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BIG - Basketball in Deutschland

"Die Akte Querkopf" - Das große Portrait in der BIG

Bei der EM war er der Anführer der deutschen Nationalmannschaft. Die Formulierung von „Genie und Wahnsinn“ war im slowenischen Ljubljana über ihn regelmäßig zu hören. Vorher hatte sein Wechsel von Berlin nach München für Wirbel in der heimischen Basketball-Gemeinde gesorgt. Die BIG thematisiert in der aktuellen Ausgabe den Rummel um einen der echten „Typen“ der deutschen Basketballszene:

Heiko Schaffartzik verließ Berlin und heuerte in München an. Die Bayern sollen 150 000 Euro Ablöse gezahlt haben – inklusive einer Geldstrafe, deren Zahlung Schaffartzik ALBA gegenüber verweigerte. Jetzt muss Schaffartzik in München beweisen, dass seine trotzige Art auch zu Meisterschaften führen kann.

2008 feierte ALBA die letzte Meisterschaft. Der Titel fühlte sich schon damals nicht mehr selbstverständlich an. Zwischen 1997 und 2003 hatten die Berliner sieben Titel in Serie geholt, danach riss die Erfolgsstory mehr und mehr ein. Auch weil die anderen aufholten. ALBA sucht seitdem nach einer Identität. Es wurde mancher Werbeslogan entworfen, es wurden Trainer und Spieler geholt und entlassen. Der große Wurf war nicht dabei.

Derzeit heißt das Motto „Mit Leib und Seele für Berlin“. Niemand, so vermuteten viele, hätte das besser verkörpern können als Heiko Schaffartzik. Der gebürtige Berliner, verwurzelt in der Berliner Basketball-Szene, wurde zu Zeiten Luka Pavicevics in die Hauptstadt geholt. Als Galionsfigur. Ein großer Auftrag. Doch Schaffartzik wähnte sich bereit. „Ich bin reifer, geduldiger geworden“, erklärte er damals.

Sportlich begann die Mission enttäuschend. Heiko saß zunächst wieder viel auf der Bank. Nach und nach jedoch setzte sich der Aufbauspieler durch und war am Ende die feste Größe unter den deutschen Spielern im ALBA-Kader.

War. Denn Schaffartziks Zeit in Berlin ist – schon wieder – vorbei. Die Trennung zwischen ALBA und seinem größten Hoffnungsträger kam für Insider nicht überraschend. Aber sie ist umso bitterer.

Das schmucklose Zitat, dass ALBA per Pressemitteilung zu Schaffartziks Abschied verschickte, sagte vieles aus. „Ich habe in meiner Karriere noch nie so lange für einen Verein gespielt“, hieß es dort. „Ich habe die Zeit genossen, aber nach zweieinhalb Jahren ist die Zeit reif für Veränderungen. Ich suche eine neue Herausforderung.“

Neue Herausforderung? Das hieße, die Mission ALBA sei für ihn bereits erfüllt. Fühlte sich Heiko nicht mehr gefordert? Oder war er doch eher überfordert?

Die Geschichte beginnt mit Heiko Schaffartzik, der Figur. Er misst 1,83 Meter, aber sein Selbstvertrauen als Basketballer war schon immer riesengroß. Heiko galt nie als der talentierteste Guard, aber er nahm sich meistens, was er wollte. Vor allem die wilden Drei-Punkte-Würfe, die inzwischen als sein Markenzeichen gelten. In seiner Karriere nagelte er manchen Dreier gegen den Mann ins Netz. Andere wären dafür ausgewechselt worden. Bei Heiko schienen die Verantwortlichen irgendwann einen Wert jenseits des Courts zu erkennen, den Schaffartzik durch seine Frechheit auf dem Feld gewann: Strahlkraft als Integrationsfigur.

Schaffartzik bekam mehr und mehr das Image eines Outlaws. Ein kleiner, aufmüpfiger Guard, der sich von niemandem etwas sagen lässt. Nicht von Bayern, nicht von Bamberg. Nicht von seinen Gegenspielern. Und auch nicht von den eigenen Trainern. ALBA ließ sogar Imagefilme mit Heiko produzieren, die vor dem Match gegen Brose gezeigt wurden.

Keine Frage, Schaffartzik ließ sich auf dem Feld nie etwas zuschulden kommen. Er gibt tatsächlich immer alles, ackert und schuftet auf dem Feld, und tatsächlich hält er die meisten, auch die schnelleren Guards vor sich. Das brachte ihm den Respekt der Kollegen ein. Und den der Fans. Aber reicht das für die Rolle als Integrations-, vielleicht sogar Führungsfigur?

Schaffartzik ist 29, aber seine Stationen reichen locker für drei Basketball-Karrieren: 2004 Gießen, 2005 Nürnberg, 2006 Oldenburg, 2007 Ludwigsburg, 2008 Gießen, 2009 Braunschweig, 2010 Ankara – und ab 2011 wieder ALBA. Dort hielt er es zweieinhalb Jahre aus, bis er seinen Vertrag nun wieder auflöste. Diese Vita ist kein Indiz dafür, dass Schaffartzik etwas aufbauen kann, langfristig Verantwortung tragen möchte. Sie ist eher ein Beleg für Rastlosigkeit, Freiheitsdrang.

Schaffartzik hielt es nie lange irgendwo aus. Zuletzt hieß es, Heiko habe schon im Frühjahr angekündigt, unter Trainer Sasa Obradovic nicht mehr spielen zu wollen. Das wunderte viele ALBA-Mitarbeiter nicht. In Berliner Kreisen wird getuschelt, Schaffartzik habe nicht nur an Obradovic herumgemeckert, sondern auch die Vorgänger Pavicevic, Muli Katzurin und Gordon Herbert hätten immer wieder ihr Fett abbekommen.

Ob das wirklich nur mit der Kompetenz der Trainer zusammenhängt? Daran gibt es Zweifel. Tatsächlich berichten viele Insider, dass Schaffartzik einen Zwang in sich trägt, die Gegenposition einzunehmen. Er hinterfragt nahezu alles und verkompliziert für Trainer und Management den Umgang mit sich. Ein Querkopf.

Das macht Schaffartzik zu einer Figur der Widersprüche: Auf der einen Seite demonstriert der Aufbauspieler Unabhängigkeit: Er gehört zu den wenigen Spielern, die sich äußern und auch etwas zu sagen haben – auch wenn er sich zuletzt komplett zurückzog (eine BIG?-Anfrage ließ er unbeantwortet). Er fordert Verantwortung ein und sieht sich als Point Guard, der die Zügel auf dem Feld in der Hand halten will.

Auf der anderen Seite will sich Schaffartzik nicht binden. Er soll bei Vorgesetzten wittern, ihn verbiegen oder missbrauchen zu wollen. Dabei beteuern die immer wieder, gar kein Problem mit Schaffartzik zu haben. Im Gegenteil: Manche nächtliche Eskapade wurde dem Aufbauspieler nachgesehen, der abends in den Clubs verschwand – und dort gern mal auf die Pauke drosch. Und sportlich? Viele sehen ihn eher auf der Shooting-Guard-Position. Er selbst sieht sich als Point Guard.

Wer heute mit Marco Baldi über Schaffartzik spricht, erlebt einen entspannten ALBA-Manager. Der sagt nette Sätze über Heiko: „Es gibt keinen Zweifel daran, dass Heiko auf dem Feld immer gewinnen will. Er ist ein Typ, eine Figur.“ Mehr darf Baldi nicht sagen. Der Grund ist eine Verschwiegenheitserklärung, die beide Seiten nach der Vertragsauflösung unterzeichnet haben. Bei Nichtbeachtung droht beiden Seiten eine Geldstrafe – es soll keine schmutzige Wäsche gewaschen werden. Bereits ein harmloser ALBA-Facebook-Eintrag (#reisendesollmannichtaufhalten) soll bei Schaffartzik auf wenig Gegenliebe gestoßen sein. Dennoch beteuern alle, sich freundlich verabschiedet zu haben.

Das Verhältnis war tatsächlich bereits vor dem viel umjubelten Pokalsieg belastet. Schaffartzik stieg in die Diskussion um einen neuen Vertrag für seinen Kumpel Yassin Idbihi ein: „Die Stimmung im Team war eigentlich gut. Doch nachdem Herr Baldi und Herr Demirel Yassin in der Zeitung kritisiert hatten, war sie schlechter. Besonders die ausländischen Spieler zeigten sich besorgt, dass gerade Yassin in der Zeitung fertiggemacht wird, weil er den Vertrag nicht verlängert hat. Er ist ein sehr respektierter Spieler, der bei allen beliebt ist und immer alles für den Klub gibt.“

„Herr“ Baldi und „Herr“ Demirel reagierten irritiert. Baldi teilte seinerseits aus: „Was Heiko sagt, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass er seine Leistung auf dem Platz bringt. Alles Weitere wird intern besprochen.“ Alles Weitere – dahinter verbarg sich eine Geldstrafe. Über die Höhe der Geldstrafe wurde oft spekuliert – sie soll bis Saisonende nicht festgestanden haben.

Doch Schaffartzik soll seine Strafe nicht akzeptiert haben. Es soll zu erheblichen Turbulenzen zwischen Schaffartzik und ALBAs Management gekommen sein. Zwischenzeitlich sah es gar so aus, dass es vor Gericht gehen würde. Dazu kam es nicht.

ALBA wollte ihm die Summe offenbar nach der Saison vom Gehalt abziehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt schien eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Sasa Obradovic erklärte gegenüber BIG: „In der vergangenen Saison ist vieles schiefgelaufen. Dazu gehört auch, dass Interna an die Öffentlichkeit gelangten. Was Heiko betrifft: Er hat eine starke Persönlichkeit, schlägt auch mal über die Stränge. Aber für mich ist alles okay. Wenn ich Heiko heute begegnen würde, würde ich ihm Hallo sagen.“

Und dann gibt es da ja noch die Bayern. In Spielerkreisen entwickelte sich die Idee, selbst zum vermeintlich bahnbrechenden Basketball-Projekt der Neuzeit gehören zu dürfen, zum neuen Chic. Schaffartzik soll an der Idee, nach München zu wechseln, früh Gefallen gefunden haben. Zumal Freund Idbihi ebenfalls unterschreiben würde – nicht zu vergessen Lucca Staiger und Steffen Hamann, mit denen Heiko in Berlin gern um die Häuser zog. Idbihi zu BIG: „Ist schon cool, mit Heiko, Deon und Nihad nach München zu wechseln. Mit Lucca und Bryce habe ich ja auch schon zusammengespielt. Dass manche Leute von ,ALBA München’ sprechen, interessiert mich nicht. Was zählt, ist der Erfolg.“

ALBA musste Schaffartzik ziehen lassen – was hätten die Berliner von ihrer Integrationsfigur noch erwarten können? Aber nicht, ohne eine anständige Summe zu kassieren. Und am Ende noch die Geldstrafe einzutreiben. Es soll um 140 000 Euro Ablöse gegangen sein. Die sollen die Bayern Schaffartzik weitgehend abgenommen haben. Genau wie etwa 10 000 Euro Geldstrafe. Insgesamt sollen die Bayern also 150 000 Euro an ALBA überwiesen haben, um Schaffartzik freizubekommen. Eine stattliche Summe. Die Münchner sollen damit auch ihrem Boss Uli Hoeneß einen Gefallen getan haben. Der war von Schaffartzik beeindruckt, nachdem der Guard seinen Bayern in München 21 Punkte eingeschenkt hatte.

21 Punkte von 1134 in 155 Spielen, zuletzt 39 Prozent Wurfquote. Keine gigantische Bilanz, aber in Berlin trauert dennoch mancher um den abermals verlorenen Sohn. Vor allem die Fans. „Mach’s gut, Keule“, schrieb ein ALBA-Anhänger im Netz, als Schaffartzik seinen Vertrag auflöste. Die Fans hätten ihn gern weiter in Berlin gesehen. Mit ihm geht auch ein Stück Glaube; denn ALBA hatte Heiko als Front-Berliner aufgebaut. Eine Rolle, die jetzt Jan Jagla übernehmen könnte, der den entgegengesetzten Weg einschlug.

Schaffartzik dagegen hat seine persönliche Tafel abgewischt. Marko Pesic, Geschäftsführer der Bayern, verkündete: „Wir haben sehr gute Gespräche mit Heiko geführt, die uns bestätigt haben, dass er den unbedingten Willen hat, für den FC Bayern alles zu geben.“

Daran hat niemand Zweifel, denn das macht Schaffartzik immer. Pesic präzisiert gegenüber BIG: „Die Geschichten bei ALBA sind für mich persönlich kein Thema. Ich kenne Heiko schon sehr lange, seit gut 10 Jahren. Auch mein Vater kennt ihn, natürlich nicht zuletzt durch die gemeinsame Zeit in der Nationalmannschaft im letzten Jahr. Und Muki Mutapcic kennt ihn wahrscheinlich am besten, aus seiner Zeit bei TuSLi. Ich weiß ganz genau um die Vor- und Nachteile, die seine Persönlichkeit mit sich bringt. Ich kann das gut einschätzen.“

Das dürfen die Fans jetzt überprüfen. Anders als in Berlin, werden in München jetzt Titel erwartet. Getreu dem neuen Motto: Mit Leib und Seele für die Bayern.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der BIG (Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten), und außerdem gibt es im Heft noch folgende Themen:
- Interview: Frank Menz vor seiner ersten Europameisterschaft als Bundestrainer
- EM-Vorschau: Frank Buschmann analysiert die Gegner des deutschen Teams
- Portrait: Franreichs Tony Parker
- Report: Münchens Manager Marko Pesic über sein neues Team
- Portrait: Karsten Tadda - Bambergs Kettenhund
- Analyse: Markus Krawinkel über die Chancen von Elias Harris und Dennis Schröder in der NBA
- Report: Denis Wucherer in Gießen
- Reportage: Warum Bonns Fabian Thülig mit nur 24 Jahren als Profi kürzer tritt
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