FB Twitter Instagram YouTube Google+
Ulms Nationalspieler Philipp Schwethelm in der OrangeZone: In der Ruhe liegt die Kraft

Ulms Nationalspieler Philipp Schwethelm in der OrangeZone: In der Ruhe liegt die Kraft

Es gibt nichts, was Philipp Schwethelm aus der Ruhe bringen kann. Nicht eine Saison als unerwarteter Bankdrücker, nicht die strapaziöse Doppelbelastung aus Liga und Eurocup oder die anstehenden Playoffs – und auch nicht ein Anruf am Freitagmittag für einen kurzfristigen Gesprächstermin mit der OrangeZone. Der 23-jährige Nationalspieler über angekündigte Enttäuschungen, die Knochenmühle Profisport und das Gefühl, wieder unbeschwert Basketball zu spielen.
Philipp, in der letzten Saison warst du oft Bankdrücker bei den Bayern – jetzt bist du Schlüsselspieler in einem Team, bei dem „englische Wochen“ die Regel sind. Wie verkraftet der Körper diese 180-Grad-Wende?
Philipp Schwethelm: Ich habe in München immer versucht, mich extrem fit zu halten und viel im Training zu arbeiten. Aber die Spielkondition kriegst du halt nur im Spiel. Und das habe ich im letzten Sommer gemerkt; da war ich bei den Spielen mit der Nationalmannschaft anfangs schon sehr platt. Mir hat einfach die Kondition gefehlt. Aber dadurch, dass ich dann mit dem Nationalteam drei Monate unterwegs war, hatte ich schon einen guten Rhythmus, als ich nach Ulm gekommen bin.

Wie macht sich der Unterschied zwischen Training und Spiel bemerkbar?
Im Training wird viel unterbrochen, man hat Intervallsprints und solche Dinge – das kann nicht das simulieren, was man im Spiel erlebt. Klar versucht man auch im Training alles zu geben, aber diese Konzentration und 120-Prozent-Einstellung hat man nur im Spiel. Nach den wenigsten Trainingseinheiten stehe ich morgens auf und kann kaum noch laufen. Nach Spielen ist das Gang und Gäbe. Da komme ich oft gar nicht aus dem Bett.


Stichwort „120 Prozent“: Dein einstiger Kölner Ziehvater Stephan Baeck nennt dich einen „absoluten Willensbasketballer“. Was meint er damit?
Stephan hat damals in Köln gesehen, dass ich extrem viel gearbeitet habe. Ich habe immer mitgezogen und – obwohl wir unter Sasa Obradovic schon eine hohe Trainingsbelastung hatten – noch viel zusätzlich gemacht, mehr als viele andere. Ich habe mich damals gegen talentiertere Spieler durchgesetzt. Und ich glaube, dass auch heute noch eine meiner Stärken ist, mit viel Energie und Willen auf das Spielfeld zu gehen. Das kann einer Mannschaft einen Schub geben.

Muss man für diese Vollgas-Mentalität gemacht sein – oder kann man das auch lernen?
Manche haben das einfach im Blut. Ich denke aber, dass man diese Mentalität bis zu einem gewissen Grad auch lernen kann. Mir haben da Erfahrungen in der Jugend sehr geholfen. Einer meiner Trainer hat einmal eine Einheit unterbrochen, uns einen NBA-Spieler genannt und gesagt: ‚Jeder einzelne von euch ist talentierter als er. Aber mit harter Arbeit hat er es so weit geschafft.’ Damals war ich vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Solche Dinge habe ich als Jugendlicher immer aufgesogen und versucht, für mich umzusetzen. Es gibt ja auch den legendären Spruch von Karl Malone: ‚In jeder Sekunde, in der ich nicht im Kraftraum bin, ist ein anderer dort.’ Solche Sätze haben sich damals bei mir festgesetzt.

Abseits des Felds giltst du als ruhiger und ausgeglichener Typ. Brauchst du dieses Kontrastprogramm zum Dasein als Vollblutsportler?
Wenn es um Sport geht, gebe ich immer 100 Prozent. Wenn meine Freundin aber mit mir die Treppen hochgehen will, es aber auch einen Aufzug gibt, dann nehme ich lieber den. (lacht) Privat bin ich eher der gemütliche Typ. Ich mache abseits des Basketballs viele Dinge gern, bei denen es ruhig zugeht: Ins Café gehen, lesen oder schwimmen – das ist eher meine Wellenlänge.

Im Donaubad Wonnemar in Neu-Ulm kann man dich mehrmals die Woche antreffen. Was gibt dir das Schwimmen?
Einerseits finde ich es sehr entspannend, im Wasser zu sein. Auf der anderen Seite tut es dem Körper einfach auch gut. Wenn man viele Spiele hat, hilft es zu regenerieren. Während meiner Zeit in Bremerhaven hatte ich einen Bandscheibenvorfall. Dagegen ist Schwimmen die beste Medizin.

In München lief in der letzten Saison nicht alles wie gewünscht für dich – und trotzdem hast du nie die Ruhe verloren. Wie vermeidet man Katerstimmung, wenn man plötzlich nicht mehr spielt?
Als ich noch in Bremerhaven gespielt habe, hat mir der Stephan (Baeck) einmal gesagt: ‚Es ging für dich in den letzten Jahren nur bergauf, ohne große Rückschläge.’ Und dass das für eine Karriere eher untypisch sei, und ich den Kopf nicht in den Sand stecken sollte, wenn es mal schlecht laufen würde. In München kam dann prompt so eine Phase. Am Wochenende habe ich oft wenig gespielt, also habe ich eben versucht, mich individuell zu verbessern. Denn ich wusste: Entweder bietet sich in München irgendwann wieder eine Chance, oder nach der Saison wird sich etwas Neues ergeben. Mir war klar, dass ich kein zweites Jahr irgendwo absitzen würde. Auf Dauer wäre das kein Zustand gewesen.

Was hast du in diesem Jahr gelernt?
Ich habe versucht, trotzdem möglichst viel mitzunehmen. Man kann von jedem Trainer etwas lernen – und so habe ich auch von Dirk Bauermann einiges gelernt. Außerdem macht es dich mental stärker, so eine Situation durchgestanden zu sein. Und man lernt es zu schätzen, wenn man spielen darf.

Thorsten Leibenath wollte dich unbedingt nach Ulm holen, jetzt spielen nur drei Ulmer in der Beko BBL mehr als du. Wie wichtig war und ist dieser Vertrauensbeweis, gerade nach dem letzten Jahr?
Diese Unterstützung hat mir schon in dem Jahr bei den Bayern sehr geholfen. In der Zeit, als ich nicht gespielt habe, haben mich viele Trainer und alte Weggefährten angerufen, und gesagt: ‚Wir glauben an dich‘. Mit Thorsten hatte ich einige gute Gespräche; das gibt einem natürlich Selbstvertrauen. Aus dieser schwierigen Situation in München dann schließlich in eine Situation zu kommen, bei der ich weiß, dass mir der Trainer 100-prozentig vertraut: Das war genau das, was ich brauchte. Ich habe Thorstens Vertrauen von Anfang an gespürt und einfach riesigen Spaß gehabt. Und dann muss man einfach nur noch spielen, ohne nachzudenken.

Du sagst: „Die Verteidigung ist meine erste Priorität.“ Woher kommt diese Haltung, die für einen jungen Spieler ja nicht selbstverständlich ist?
Verteidigung ist vor allen Dingen eine Willenssache. Früher wurde mir das eher als Schwäche ausgelegt, weil ich physisch und athletisch teilweise Defizite hatte. Mittlerweile kann ich das mit Willen und Erfahrung wettmachen. Ich glaube, ich verteidige auch sehr viel mit dem Kopf – wenn es zum Beispiel darum geht, in der richtigen Position zu sein. Dadurch bin ich inzwischen zu einem guten Verteidiger geworden. Und letzten Endes ist das auch eine Sonderaufgabe, die mir der Coach gegeben hat. Thorsten erwartet von mir zunächst einmal gute Verteidigung. Und wenn dir ein Trainer eine Rolle gibt, willst du die natürlich auch so gut es geht ausfüllen.

Eine deiner großen Stärke ist der Dreier, der in dieser Saison wieder weitaus sicherer fällt als noch in München. Ist das auch zurückzuführen auf Selbstvertrauen und Rhythmus?
Die letzte Saison war da ein einmaliger Ausreißer nach unten. Und klar, das hat viel mit Selbstvertrauen und Rhythmus zu tun. Im Münchener Spielsystem hatte ich eine ziemlich passive und limitierte Rolle mit wenigen Ballkontakten; dann ist es schwer, ein richtiges Gefühl für das Spiel zu bekommen. Jetzt in Ulm spüre ich das Vertrauen des Trainers und habe eine Rolle, in der ich den Ball viel in den Händen habe, Pick-and-Roll spiele und auch den Korb attackieren darf. Dadurch bekommt man einen so guten Spielfluss, dass man die Würfe dann automatisch nimmt – ohne nachzudenken. Werfen ist für mich jetzt nicht mehr die einzige Möglichkeit, um aufzufallen.

Du hast deinen Vertrag in München im letzten Sommer bis 2014 verlängert und zugleich einer Ausleihe nach Ulm zugestimmt. Wie geht man mit diesem Zwiespalt um? Kann das belasten?
Am Anfang der Saison ist das überhaupt kein Problem, da ist alles andere noch weit weg. Aber jetzt fangen die Leute langsam an Fragen zu stellen, man wird immer wieder daran erinnert. Das Gute ist aber, dass wir meistens zweimal pro Woche spielen. Da bist du so im Tunnel, dass alles andere ausgeblendet wird.


Dieses Interview ist aus der aktuellen Ausgabe der OrangeZone von ratiopharm ulm. Wer möchte, kann sich hier die Online-Version des Heftes anschauen. Als hochwertiges Printmagazin bietet die OrangeZone in der basketball-verrückten Doppelstadt mehr als dröge 1:0-Berichterstattung. Mit spannenden Geschichten, überraschenden Interviews und einem frischen Layout, dreht sich alles um das sportliche Aushängeschild der Region. Der Titel ist Programm. OrangeZone: So heißt der Fanblock in der ratiopharm arena; Orange ist eine der drei Farben von ratiopharm ulm - und orange ist nicht zuletzt die Farbe des Spielgeräts, um das es in diesem Magazin geht. Bewaffnet mit allen journalistischen Darstellungsformen widmet sich das Magazin den Stars von ratiopharm ulm, begleitet junge Talente, löchert Verantwortliche und beleuchte Hintergründe. Die OrangeZone beginnt dort, wo die Nachricht endet. Viel Spaß dabei.
easyCredit Telekom TipBet Spalding Ranko Kinder plus Sport