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Per Günther in der OrangeZone: Gegen jeden Zweifel – Die Geschichte eines Aufsteigers

Per Günther in der OrangeZone: Gegen jeden Zweifel – Die Geschichte eines Aufsteigers

All-Star, Nationalspieler, Playoff-Held, Vorbild: Per Günther ist im Alter von 24 Jahren eine deutsche Erfolgsgeschichte. Eine, die im Schatten anderer Talente und ohne Drehbuch stattfand – und gerade deswegen so gut ist. OrangeZone sprach mit Vertrauten und Weggefährten des Ulmer Aufbauspielers und rekonstruierte so den Werdegang eines Jungen, der alles sein sollte, nur kein Basketball-Star.
Neu-Ulm an einem Herbstmorgen im Jahr 2011. Weit über 100 Kinder haben sich in die Stadtbibliothek gedrängt, um einem Erzähler zu lauschen, wie er ihnen sonst selten unterkommt. Per Günther ist am „Tag des Vorlesens“ neben seinem Head Coach Thorsten Leibenath einer von zwei Gästen mit eigener Buch-Präsentation, doch eines ist schnell klar: für die versammelten Fünft- und Sechstklässler ist der Nationalspieler der Star. „Ich habe mich für ein Buch entschieden, das ich gelesen habe, als ich etwa so alt war wie ihr“, erklärt Per. Dann zieht er einen blauen Band hervor und beginnt zu lesen.

Den Vorschlag der Ulmer PR-Abteilung, aus einem gängigen Jugendbuch-Klassiker vorzulesen, hatte Günther ausgeschlagen – er habe da schon eine eigene Idee. In anderen Fällen hätte eine derartige Mündigkeit vielleicht überrascht, aber nicht bei Per, über den Günther-Kenner und Radio-Moderator Marc Herrmann sagt, dass er „so ziemlich allen gängigen Klischees eines Leistungssportlers widerspricht.“ Es ist aber noch mehr, was der Ulmer Aufbauspieler als Vortragswerk für diesen Vormittag auswählt, das kaum merklich ein genaues Bild von seiner Biographie zeichnet. „Der Everest. Zum Greifen nah“ handelt von einem 13-Jährigen, der sich aufmacht, den höchsten Berg der Welt zu besteigen. Auf seinem Weg meistert der Teenager unzählige Rückschläge, überwindet Vorbehalte sowie scheinbare Grenzen und beweist so die Macht des unbedingten Willens. Eine Geschichte, die den jungen Per einst nachhaltig beeindruckte – und die er unwissentlich zu seiner eigenen machte.

Kein ganz gewöhnliches Kind

Die Liebe zum Basketball ist bei Per tief im Erbgut verankert. Papa Dietmar spielt in den 80er Jahren in der Bundesliga; Mama Martina geht lange Jahre im Unterhaus auf Korbjagd. Sport ist bei den Günthers Teil des Familienlebens – zur Halbzeit von Punktspielen werden dem Nachwuchs schon einmal die Windeln gewechselt. Trotzdem dauert es, ehe die elterliche Passion dem Filius schließlich ins Blut übergeht: Bei der Geburt ist Per ein gutes Kilo schwerer als andere Kinder, als kleiner Junge hält er wenig von den Sportangeboten, die ihm seine Eltern schmackhaft machen wollen. Vater Dietmar sorgt sich: Würde der Junior eine Sportart betreiben können, die Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen erfordert? Aus heutiger Sicht eine irrwitzig wirkende Befürchtung, aber als Bub habe Per seinen Ehrgeiz lange verkappt, erzählt Mama Martina: „Er hasste es, zu verlieren“, so die gelernte Homöopathin. „Wenn Per merkte, etwas nicht zu können, hat er sich nicht angestrengt.“ Was er schon damals kann, ist laufen – schnell und viel: Ob als Knirps, der einmal bei einem Spiel seiner Mutter quer durch die Halle saust, um einer Gegnerin vor deren Korbaktion das Licht auszuknipsen, oder im Grundschulalter, als er auf der Kurzstrecke diverse Leichtathletik-Titel einheimst.

Mit sieben Jahren wird der Tartan dann jedoch zugunsten des Parketts eingetauscht. Und als Günther sechs Jahre später die Bekanntschaft von Miodrag Radomirovic macht, ist es endgültig um den Basketballer in ihm geschehen. Der Mann, den alle nur „Pure“ rufen, wird damals Jugendtrainer in Hagen und etabliert ein Basketball-Programm nach jugoslawischer Schule: Zweimal täglich Drills, Krafttraining, Video-Analyse, Leistungstests; für den eifrigen Per, der sich „schon immer schnell an obere Grenzen spielte“ (Martina Günther), ist der akribisch arbeitende Serbe der perfekte Mentor.

Günther lässt Älterklassige – wie etwa seinen Bruder Philip – in der Folge rasch hinter sich und spielt sich mit 18 Jahren in den Zweitliga-Kader von Phoenix Hagen. Der ebenso famose wie flüssige Übergang des Teenagers in die raue Männer-Welt des Profisports ist einer Mischung aus Zähigkeit, Einstellung und Köpfchen geschuldet. „Per hat schon immer mehr mit seinem Verstand als mit seinem Körper gemacht“, sagt „Coach Pure“, der seinem früheren Schützling auch heute noch hin und wieder mehrere Hundert Spielszenen zum Studium zukommen lässt.

Furchtlos gegen 6.000 Freaks

Thomas Stoll fällt Günther das erste Mal im Frühjahr 2004 auf. Damals sieht der Ulmer Manager den Jungspund beim internationalen Albert-Schweitzer-Turnier und ist beeindruckt von der „Furchtlosigkeit, mit der Per auch gegen körperlich stärkere Spieler den Abschluss suchte.“ Stoll bemüht sich intensiv um den Teenager, wird aber Jahr für Jahr vertröstet; erst zur Saison 2008/09 will Günther den Sprung in die Beletage wagen. Interesse aus der Bundesliga ist da, aber meist nur unter Vorbehalten. Thorsten Leibenath, damals bei seiner ersten Trainer-Station in Gießen angestellt, bietet dem Hagener eine zweigleisige Lösung an: Starter beim Kooperationspartner, Ergänzungsspieler für den Beko BBL-Kader. „Ich habe ihm nicht zugetraut, dass er mit 20 Jahren schon Back-Up in der Bundesliga sein kann“, rekapituliert Leibenath. Thomas Stoll dagegen schon, weswegen Günther ihm schließlich den Zuschlag gibt.

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Die Nacht auf den 24. September 2008 wird für Per eine schlaflose. Es sind die letzten Stunden vor seiner Bundesliga-Premiere – einer unverhofften als startender Floor General. Dru Joyce, der eigentlich auf der Eins gesetzt ist, fällt verletzt aus – und Günther, 20 Jahre jung, ist in Bamberg plötzlich der Chef im Ring. Joyce, selbst im Vorjahr als Rookie plötzlicher Starter, sieht seinem Aufbaupartner vor dem Tip-off das Lampenfieber an. „Spiel so hart wie du kannst und lass deinem Gegner keine Luft“, bläut er Per ein – eine Botschaft, die sitzt. Ulm ringt den Favoriten mit 64:66 nieder, Günther (33 Minuten, 6 Punkte) besteht vor 6.000 Freaks seine Feuertaufe mit Bravour. „Von da an war ich mir sicher, dass Per sich durchsetzen würde“, blickt Dru Joyce zurück.

Seine erste Spielzeit im Oberhaus verläuft für Günther wie im Märchen. Mit seiner unermüdlichen Gangart spielt sich der Jungspund in die Herzen der Ulmer Fans – gerade, weil er daher kommt wie „Otto Normal“. Pers Saison-Resümee liest sich aber alles andere durchschnittlich: Der Titel „Rookie des Jahres“, Playoff-Viertelfinale, Einberufung ins A-Nationalteam. Es ist ein Blitzaufstieg, der Basketball-Deutschland verblüfft – nur Günthers Familie nicht, denn „Per setzte ja nur eine Entwicklung fort, die von klein auf zu beobachten war“, sagt Mama Martina heute. Doch dann kommt der Bruch: Und zwar während eines EM-Vorbereitungsspiels im Mittelfuß, und damit gewissermaßen auch in der Karrierebewertung des Per Günther.

Vom Wasserträger zum WM-Teilnehmer

Während die anderen Talente der Jahrgänge 1988/89 bei der Europameisterschaft 2009 groß auftrumpfen, verschwindet Günther immer mehr im Schatten der gleichaltrigen Konkurrenz. Aber nicht nur, weil Per in Polen nicht spielen kann und auch anschließend in der Beko BBL nur schwer wieder in Tritt kommt (6,6 Punkte): Zum Nukleus der nächsten großen Generation scheint der mit überschaubaren physischen Anlagen gesegnete Ulmer nicht so recht zu gehören. „In den Jugendnationalteams ist geringe Größe fast schon ein Ausschlusskriterium“, weiß Thomas Stoll, „das ist ein typisch deutsches Phänomen.“ Die Zukunft des deutschen Basketballs wird stattdessen in die Hände von Jungstars wie Tibor Pleiß oder Robin Benzing gelegt.

Letzterer ist ab der Saison 2009/10 Pers Teamkollege in Ulm und in vieler Hinsicht das Gegenteil von Günther: groß, wurfstark, vielseitig einsetzbar; ein Ausnahmetalent, das Basketball-Deutschland vom nächsten Dirk Nowitzki träumen lässt. Wenn der damalige Bundestrainer Dirk Bauermann oder Trainer-Koryphäe Svestislav Pesic während der Saison für Individualeinheiten nach Ulm reisen, dann wegen Robin und dessen Chancen auf ein NBA-Engagement. Per? Der ist zwar immer dabei, aber hauptsächlich als Wasserträger und Trainingshiwi. „Gemosert hat er aber nie“, sagt Benzing, für den Günther damals zur wichtigsten Bezugsperson in Ulm wird.


Die Beißer-Mentalität wird zu Pers Erfolgsrezept. Vor dem letzten Test auf die Weltmeisterschaft 2010 steht Günthers Turnier-Teilnahme auf der Kippe. Als sein Name weder bei der Teamvorstellung genannt wird, noch auf der Anzeigetafel oder einer eigenen Getränkeflasche vermerkt ist, scheint der WM-Traum passé zu sein. „Ich glaube, er hat sich dann gesagt: ‚Ich mache jetzt einfach mein Ding. Wenn es klappt, gut – wenn nicht, auch egal’“, erzählt Robin Benzing. Und wie es klappt: zehn Zähler sammelt der Ulmer Guard gegen Puerto Rico, und sitzt wenige Stunden später mit im Flieger in die Türkei. „Per hat sich immer durchgeboxt, immer versucht, das Beste aus einer Situation zu machen“, sagt Benzing. „Vielleicht ist er genau deshalb inzwischen einer der besten Points Guards im deutschen Basketball.“

Wider jeden Makel

Dass der Ulmer Spielmacher inzwischen einer der Besten seines Fachs sein soll, ist keine aus der Luft gegriffene Behauptung – und gewiss kein Zufall. Denn „Per wusste schon immer, wie es werden sollte“, sagt Martina Günther, und wenn er eines nicht duldet, dann sind das Makel. Über die Jahre entledigt sich der Ulmer so nahezu allen (vermeintlichen) Schwächen. Nach einem durchwachsenen zweiten Bundesliga-Jahr und Kritik an seiner Durchsetzungsfähigkeit verdoppelt Günther in der Saison 2010/11 seine Punkte- (12,4 PpS) und Freiwurfausbeute (durchschnittlich 5,7 Versuche). Der Distanzwurf gilt lange als wunder Punkt in seinem Spiel, doch wer den Aufbauspieler heute an der Dreierlinie stehen lässt, bezahlt das in 36 Prozent der Fälle mit Zählern für ratiopharm ulm – Tendenz steigend. Für seinen Coach Thorsten Leibenath ist Per „ein Muster dafür, was man mit harter Arbeit und dem unbedingten Siegeswillen erreichen kann – nämlich oft mehr als vermeintliche Supertalente“, so Leibenath.

In den Playoffs 2012 kann sich schließlich auch ein nationales TV-Publikum ein Bild vom Quantensprung des Per Günther machen. Die Beton-Verteidigung der Baskets Würzburg, die beste im Liga-Vergleich, schreddert der 1,84-Meter-Mann mit durchschnittlich 18,0 Punkten nahezu im Alleingang und führt Ulm damit erstmals seit 14 Jahren wieder in eine Final-Serie. Nach dem Ende der BBL-Runde und ganzen vier Urlaubs-Tagen reist Per zum Nationalteam, erkämpft sich unter Neu-Coach Svetislav Pesic den Starter-Job auf der Eins und dirigiert die DBB-Auswahl mit makelloser Bilanz zur EM-Teilnahme. Das Jahr 2012 ist Günthers endgültige „Coming-Out-Party“ auf der großen Basketball-Bühne. Aber die Marathon-Saison hinterlässt auch Spuren: Nach mehr als zwölf Monaten im Dauerbetrieb ist Per im vergangenen Sommer so ausgelaugt, wie seine Eltern ihn noch nie gesehen haben. „Wir haben uns ernsthafte Sorgen gemacht“, erzählt Martina Günther.

Aber Per ist eben ein Dauerbrenner – auf und abseits des Parketts. Fruchtloser Müßiggang, das ist nicht seine Art. Neben dem Profi-Alltag widmet sich Günther einem Fernstudium (Wirtschaftspsychologie) und macht den Hörfunk unsicher. Bei Radio7 ist Per seit zweieinhalb Jahren mit einer eigenen Sendung zu hören, die sich zwischen Philosophie und Punk bewegt – Basketball ist jedenfalls nur nebensächlich. Marc Herrmann, der den Counterpart bei „Per’s Heimspiel“ gibt und Günther inzwischen gut kennt, ist beeindruckt von der breiten Talentpalette des Nationalspielers: „Wie Per schon als junger Mensch über so viel Eloquenz, Ernsthaftigkeit und spitzbübischen Humor verfügt, ist verblüffend“, so der Moderator und Hallensprecher von ratiopharm ulm.

„Franchise-Player“ – mit 24 Jahren!

Per Günther ist in Ulm längst mehr als nur ein Basketball-Profi. Er ist Sympathieträger und Werbeobjekt, Identifikationsfigur und Vorbild – kurz: das Gesicht eines ganzen Clubs. „Und man darf nicht vergessen, dass Per ja erst 24 Jahre alt ist“, sagt Manager Thomas Stoll. Auf dem Zenit seines Schaffens ist das Ulmer Aushängeschild noch lange nicht. Und da das Wachstum von Per Günther und ratiopharm ulm bislang ausgesprochen simultan verlief, verbirgt sich hinter dem Warten auf den nächsten Entwicklungsschub des Per Günther auch eine gewisse Hoffnung auf einen weiteren kollektiven Schritt. „Ich traue Per zu, dass er uns in absehbarer Zeit als Kapitän zu einer Meisterschaft führt“, sagt Thomas Stoll ohne Umschweife. Danach dürfe sein Point Guard dann gerne eine internationale Karriere in Angriff nehmen, so der Ulmer Manager mit einem Augenzwinkern.

Vielleicht kommt es aber auch ganz anders. Drei Meisterschaften? Das sei sein Ziel in Ulm, sagte Per einmal. Bis ans Karriereende dem einen Club treu bleiben? Er könne es nicht ausschließen, so die lächelnde Antwort. Nur dass er nach der aktiven Zeit nichts mehr mit Basketball zu schaffen haben wolle, das sei Pers Plan, weiß Marc Herrmann: „Und zwar aus demselben Grund, weshalb er keinen Basketball auf der Playstation spielt. Per liebt das Spiel zu sehr – und wenn er es selbst nicht ausüben kann, will er damit nichts zu tun haben.“

Dieser Artikel ist aus der aktuellen Ausgabe der OrangeZone von ratiopharm ulm. Wer möchte, kann sich hier die Online-Version des Heftes anschauen. Als hochwertiges Printmagazin bietet die OrangeZone in der basketball-verrückten Doppelstadt mehr als dröge 1:0-Berichterstattung. Mit spannenden Geschichten, überraschenden Interviews und einem frischen Layout, dreht sich alles um das sportliche Aushängeschild der Region. Der Titel ist Programm. OrangeZone: So heißt der Fanblock in der ratiopharm arena; Orange ist eine der drei Farben von ratiopharm ulm - und orange ist nicht zuletzt die Farbe des Spielgeräts, um das es in diesem Magazin geht. Bewaffnet mit allen journalistischen Darstellungsformen widmet sich das Magazin den Stars von ratiopharm ulm, begleitet junge Talente, löchert Verantwortliche und beleuchte Hintergründe. Die OrangeZone beginnt dort, wo die Nachricht endet. Viel Spaß dabei.

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