FB Twitter Instagram YouTube Google+
BIG - Basketball in Deutschland
„Der grimmige Blick ist genetisch bedingt und nicht böse gemeint“ - Dirk Bauermann im BIG-Interview Viktor Meshko

„Der grimmige Blick ist genetisch bedingt und nicht böse gemeint“ - Dirk Bauermann im BIG-Interview

— Interview: Kai Zimmermann

Dirk Bauermann ist zurück in der Liga, vier Jahre nach dem Ende bei Bayern. Mit Würzburg will der bekannteste deutsche Trainer in die Spitze der easyCredit BBL springen. Ein lockeres BIG-Gespräch über seine Zeit im Ausland, sein Image in Deutschland und seine Leidenschaft für schnellen Basketball, die er zwischendurch nur vergessen hatte …

Ich wollte zunächst nicht mehr in Deutschland arbeiten. Ich musste das Ende bei Bayern verarbeiten.

Herr Bauermann, willkommen zurück. Sie waren vier Jahre nicht dabei – haben Sie die Bundesliga vermisst?

Erst am Ende. Ich hatte lange das Gefühl, dass die Zeit nicht reif ist, zurückzugehen. Aber in den letzten Monaten hat sich der Wunsch verstärkt – es reicht eben auch irgendwann mit der Weltreise.

Vier Jahre – was ist Ihre Erklärung dafür, dass Sie so lange weg waren?

Die erste Erklärung ist, dass ich in Deutschland zunächst nicht mehr arbeiten wollte. Ich musste das Ende bei Bayern verarbeiten. Im Anschluss haben sich immer wieder neue, interessante Optionen außerhalb Deutschlands ergeben. Lietuvos Rytas war die erste. Ein litauischer Spitzenklub, wir haben uns für die Euroleague qualifiziert. Das war eine ganz andere Erfahrung als alles, was ich vorher erlebt habe – eine ganz andere Basketballkultur. Litauen, VTB, Russland – da wird grundsätzlich schnellerer Basketball gespielt als in anderen Ländern. Dann kam die polnische Nationalmannschaft. Als deutscher Trainer in Polen zu arbeiten, hatte außerhalb des Sports Signalwirkung. Dann Russland, VTB. Im ehemaligen Stalingrad als deutscher Trainer zu arbeiten, das war auf der einen Seite sehr schwierig, auf der anderen aber auch unglaublich lehrreich. Hinterher kam das Angebot aus dem Iran, wieder eine Nationalmannschaft, auf einem anderen Kontinent. Die Möglichkeit, dort auch Titel zu gewinnen und in einem muslimischen Land zu leben, die Kultur kennenzulernen und sich dort zurechtzufinden. Es waren also vier Jahre voller Herausforderungen.

Rauchensteiner
Bauermann mit seinen Nationalspielern Steffen Hamann und Demond Greene.

Hat sich zwischendurch kein deutscher Klub bei Ihnen gemeldet?

Zwischendurch gab es immer wieder mal Gespräche mit deutschen Vereinen. Irgendwie hatte ich aber nie das Gefühl, dass die Zeit reif ist.

Reif?

Ich wollte erst mal wegbleiben. Neun Jahre in Leverkusen, sieben in Bamberg, Nationalmannschaft, zwei beim FC Bayern. Das waren über 20 Jahre. Nach den Dingen, die bei den Bayern passiert sind, wollte ich mich einer direkten Begegnung erst mal nicht aussetzen. Aber in vier Jahren verändert sich die Sichtweise. So ist das Leben. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wieder im eigenen Land zu arbeiten. Aber damit das Sinn macht, musste auch das Gesamtpaket stimmen.

In meinen ersten sechs oder sieben Jahren in Leverkusen haben wir richtig schnell und offen gespielt - das weiß nur keiner mehr.

Inwieweit hat sich die Liga in Ihrer Abwesenheit verändert – vor allem der Basketball?

Das Wichtigste ist, dass den Spielern erlaubt wird, aggressiver und physischer zu spielen. Das ist eine sehr gute Entwicklung. Es werden Kontakte zugelassen, die vor acht Jahren allesamt abgepfiffen worden wären. Insgesamt hat sich die Art und Weise, das Spiel zu pfeifen, den internationalen Realitäten angepasst. Das hilft den Mannschaften, die international unterwegs sind, vor allem aber macht es das Spiel attraktiver. Ansonsten gibt es die Dinge, die sich schon länger entwickeln: kleinere Aufstellungen, sehr viel Pick’n’Roll, es wird sehr viel Wert auf gute Guards gelegt, Mannschaften werden von außen nach innen gebaut und nicht von innen nach außen. Es gibt einfach mehr offenes, freies Spiel.

Und, stört Sie das?

Massiv, schon als Kind hab ich Dinos gesammelt … Im Ernst: Es stimmt natürlich, dass es in meiner Karriere eine Phase gab, in der ich sehr stark an strukturierten, langsamen, ballbesitzorientierten Basketball geglaubt habe. Ohne der Öffentlichkeit jetzt nach dem Mund reden zu wollen: Das hat sich verändert. Das Ganze ist wieder zu dem geworden, was es am Anfang war.

DBB-Archiv
Sieben Meisterschaften in den ersten sieben Jahren - Bauermann in Leverkusen.

Können Sie das erklären?

In meinen ersten sechs oder sieben Jahren in Leverkusen haben wir richtig schnell und offen gespielt - das weiß nur keiner mehr. Danach kam eine Phase, in der Trainer-Typen wie Maljkovic das Spiel geprägt haben. Ihr Rezept war, hinten Beton anzurühren und vorne sehr strukturiert zu spielen. Damals gab es die 30-Sekunden-Regel, das hat diese Strategie erlaubt. Das ist vorbei, heute hat der Angreifer sechs Sekunden weniger zur Verfügung, die Spieler sind athletischer geworden, variabler. Außerdem haben uns die Analytics Hinweise gegeben, wie das Spiel aus wissenschaftlicher Sicht idealerweise strukturiert sein sollte. Aus dieser Kombination haben sich die Veränderungen ergeben, die das moderne Spiel kennzeichnen: schnell spielen, viele Dreier, hohe Variabilität, vier Außenspieler und nur einer innen, anstatt drei außen und zwei innen, viel Ballhandling auf dem Feld, also auch vom Zweier und vom Dreier, um variabler spielen zu können. Dadurch bist du schwerer ausrechenbar. Da haben mir persönlich meine Erfahrungen in Russland und Litauen wichtige Impulse gegeben.

Ihr Basketball galt immer als sehr physisch und aggressiv. Wie haben Sie sich als Coach in den vergangenen Jahren verändert?

Es gibt keine Top-Mannschaft, in der kein Wert auf physische, intensive und gut abgestimmte Verteidigung gelegt wird. Im Gegenteil: Die Nationen, die historisch immer Wert auf Angriff gelegt haben, auf viele Dreier, schnelles Spiel, wie die Litauer und die Russen, verteidigen heute auf hohem Niveau. Es gibt kein Alleinrecht auf physische Verteidigung, so wie es für die Italiener, die Serben und die Griechen galt. Inzwischen verteidigen alle sehr stark. Und bei der offensiven Qualität, die da ist, bekommst du auch sofort über 90 eingeschenkt, wenn du es nicht tust. Und dann ist es schwierig, gerade auswärts, zu gewinnen. Meine Philosophie hat sich außerdem immer nach dem vorhandenen Spielerpotenzial gerichtet. In Leverkusen haben wir einmal in einem Jahr fast 100 Punkte im Schnitt gemacht. Wir konnten mit Spielern wie Henning Harnisch, Michael Koch, Stephan Baeck und Clinton Wheeler richtig Gas geben, hatten mit Christian Welp einen Center, der werfen konnte und extrem spielintelligent war, Kannard Johnson und Thomas Deuster waren Stretch Fours. Insofern hat diese Generation schon das umgesetzt, was wir heute unter modernem Basketball verstehen.

Zwei Titel mit den Bad Boys: Bauermann in Bamberg.

In Bamberg holten Sie mit sehr hartem Basketball zwei Titel.

Das stimmt. Den Bad-Boys-Namen der Handball-Nationalmannschaft hätten wir uns damals patentieren lassen sollen. Wie hatten eine Mannschaft, die nicht talentiert genug war, um regelmäßig über 80 Punkte zu machen. Aber wir hatten diese Bissigkeit, Galligkeit und die Erfahrung, die es uns erlaubt haben, andere Teams unter 70 zu halten. Wir haben Spiele kontrolliert, indem wir den Gegner haben laufen lassen und richtig gut verteidigt haben. Die Kritik an dieser Art zu spielen ist verständlich, aber man sollte die Idee dahinter respektieren, dass dieses Team nur so erfolgreich sein konnte.

Hat das auch Spaß gemacht?

Gewinnen macht immer Spaß. Aber noch mehr Spaß haben mir die Jungs gemacht, wir waren eine verschworene Gemeinschaft von geilen Typen. Außerdem war die Aufbruchstimmung in Bamberg, der Zusammenhalt mit den Fans, sensationell.

Aber jetzt haben Sie Ihr Herz an den schnellen Basketball verloren?

Ans Gewinnen, und das geht heute nicht mehr mit 1-2-3! Aus einer aggressiven Verteidigung heraus schnell spielen, viel Pick’n’Roll, aber nie wild, aus klaren, aber einfachen Strukturen heraus, mit viel Ballbewegung und intelligentem Entscheidungsverhalten. Das ist der Weg. In Litauen und in Russland oder beim Umbruch in der Nationalmannschaft nach Dirks und Chris Kamans Rücktritt haben wir genau das umgesetzt. Am schönsten ist es, wenn das Spiel der eigenen Mannschaft sowohl erfolgreich als auch schön anzusehen ist. Das wollen wir in Würzburg entwickeln.

Bauermann im Kreise seiner Nationalspieler.

Die Liga lechzt nach Namen – Sie haben einen. Über Dirk Bauermann ist in der Liga immer viel diskutiert worden.

Das stimmt. Ich habe – sicher auch zum Teil selbst verschuldet – immer polarisiert. Respektiert ja, gemocht weniger. Ich habe immer versucht, mir treu zu bleiben, authentisch zu sein.

Der grimmige Blick …

Ist genetisch bedingt und nicht böse gemeint.

Viele hielten Sie für verbissen. Wie ist das heute?

Ich bin sicher gelassener, entspannter geworden. Ich habe unglaublich tolle Menschen kennengelernt, musste mit Rückschlägen und Entlassungen klarkommen, habe aber auch große Erfolge gefeiert. Da lässt man sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen und kann die Arbeit, den Prozess mehr genießen.

Was haben die Spieler von Ihnen zu erwarten?

Jeder ist am Ende der, der er ist. Als Trainer musst du deine Spieler gut kennen, damit du nicht die falschen Knöpfe drückst. Es wird immer fair zugehen. Offenes Visier, ehrlicher, direkter Austausch, Vier-Augen-Gespräche, klare Kante, klare Ansagen und Leitplanken. Die Spieler müssen wissen, woran sie sind. Wenn sich die Spieler an diesen Leitplanken orientieren, professionell verhalten, hart arbeiten, Team und Erfolg auf ihrer Prioritätenliste ganz oben stehen, gibt es keine Probleme. Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen. Intern müssen Fehler, Probleme klar und deutlich angesprochen oder sanktioniert werden, öffentliche Kritik an Spielern oder der Mannschaft insgesamt ist nicht mein Ding.

Sie sind einer der wenigen deutschen Trainer in der Liga. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Auch das ist ein altes Thema. Ich finde es sehr schade, dass die deutschen Trainer in Deutschland nach wie vor zu wenig Vertrauen genießen. Ich habe als Trainer mitbekommen, wie sehr die Coaches des eigenen Landes in anderen Nationen geschützt werden. In Frankreich machen es die Schiedsrichter, in Spanien und Italien die Fans und die Präsidenten. Um in diesen Ländern als ausländischer Coach tätig zu sein, musst du deutlich besser sein als die Trainer, die aus dem jeweiligen Land zur Verfügung stehen. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Ich habe mich schon mehrmals dazu geäußert und deshalb böse E-Mails unserer ausländischen Trainer bekommen. Wenn ich sage, wir brauchen mehr deutsche Trainer, geht das nicht gegen Andrea Trinchieri, Sasa Djordjevic oder Chris Fleming. Das sind ganz hervorragende Coaches, keine Frage. Es geht nur um den Grundsatz, dass bei uns im Land der eigene Prophet nichts zählt. Und das ist in ganz Europa anders. Da wäre eine Umorientierung hilfreich.

Mit Holger Geschwindner zu sprechen, steht ganz oben auf der Agenda. Der Teutonenbasketball und die Entwicklung junger Spieler liegen ihm sehr am Herzen.

Was würden Sie deutschen Trainer empfehlen, um erfolgreich zu sein und sich durchzusetzen?

Wichtig ist, Erfahrungen zu sammeln. Ich wäre nie Trainer bei Bayer Leverkusen geworden, wenn ich nicht schon zwei Jahre als Assistenztrainer an der Fresno State University in den USA gearbeitet hätte. Man muss sich qualifizieren, damit ein Verein sagt, den nehmen wir. Gut ist es, bei einem guten ProA-Verein etwas aufzubauen, aufzusteigen und sich auf diese Art und Weise einen Namen zu machen, anstatt darauf zu warten, dass irgendein Erstligist anruft. Das Nächste ist, Bindungen zu schaffen, Netzwerke. Es gibt kaum Trainer in Europa, die ein schlechteres Netzwerk besitzen als die Deutschen. Auch untereinander.

Die Trainer reden zu wenig miteinander?

Korrekt. Sie helfen sich auch zu wenig. Dr. Günter Hagedorn, der deutsche Erfolgstrainer in den 70er-Jahren, hat mal den Verband deutscher Basketball Trainer gegründet. Das war der Versuch, das Miteinander, den Austausch zu institutionalisieren.

Sie haben sehr lange sehr eng mit Dirk Nowitzki zusammengearbeitet. Können Sie sich vorstellen, dass er sich im Verein seiner Heimatstadt engagieren wird?

Das wünsche ich mir sehr, es wäre für Verein, Stadt und Fans großartig. Da wird jeder Flieger bestellt, jeder Stein aus dem Weg geräumt. Ich hoffe sehr, dass wir mal die Zeit finden, darüber zu reden. Klar ist aber auch, dass er als NBA-Profi kaum Zeit hat, deshalb sollten wir keine Erwartungen an ihn haben, sondern uns freuen, dass er sich für die Entwicklung interessiert.

Haben Sie noch Kontakt zu Holger Geschwindner?

Immer wieder mal, aber nicht regelmäßig. Ich werde ihn in den nächsten Wochen kontaktieren und fragen, ob er uns gerade bei den Jungen helfen möchte.

Das heißt, Sie würden ihn gern einbinden?

Der Teutonenbasketball und die Entwicklung junger Spieler liegen ihm sehr am Herzen. Mit ihm ein Gespräch zu führen, steht ganz oben auf der Agenda. Spieler wie Robert Garrett, Marvin Willoughby, Demond Greene und natürlich Dirk Nowitzki kommen aus seiner Schule, mehr muss man nicht sagen.

Das komplette Interview gibt es in der neuen BIG, die es ab sofort im Handel gibt! Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten! Außerdem gibt es im Heft noch folgende Themen:

Thema des Monats: Warum werfen deutsche Spieler so wenig? Zahlen, Statistiken von allen Klubs sowie Interviews mit Trainern

easyCredit TOP FOUR. Alle Teams und alle Infos zum großen Pokal-Wochenende in Berlin

Patrick Heckmann. Warum der Bamberger Forward im BIG-Interview so selbstkritisch ist

Erfolg über die Wolke. Der FC Bayern Basketball arbeitet mit einem neuen Programm, das alle Beteiligten im Klub vernetzt.

Maik Zirbes. Der ehemalige Nationalspieler Jan Jagla erklärt, warum der Center den Bayern helfen wird.

Ismet Akpinar. Warum ALBAs Aufbau-Talent an einem Scheideweg in seiner Karriere steht.

Dirk Bauermann. Würzburgs neuer Trainer im großen BIG-Interview über seine Rückkehr in die easyCredit BBL.

Johannes Thiemann. Ludwigsburgs Center erklärt, warum er sich in der easyCredit BBL so schnell zurechtfindet.

Denis Wucherer. Der Trainer stellt in Gießen Forderungen für eine Vertragsverlängerung.

Andreas Wagner. Wie der Trainer mit RASTA Vechta doch noch den Klassenerhalt schaffen will.

Frank Menz. Braunschweigs Coach über Spaß am Abstiegskampf und die Entwicklung seines Teams.

Johannes Voigtmann. Vitorias deutscher Center vergleicht die spanische Liga ACB mit der easyCredit BBL.

Paul Zipser. Warum der Forward bei den Chicago Bulls jetzt endlich Spielzeit bekommt.

Nationalmannschaft. Wie der DBB den EM-Sommer plant.

Daniel Müller und Hansjörg Tamoj. Die Bosse der 2. Liga erklären die neuen Standards für die Klubs

Sabine Niedola. Die Lettin von den TV Saarlouis Royals über das Niveau der DBBL

Rubriken: Herber geht’s nicht / Voigtmanns Tagebücher / Business / Player Check / Hallo easyCredit BBL, hier! / Scouting Report / Think / Spotlight / Herber geht’s nicht / im Block / Impressum / Hallo Junge Liga, hier! / Mein Leben ist Basketball … / Small / Bodies / Preview

comments powered by Disqus
easyCredit Telekom TipBet Spalding Ranko Simba Dickie Group Kinder plus Sport