Revanche-Geschichten im Sport faszinieren Medien und Fans gleichermaßen. Es gibt genügend historische Beispiele, die dies belegen. Ich denke dabei an die legendären Boxkämpfe zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier in den 1970er Jahren oder – auf unsere Sportart bezogen – an den Sieg der Chicago Bulls 1991 im Finale der Eastern Conference gegen die Detroit Pistons, nachdem Jordan, Pippen und Co. in den drei Jahren zuvor den „Bad Boys“ in den Playoffs unterlegen waren. Mir kommen auch die NBA-Finals 2016 in den Sinn, in denen die Cleveland Cavaliers gegen die Golden State Warriors mit 1:3 zurücklagen, nachdem sie bereits im Vorjahr das Finalduell gegen den gleichen Kontrahenten verloren hatten. Dann drehten die Cavs die Serie tatsächlich noch und gewannen auch dank des (für mich) größten defensiven Plays der Basketball-Geschichte (der ikonische Chase-Down-Block von LeBron James gegen Andre Iguodala) die Meisterschaft.
In der easyCredit BBL kommt einem mit als Erstes der 93:68-Sieg Bambergs im fünften Halbfinale in der Berliner Schmelinghalle von 2004 in den Sinn. 2003 hatten die Bamberger das BBL-Finale gegen ALBA BERLIN nach drei knappen Niederlagen mit insgesamt 14 Punkten Differenz per 0:3-Sweep verloren, ein Jahr später revanchierten sie sich beim Meister der vergangenen sieben Jahre und beendeten das Titelabo der Berliner.
Das Thema Revanche umfasst viele Facetten. Einige davon möchte ich jetzt mit Blick auf aktuelle Begegnungen in unserer Liga genauer untersuchen.
Die doppelte Revanche für die verpassten Titel
Zwei große Revanchepartien sind in dieser Spielzeit bereits über die Bühne gegangen. Direkt zu Saisonbeginn präsentierte der Spielplan dem FC Bayern Basketball mit den BMA365 Bamberg Baskets und ALBA BERLIN jene Kontrahenten, die dem Favoriten in der vergangenen Saison die Titelsuppen versalzt hatten. Die Münchner verloren das Pokalhalbfinale zu Hause gegen die Oberfranken und die Meisterschaftsserie im fünften Spiel nach einer deutlichen Halbzeitführung ebenfalls vor heimischer Kulisse gegen die Hauptstädter. Selbstverständlich kann ein Sieg eine vergangene Niederlage nicht ungeschehen machen, erst recht nicht ein Erfolg in einem weniger bedeutenden Hauptrundenspiel. Aber die Höhe der Siege – ein 108:72 gegen Bamberg (Dyn-Highlights unten) und ein 95:61 gegen Berlin (hier das Re-Live bei der ARD) – war ein Münchner Statement, dem neben dem Revanchegedanken auch zugrunde lag, dass der Platzhirsch den Ansporn hatte, früh ein Ausrufezeichen zu setzen.
Vor allem wenn der Favorit beim vorherigen Vergleich unterlegen war, nimmt das Thema Revanche einen viel höheren Stellenwert ein als nach einer Niederlage des Außenseiters. Die emotionale Ausgangslage wird im Vorfeld häufig noch befeuert durch den Trainer der Mannschaft, die auf Wiedergutmachung aus sein muss. Deshalb wäre es hochinteressant zu wissen, ob und wie Bayern-Coach Anton Gavel vor dem Aufeinandertreffen mit Bamberg mit dem Revanche-Begriff gearbeitet hat. Schließlich war der 41-Jährige in der vergangenen Saison noch Trainer in Freak City.
Wiedersehen nach dem Pokalendspiel und dem Playoff-Halbfinale
Berlin und Bamberg habe ich bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt. Am Samstag treffen Meister und Pokalsieger in der Hauptstadt aufeinander (Vorbericht). Aus Sicht der Gastgeber gab es bereits eine Form von Revanche für das verlorene Pokalendspiel in München. Denn im Playoff-Halbfinale setzten sich die Albatrosse gegen die Bamberger mit 3:2 durch. So gesehen müsste der amtierende Pokalsieger jetzt auf Revanche sinnen. Da die Oberfranken aber trotz dieses Ausscheidens auf eine großartige Saison zurückblicken können, dürften ihre Gelüste bei weitem nicht so ausgeprägt sein, wie es die der Münchner gegen Bamberg und Berlin waren. Aus meiner Sicht steht im am häufigsten gespielten Vergleich der Ligageschichte (Berlin und Bamberg treffen zum 138. Mal aufeinander!) am 19. Oktober ein revancheträchtigeres Duell an. Denn dann treffen die Teams im Pokalachtelfinale aufeinander, und die Berliner genießen erneut den Heimvorteil. Den Kontrahenten im gleichen Wettbewerb, in dem man ihm zuvor im Endspiel die Trophäe überlassen musste, aus dem Rennen zu kegeln, hätte wahrscheinlich noch mehr Revanchecharakter als der Sieg in der Playoff-Serie.
Revanche nach dem Playoff-Aus
Die diesjährige Viertelfinalserie zwischen den Telekom Baskets Bonn und den Fitness First Würzburg Baskets war eine äußerst knappe Angelegenheit. Die Rheinländer gewannen die fünfte und entscheidende Partie zu Hause mit 66:63 (Dyn-Highlights unten), wobei die Gäste in der Schlussminute drei Ausgleichschancen liegenließen. Während der Bonner Kader fast unverändert blieb, gab es bei den Unterfranken eine große Fluktuation. Eigentlich sollten die Schützlinge von Sasa Filipovski mit Revancheambitionen in das freitägliche Duell gehen. Aber inwieweit spielt Revanche noch eine Rolle, wenn das Personal neu ist? In diesem Zusammenhang muss ich an meine Jahre als Trainer in Gießen und Frankfurt zurückdenken, als es zu meinen Aufgaben gehörte, neuen Amerikanern die Bedeutung des Derbys gegen den hessischen Rivalen klarzumachen. In dieser Woche hat der slowenische Headcoach der Würzburger seinen neuen Akteuren möglicherweise die Geschichte der Playoff-Serie gegen Bonn erzählt.
Revanche nach dem Pokal-Aus
Hamburg und Rostock standen sich vor Kurzem in der ersten Runde des Netto BBL Pokals gegenüber, wobei die Mannschaft von Benka Barloschky, die am Samstag erneut den Heimvorteil genießen wird, mit 90:81 die Oberhand behielt.
Einerseits mag man anmerken, dass so ein frühes Pokalaus nicht unbedingt große Revanche-Gelüste auslösen muss, andererseits ist es aber so, dass schon im Vorfeld feststand, dass der Sieger im Achtelfinale die Bayern mit sechs deutschen Goldmedaillengewinnern zu einem großen Spiel empfangen würde. Zusätzliche Brisanz erhält die Begegnung dadurch, dass das Duell der Hansestädter auch einen gewissen Derby-Charakter hat. Zudem haben beide Teams etwas gutzumachen. Hamburg verspielte in Oldenburg eine 26-Punkte-Führung zu Beginn der zweiten Halbzeit, und die Rostocker verloren bei den als Abstiegskandidat gehandelten Braunschweigern. Am Ende unterlagen beide Nordlichter mit nur einem Punkt. Revanche ist in dieser Begegnung also nur ein Aspekt.
Kochs Nachschlag
Der Revanchegedanke kann zusätzliche Energie freisetzen, aber auch den selbstgemachten Druck auf dem Kessel erhöhen. Manchmal sind auch einfach die Rahmenbedingungen für eine Revanche nicht gegeben, wenn ein Team viele Verletzte beklagt oder sich in einer temporären Formkrise befindet. Grundsätzlich ist eine gelungene Revanche ein positives Zeichen. Die Spieler haben bewiesen, dass sie mental in der Lage waren, mit der vorherigen Niederlage umzugehen und den Misserfolg als Motivationsquelle zu nutzen. Außerdem haben sie wahrscheinlich aus ihren Fehlern gelernt, wenn sie es beim nächsten Aufeinandertreffen besser gemacht haben.
Revanche ist eine besondere Form der Rivalität und des sportlichen Ehrgeizes, die uns vor allem in den Bann zieht, wenn die absoluten Topteams involviert sind. Solange in diesem Rahmen Respekt und Fair Play erhalten bleiben, sind Revanchepartien eine wunderbare Angelegenheit, auch wenn die Medien bei der Darstellung der Revanchenarrative gerne einmal über das Ziel hinausschießen.

Unser Kolumnist
Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".















