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Kochs Nachschlag
Göttingen und Gießen vor dem sechsten Spieltag – Zwei Traditionsstandorte auf der Erfolgswelle

Göttingen und Gießen vor dem sechsten Spieltag – Zwei Traditionsstandorte auf der Erfolgswelle

— Stefan Koch

Es steht der sechste Spieltag an und es zeichnen sich bereits einige Überraschungen in der Tabelle ab. Ein paar Teams stehen tiefer als erwartet, aber besonders zwei Clubs stehen erstaunlich gut: Göttingen und Gießen haben jeweils 08:02 Punkte. Was sind die Gründe für diesen frühen Erfolg?

Die Nostalgiker im deutschen Basketball erinnern sich – vielleicht sogar mit ein wenig Wehmut – an die Zeiten zurück, als der damals noch als körperlos geltende Sport fast ausschließlich von Studenten in Universitätsstädten betrieben wurde. Mittlerweile haben sich die Rahmenbedingungen radikal gewandelt, aber mit der BG Göttingen und den GIESSEN 46ers schwimmen derzeit zwei Clubs auf der Erfolgswelle, deren Städte auf jeden Fall das Siegel „Traditionsstandort“ tragen.

Beide Mannschaften haben 8:2 Zähler auf dem Konto und belegen damit den fünften und sechsten Platz. Die Südniedersachen und Mittelhessen – und diese beiden oft gebrauchten regionalen Bezeichnungen verdeutlichen sehr treffend den häufig unterstellten provinziellen Charakter im Vergleich zu beispielsweise München oder Berlin - stehen am Wochenende vor echten Bewährungsproben: Beide Teams treffen am Samstag um 18 Uhr auf noch ungeschlagene Kontrahenten, die BG reist nach Berlin, und die 46ers empfangen Oldenburg.

BG Göttingen

Seit der Auftaktniederlage gegen Bonn haben die Göttinger nur noch gewonnen, fünf Partien inklusive Pokal. Da Head Coach Johan Roijakkers der wahrscheinlich größte Statistik-Freak der Liga ist, machen wir die Göttinger Erfolge einmal an Zahlen fest: Offensiv legt die BG in der Liga 88 Zähler pro Partie auf, genauso so viele wie Meister und Tabellenführer Bayern München. Mit einer Zweierquote von 56,7 Prozent liegen die Göttinger auf Rang drei, ihre 44,9 Prozent von der Dreierlinie sind ein absoluter Bestwert, und insgesamt sind sie neben den Branchenführern aus München und Berlin die einzige Mannschaft, die besser als 50 Prozent aus dem Feld wirft.

„Unser Go-to-Guy ist der freie Mitspieler“, beschreibt der Coach die offensive Ausrichtung. Defensiv war Göttingen in den letzten Jahren bei allen Werten im Keller beheimatet, in dieser Spielzeit erlauben die Veilchen ihren Kontrahenten aber nur eine Quote von 40,4 Prozent aus dem Feld. Roijakkers dürften alle diese Werten zu profan sein, denn der Niederländer hat mit Julian Meier in San Diego einen Spezialisten für Advanced Stats, der ihn mit unfassbar vielen und detailgenauen Zahlen füttert, auf denen Roijakkers‘ Training und seine Spielvorbereitung fußen.

Michael Stockton und Darius Carter sind eines der besten Pick-and-Roll-Duos der Liga und in jedem Spiel für mindestens einen spektakulären Alley-Oop gut. Überhaupt sind Stocktons Passfähigkeiten ein Schlüssel des Göttinger Erfolgs, er spielt die viertmeisten Assists aller Spieler, 7,2 pro Partie (gute Gene?) und viele davon führen zu spektakulären Körben wie im Video rechts zu sehen ist.

Der neue Backcourt-Allrounder Penny Willams ist Topscorer des Teams und punktet mit überragenden Quoten (18,2 Zähler im Schnitt bei 59,3 Prozent aus dem Feld), aber der wichtigste Erfolgsfaktor ist die Steigerung der deutschen Akteure. Nationalspieler Dominic Lockhart (6,0 Punkte bei 57,1 Prozent), Stephan Haukohl (Steigerung von 5,2 auf 8,2 Punkte im Schnitt) und Dennis Kramer (von 4,8 auf 9,0) haben im Sommer hart gearbeitet – und das zahlt sich aus. Zudem ist mit Rückkehrer Mathis Mönninghoff ein weiterer Qualitätsspieler hinzugekommen. Diese Mannschaft macht viel Spaß, auch wenn ihr der Spielplan bisher entgegengekommen ist mit vier Heimspielen und zwei Auswärtsspielen, eins davon beim Schlusslicht MBC.

GIESSEN 46ers

Neben den bereits erwähnten Gemeinsamkeiten zwischen Göttingen und Gießen sticht noch eine weitere ins Auge. Wie Johan Roijakkers auch, gewährt Ingo Freyer seinen Spielern viele Freiheiten in der Offensive. Der 48-Jährige hat seinen aus Hagen bekannten Stil auch für einen John Bryant nur bedingt modifiziert, was diesen aber nicht zu stören scheint: Big John liefert unfassbare Statistiken ab (18,4 Punkte, 58,3 FG%, 11,0 Rebounds und 5,0 Assists), ist mit Abstand der effektivste Spieler der Liga und hat durchaus Chancen, seinen dritten MVP-Titel zu gewinnen.

Bei den Neuzugängen haben die 46ers in erster Linie auf Routine gesetzt. Mit David Bell (37 Jahre, siebte BBL-Saison) und Larry Gordon (31, sechste BBL-Saison) hat Freyer zwei alte Bekannte aus Hagen nach Gießen gelotst. Als sich Bell, der noch immer nicht einsatzfähig ist, in der Vorbereitung den Brustmuskel riss, kam mit Brandon Thomas (34, siebte BBL-Saison) ein weiterer Ligaveteran hinzu. Diese geballte Routine hilft den Gießenern – zum einen auswärts, wo sie bei 3-0 stehen, was außer Gießen nur Double-Sieger München vorweisen kann, zum anderen in den fünf knappen Partien, von denen vier gewonnen wurden. Lediglich beim 87:89 gegen Bremerhaven ging der letzte Spielzug zum Sieg schief (hier alle Gießener Spiele auf einen Blick).

Im Video sind die entscheidenden Körbe aus den Siegen in Ulm (92:91), Würzburg (85:81) und Crailsheim (92:90) zusammengeschnitten und es ist gut zu beobachten, wie abgeklärt das Gießener Ensemble bei diesen spielentscheidenden Plays agiert, wenngleich auch dabei in der Regel Bryant die Hauptrolle übernimmt.

Zur allgemeinen Überraschung gelang es Gießen im Sommer, den Kapitän für weitere zwei Jahre zu binden und der 31-Jährige steht kurz davor, seinen deutschen Pass zu erhalten. Und spätestens dann wären die 46ers mit Bryant, sechs ausländischen Profis und den stark aufspielenden Benny Lischka und Mahir Agva ein legitimer Playoff-Kandidat.

Kochs Nachschlag

Der Sport lebt auch vom Hecht im Karpfenteich, der dort mal für Furore sorgt. Weder Göttingen noch Gießen haben die finanziellen Voraussetzungen, um dauerhaft mit den Spitzenteams der Liga zu konkurrieren und natürlich ist das derzeitige Tabellenbild nur eine frühe Momentaufnahme – aber zum einen dürfen beide Vereine diese mit Stolz genießen, und zum anderen: Wer weiß, was noch passiert!?!

Es gibt im Sport das Phänomen, dass frühe Erfolge mit dem dadurch gewonnen Selbstvertrauen sich zu einer Welle entwickeln, die mit jedem einverleibten Sieg stärker wird und länger geritten werden kann als erwartet. Und ich für meinen Teil hätte nichts dagegen weiter am Strand zu stehen und diesen beiden Teams noch etwas länger zu ihrem Ride zu applaudieren …

Zur Person:

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.

Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Telekom Sport, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere und Sportdigital tätig, sowie als Scout für die NBA. Seine Kolumne „Kochs Nachschlag“ erscheint regelmäßig auf der Homepage der easyCredit BBL.

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