FB Twitter Instagram YouTube Google+
Kochs Nachschlag
Der Blick auf die großen Nachwuchsschmieden der Liga – Wie Berlin und Frankfurt Talente finden und fördern

Der Blick auf die großen Nachwuchsschmieden der Liga – Wie Berlin und Frankfurt Talente finden und fördern

— Stefan Koch

Am Freitag empfängt ALBA BERLIN die FRAPORT SKYLINERS – damit treffen die beiden Klubs aufeinander, die in der Liga schon lange für ihre herausragende Nachwuchsarbeit bekannt sind. Eine gute Gelegenheit mal zu schauen, worauf die beiden Förderprogramme basieren und wie es um ihre aktuellen Vorzeige-Jünglinge bestellt ist.

Wenn in Frankfurt eine Bundesligapartie auf dem Programm steht, kann man vor der Begegnung in den Gesichtern von Spielern und Trainern der Gastmannschaft eine gewisse Genervtheit ablesen: Eigentlich möchte das Auswärtsteam gerne auf das Parkett und mit dem lockeren Einwerfen beginnen, aber auf dem Spielfeld tummeln sich noch Kinder und Jugendliche, die den School Cup ausspielen, der zum festen Programm der Frankfurter Heimspiele gehört. Wenn die Hessen am Freitag bei ALBA BERLIN antreten, dürften sie selbst nicht mit solchen Problemen konfrontiert werden, wenngleich der Hauptstadtclub im Moment absoluter Vorreiter im Bereich der Nachwuchsförderung ist und auch dort die Zusammenarbeit mit den Schulen eine ganz wichtige Rolle spielt.

Größtes Schulturnier Europas

Berliner Grundschulliga

Die erwähnte Kooperation mit den Schulen bildet in Frankfurt und Berlin die Grundfläche einer Pyramide, an deren Spitze die Bundesligamannschaft steht. Die SKYLINERS betreuen mehr als 3.000 Kids in 140 wöchentlichen Schul-AGs. ALBA sucht schon in den Grundschulen gezielt nach Talenten, die durch ihre Körperlänge und/oder koordinativen Fähigkeiten über Potenzial verfügen. Am Finale der Berliner Grundschulliga nahmen mehr als 2.000 Kinder teil. Mit 178 Mannschaften aus 90 Schulen war es Europas größtes Basketball-Schulturnier. Um den Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen, spielen sie auf niedrigere Körbe, eine in anderen europäischen Ländern übliche Praxis, die in Deutschland aber noch ein Stiefmutterdasein führt. Vor diesem Hintergrund sind die drei Deutschen Jugendmeisterschaften der vergangenen Saison für ALBA BERLIN (U14, U16 und U19) nur die offensichtliche Spitze einer Entwicklung, die der ehemalige Europameister Henning Harnisch angestoßen hat und federführend begleitet.

Schneider, Hundt, Mattiseck und Wagner

Mit Tim Schneider, Bennet Hundt, Jonas Mattisseck und Franz Wagner haben in dieser Saison bereits vier gebürtige Berliner Jungs im Alter zwischen 17 und 21 Jahren sowohl in der Liga als auch im Eurocup Spielzeit erhalten und teilweise eindrucksvoll genutzt – gegen Limoges wurde die Partie gedreht als Hundt, Mattisseck und Wagner auf dem Parkett waren (Video rechts). Der 21-jährige Schneider debütierte am Freitag gegen Griechenland in der A-Nationalmannschaft, sein kometenhafter Aufstieg der vergangenen Saison hat sich aufgrund seiner Verletzung in dieser Spielzeit allerdings verlangsamt. Dennoch hat er mit der Kombination aus starkem Distanzwurf und einer Körpergröße von 2,08 Metern beste Chancen, zumindest ein Rollenspieler auf höchstem europäischem Niveau zu werden.

Franz Wagner

Genau diese körperlichen Voraussetzungen fehlen dem ein Jahr jüngeren Bennet Hundt, der mit 178 Zentimetern gelistet wird. Da auch er aufgrund seines Mittelfußbruchs Anfang des Jahres lange verletzt war, rückten Jonas Mattiseck und Franz Wagner stark in den Vordergrund. Die Beiden waren die entscheidenden Figuren beim NBBL-Titelgewinn der Berliner, Mattiseck als Season- und Wagner als Final-Four-MVP (Video rechts).

Point Guard Mattiseck (18 Jahre, 1,92 Meter) spielt für sein Alter sehr abgeklärt, ist ein unangenehmer Verteidiger und hat Selbstbewusstsein bis Oberkante Unterlippe. Wagner ist Ende August erst 17 geworden, wirft den Ball exzellent und bewegt sich für einen Schlaks von über zwei Meter in diesem Alter hervorragend. Sein Bruder Moritz erzielte am Sonntag seine ersten Punkte in der NBA, und nicht nur in Berlin fragt man sich, ob auch Franz den Weg über das College (in die beste Profiliga der Welt?) wählen wird? Da bei den Albatrossen mit Aíto der wohl beste Talentförderer in Europa das Zepter schwingt, besteht aber eine realistische Chance, das Ausnahmetalent zu halten. Kapitän Niels Giffey, der immerhin zwei NCAA-Titel mit Connecticut gewinnen konnte, hat unlängst in der BIG verlauten lassen, dass seine Entscheidung unter den heutigen Berliner Rahmenbedingungen anders hätte ausfallen können.

Freudenberg auf den Spuren von Barthel, Voigtmann und Bonga?

Richard Freudenberg

Richard Freudenberg, das derzeitige Vorzeigeprojekt der Frankfurter, blickt auf ganz andere Erfahrungen im amerikanischen College-Basketball zurück: Beim erstmaligen Gewinn des Albert-Schweitzer-Turniers 2016 strotzte er als eine der Säulen des Teams vor Selbstvertrauen (Video rechts), aber im Folgejahr bekam er an der St. John’s University nie eine echte Chance und brauchte fast die komplette Spielzeit 2017/2018, um das verlorene Jahr abzuschütteln.

Bei seiner Rückkehr nach Deutschland entschied der mittlerweile 20-Jährige sich für Frankfurt, wo Danilo Barthel und Joe Voigtmann so gut ausgebildet wurden, dass sie mittlerweile als Leistungsträger auf Euroleague-Niveau fungieren, und Isaac Bonga als 18-Jähriger von den Lakers gedraftet wurde. Vor der Länderspielpause legte Freudenberg beim 90:91 in Gießen mit 21 Punkten einen neuen Karrierebestwert als Profi auf, trug die Frankfurter zeitweilig in der Offense. Im Moment ist Richies primäre Position noch nicht geklärt. Für einen Small Forward müssten Ballhandling und Beweglichkeit verbessert werden, für einen Power Forward die … Power!

Mit dem nach seinen drei Gehirnerschütterungen komplett auf Eis gelegten Niklas Kiel und Nachverpflichtung Leon Kratzer (beide 21) umfasst der aktuelle Bundesligakader der SKYLINERS zwei weitere junge Deutsche, auf die es zu achten gilt. Wer in Frankfurt arbeiten will, dem wird geholfen: Co-Trainer Klaus Perwas leistet in diesem Bereich seit Jahr und Tag großartige Arbeit so wie sein Berliner Pendant Carlos Frade, der zudem noch über den Vorteil verfügt, sich komplett auf das Individualtraining konzentrieren zu können.

Kochs Nachschlag

Die Zahl der großen Talente wächst auch aufgrund der guten Plattform, die NBBL (U19, seit 2006/07) und JBBL (U16, seit 2009/10) bieten: Der regelmäßige Wettkampf gegen die besten Talente des Landes zahlt sich aus. Das gilt auch international: Deutschland gewann zuletzt zwei Mal in Folge das Albert-Schweitzer-Turnier - was bei den 27 Auflagen in 58 Jahren davor nicht einmal klappte. Im Sommer gewann die U20-Auswahl mit Freudenberg als Kapitän die EM-Bronzemedaille (hier sein Gamewinner gegen Israel) - und das ohne die absoluten Topspieler Isaac Bonga und Isaiah Hartenstein, welche übrigens zwei von aktuell sieben deutschen Spielern in der NBA sind.

Das alles zeigt, dass es voran geht im deutschen Basketball – und genau deshalb brauchen wir jetzt noch mehr Programme wie Berlin und Frankfurt, in denen unsere vielen talentierten Youngster in der easyCredit BBL den nächsten Karriereschritt gehen können!

Zur Person:

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.

Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Telekom Sport, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere und Sportdigital tätig, sowie als Scout für die NBA. Seine Kolumne „Kochs Nachschlag“ erscheint regelmäßig auf der Homepage der easyCredit BBL.

Auch interessant:

easyCredit BARMER Telekom Spalding Sportwetten Simba Dickie Group Kinder plus Sport