hieß es: Ja, wir wollen, dass Dennis in der Summerleague spielt. Jetzt formulierten sie es schriftlich und baten um die Freigabe. Die Antwort war, dass wir die Freigabe nur geben können, wenn die vertraglichen Details zwischen Atlanta und uns geklärt sind! Denn sobald wir die Freigabe geben, haben wir keinerlei Rechte mehr am Spieler; der Spieler ist frei. Die Hawks hätten dann machen können, was sie wollen, ohne dass wir daran partizipiert hätten.

Wie ging es weiter?

Dann begann ein „Nervenkrieg“. Ein Telefonat nach dem anderen. Zunächst kam der Manager des Offices durch. Dann rief sein Vorgesetzter an. Dann ging es eine Etage höher zum General Manager. Es war im Grunde immer das gleiche Gespräch: Sie forderten die Freigabe, wir entgegneten: „Geht erst, wenn die Ablösemodalitäten zwischen uns unterzeichnet sind.“ Am Ende habe ich dann regelmäßig mit dem General Manager Danny Ferry gesprochen. Der sagte, wir könnten auf den guten Ruf Atlantas vertrauen, das würde schon klargehen.

Ihre Antwort?

Wir haben uns darauf nicht eingelassen. Wir erwiderten, dass wir den Hawks glauben, aber dass doch auch nichts dagegenspräche, einen Vertrag abzuschließen. In Chicago wird jemand für ein paar Schuhe um die Ecke gebracht – und von uns wird verlangt, dieses Geschäft jetzt auf Basis des guten Rufs der Hawks abzuwickeln und sämtliche Rechte ohne Unterschrift abzugeben? Er sagte, ich könne ihm vertrauen, das ginge doch alles klar. Worauf ich erneut erwiderte, dass sie doch die Ablöseerklärung unterschreiben sollen, dann kommt die Freigabe sofort.

Was kam dann aus Atlanta?

Sie wollten erst mal keine schriftliche Fixierung, aufgrund von irgendwelchen Statuten. Diese mussten wir dann erst mal prüfen. Dann hieß es freundlich, sie könnten ihr „Salary Cap“ nicht belasten. Dabei wussten wir, dass die Ablösezahlung gar nicht in das dafür vorgesehene Budget (Salary Cap) eingerechnet wird. Dann folgten die nächsten Argumente, die wir wieder überprüfen mussten, die aber an der Zahlung der Ablöse auch nichts geändert hätten. So ging das ein paar Tage hin und her. Aber je näher die Summerleague kam, desto agiler wurde das Atlanta-Office, desto mehr Druck übten sie aus, bis schließlich auch deren Anwälte eingeschaltet wurden.

Anwälte?

Ja, dann wurden alle Register gezogen. Good cop, bad cop, nice guy, bad guy. Als wir hart geblieben sind, haben sie uns gedroht, uns in der Presse schlechtzumachen. Dadurch würde dann unser Ruf Schaden nehmen. Ich habe wiederum erklärt, dass es keine Freigabe geben wird, solange nichts unterschrieben ist. Die Freigabe erfolgt, wenn die vertraglichen Details fix sind. Wir erteilen nicht auf Basis eines Telefonats die Freigabe.Die Anwälte schlugen daraufhin vor, eine Art Vorvertrag zu machen. Sie wollten Dennis so etwas wie einen „Try-out-Vertrag“ geben und im Anschluss daran uns bedienen. Das Problem bestand jedoch darin, dass wir im Falle einer Verletzung von Dennis das Risiko hätten tragen müssen. Insofern war es ein weiterer Versuch Atlantas, irgendwelche Varianten zu fahren, welche wir nicht akzeptieren konnten.

Und am Ende?

Je näher der Beginn der Summerleague rückte, desto einsichtiger wurden die Klubverantwortlichen, die Ablösevereinbarung doch zu unterzeichnen ...

Termin war der 12. Juli …

Richtig. Wenn nicht unterschrieben worden wäre, hätte Dennis nicht spielen können. Aber selbst wenn er nicht Summerleague gespielt hätte, hätte das noch nicht geheißen, dass er nicht in die NBA geht. Und das war uns auch klar.

Dennis trainierte ja bereits in den USA.

Das war okay, das haben wir ihm zugestanden. Eigentlich hätte er das auch nicht gedurft, da er vertraglich an uns gebunden war. Aber der entscheidende Punkt war, dass wir einen unterschriebenen Vertrag von den Hawks erhalten. Atlanta hatte eine Menge Zeit, sich zu kümmern. Der Draft war am 27. Juni. Und dann wurde es hektisch, plötzlich war aus deren Sicht Not am Mann. Und das ganze fand aufgrund der Zeitverschiebung immer nachts statt.

Dachten Sie, dass der Deal auch platzen kann?

Es hätte theoretisch auch kippen können. Das wäre für niemanden gut gewesen. Die Hawks hätten auch sagen können, Dennis bleibt in Deutschland – und wir treten nächstes Jahr an ihn heran. Sie hatten sich ja nur die Rechte gesichert. Für uns stand deshalb auch einiges auf dem Spiel, und ich habe zwischendurch auch etwas daran gezweifelt, ob alles richtig ist, was wir machen. Aber wir konnten nicht anders handeln. Wenn wir ihn ohne schriftliche Grundlage freigegeben hätten, wäre alles vorbei gewesen. Und bei aller Liebe, Atlanta hatte einen Free Agent Cap von ca. 34 Millionen Dollar – da machen die 1,3 Millionen Gehalt für Dennis keinen großen Anteil aus. Nur auf den guten Ruf zu vertrauen, auch wenn es die Hawks oder ein Danny Ferry sind, ist zu wenig.

Ein Nervenkrieg.

Absolut. Aber es gab, neben vielen Aspekten, die wir uns immer wieder vor Augen gehalten haben, einen Punkt, der uns sagte, dass der Deal am Ende doch klappen würde: Atlanta hatte in einem schwachen Guarddraftjahr den zweiten Guard getradet. Sie planten also schon mit Dennis. Die ganzen Details konnten wir glücklicherweise auch mit einem Berater durchsprechen, der uns darin mehr als bestärkt hat.

Dann unterschrieben sie doch?

Richtig. Wir haben einen Vertrag ausgearbeitet, den erst Atlanta unterschrieben hat, dann wir. Danach lief alles Zug um Zug und wir haben die Freigabe erteilt.

Es soll sich um 350.000 Euro Ablöse handeln. Das Geld ist geflossen?

Es ist eine Ablöse gezahlt worden. Über die Höhe möchte ich keine Aussage treffen. Das Geld war wenige Tage nach Vertragsunterzeichnung auf unserem Konto.

Wenn Sie die Freigabe erteilt hätten, wäre Braunschweig am Ende leer ausgegangen?

Das wäre sehr wahrscheinlich gewesen. Wir haben nebenbei u.a. die Fiba eingeschaltet. Die hat uns auch klar davon abgeraten, die Freigabe vor der getätigten Unterschrift zu erteilen. Wir hätten dann keine Rechte mehr am Spieler, dann sei es „vorbei“.

Wenn Sie ein Fazit ziehen – was war Ihr Eindruck von den Verhandlungen?

Ich habe schon Verständnis dafür, dass die Hawks das Beste für sich herausholen wollten. Aber bei den Summen, die da im Spiel sind, war die Art und Weise schon seltsam. Es war ein bisschen wie in Hollywood. Atlanta hat ganz entspannt angefangen und ist dann immer härter geworden. Wir hatten drei verschiedene Verhandlungspartner. Dann noch die Anwälte. Und alles hatte, so der Anschein, das Ziel, Dennis ohne die Zahlung der Ablöse zu bekommen. Die Summe war festgeschrieben, die entsprechenden Verträge lagen den Hawks schon lange vor. Ich denke, bei einem Geschäft unter NBA-Klubs hätten sich die Hawks auch anders verhalten. Aber einem Bundesligisten gegenüber herrscht da natürlich eine gewisse Arroganz. Es ist klar, es ist die NBA, trotzdem bedeutet das nicht, dass hier alle Amateure sind.

Wer hat Sie beraten?

Ich habe gute Verbindungen zu einigen NBA-Klubs, auch in die Spitzen. Insofern konnte ich mir relativ schnell Informationen holen. U.a. war der Vizepräsident der Miami Heat, Chet Kammerer, mal mein Coach. Des Weiteren haben wir einen US-Berater gehabt, welcher das Prozedere schon mal in ähnlicher Form vollzogen hat und bei dem es Parallelen zu unserem Fall gab.

Am Ende wurde bezahlt.

Wir sind froh, dass alle das bekommen haben, was sie wollten. Dennis ist in der NBA, die Agenten haben ihre Verhandlungen abgeschlossen und wir den Vertrag mit unseren Modalitäten. Es war hart und lehrreich, aber der Einsatz hat sich gelohnt.

Wie viele Stunden am Telefon waren es am Ende?

Ich habe keine Ahnung. Eine Menge. Ich habe teilweise aus dem Urlaub verhandelt. Am Ende habe ich ihn abgebrochen, es hatte keinen Sinn mehr, zumal dann auch noch Unterschriften geleistet werden mussten. Aber kein Problem. Das Wichtigste war, dass der Deal steht.

Jetzt spielt Dennis in der NBA. Was kann er reißen?

Das ist offen. Auf den Guard-Positionen haben die Amerikaner natürlich unglaublich viele Alternativen, aber wenn Dennis etwas deutsche Mentalität mitbringt und hart arbeitet, kann er sich durchsetzen und erfolgreich spielen. Er wird es aber schwerer haben als Dirk Nowitzki, weil Dirk seine eigene Position kreiert hat, also als großer Vierer, der schießen kann. Das gab es damals noch nicht, er war einmalig. Trotzdem: Dennis ist vom Spielstil für diese Liga gemacht. Er kann es schaffen.

SPORT1-Beitrag zum Saisonstart von Dennis Schröder:


Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der BIG (Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten), und außerdem gibt es im Heft noch folgende Themen:

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