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Kochs Nachschlag
Nach einem Sieg und sieben Niederlagen: Die Gründe für den schwachen Bonner Saisonstart

Nach einem Sieg und sieben Niederlagen: Die Gründe für den schwachen Bonner Saisonstart

— Stefan Koch

Im Sommer schien in Bonn die Sonne: Mit Thomas Päch ein neuer junger Trainer, der als Berlins Co-Trainer bei Aito modernen Basketball studiert hatte, zwei etablierte deutsche Spieler abgegriffen und die Fans in euphorische Aufbruchstimmung versetzt. Und nach acht Ligaspielen jetzt das: Vorletzter mit nur einem Sieg! Grund genug, vor den drei Kellerduellen mal zu analysieren, was schlecht läuft.

Die Telekom Baskets Bonn sind ein erfolgreicher Verein: In 23 Erstligajahren erreichten sie 20 Mal die Playoffs und standen sogar fünf Mal im Finale (wo sie zugegeben jedes Mal verloren), aktuell allerdings sind sie als Vorletzter der Tabelle* nur nicht auf einem Abstiegsplatz, weil diese Saison nur einer der 17 Klubs in die zweite Liga muss und Hamburg als Schlusslicht noch eine Niederlage mehr hat.

*(Update: Nach dem Hamburger Sieg am Freitagabend in Braunschweig ist Bonn sogar Letzter.)

Seit dem hauchdünnen 77:76-Sieg zum Saisonauftakt gegen die FRAPORT SKYLINERS haben die Bonner nicht mehr gewonnen und nun geht es in den drei anstehenden Ligapartien gegen die anderen Kellerkinder: An diesem Samstag zu Hause gegen den SYNTAINICS MBC (15.), danach muss in Göttingen angetreten werden (14.) und anschließend kommen die Hamburg Towers.

Jede Menge Druck – auch für Thomas Päch, der im Sommer als neuer Head Coach verpflichtet wurde. Der 37-Jährige ist, abgesehen von einem Intermezzo im Frühling 2017 in Berlin, erstmals Cheftrainer eines Profiteams. Seine Verpflichtung jetzt als einen Fehler zu klassifizieren, wäre aber komplett unfair. Meiner Meinung nach liegen viele der Probleme eher an der Zusammenstellung des Kaders. In welchen Bereichen ich Defizite sehe, möchte ich nun aufzeigen:

Breite statt Spitze

Die Bonner haben mit Joshi Saibou und Benni Lischka zwei etablierte deutsche Spieler verpflichtet und sich anschließend bewusst für nur fünf Ausländer entschieden, um national und international mit dem gleichen Team auflaufen zu können (in der Champions League dürfen bei zwölf Spielern auf dem Spielbogen maximal sieben davon aus dem Ausland kommen – und da T.J. DiLeo und Yorman Polas Bartolo dort nicht als „local players“, sondern als Ausländer gelten, muss bei fünf weiteren Legionären trotzdem niemand aussetzen). Soweit nachvollziehbar, aber gibt es in dieser Mannschaft auch die nötige Hierarchie? Zehn Akteure spielen zwischen knapp 17 und dem Höchstwert von 24:38 Minuten, Basketballspiele aber werden in der Spitze und nicht in der Breite entschieden.

Die Telekom Baskets verfügten in der Vergangenheit immer über Akteure, die auch in der Crunchtime den Unterschied ausmachen konnten. Oft waren das Point Guards aus den USA, diese Liste geht von Eric Taylor und Derrick Phelps über Terrence Rencher und Jason Gardner hin zu zuletzt Josh Mayo. Der war auch ein Mann für die entscheidenden Würfe, wurde aber immer mal wieder für seinen Einsatz in der Defense kritisiert und in diesem Sommer nicht weiterverpflichtet. Nun steht Branden Frazier an seiner Stelle und schafft es immer besser in die großen Schuhe des Führungsspielers und Go-to-Guys reinzuwachsen.

Wichtiger aber: Wer außer dem 27-Jährigen (14,9 Punkte im Schnitt) ist noch in der Lage, aus der Masse hervorzustechen? Keiner der anderen vier ausländischen Profis punktet zweistellig, gravierender noch: Mit Martin Breunig (10,7) liefert überhaupt nur ein weiterer Bonner Spieler einen zweistelligen Punkteschnitt.

Die Altersstruktur

Das Durchschnittsalter der Zehnerrotation liegt bei 28,5 Jahren. Sieht man vom 23-jährigen Stephen Zimmerman ab, der auf der Fünf auch nur als Backup Verwendung findet, wurde der Altersschnitt mit den Neuzugängen sogar noch erhöht. Wer in dieser Mannschaft ist hungrig? Welcher Spieler hat großes Verbesserungspotenzial? Diese Fragen mögen polemisch klingen, verdeutlichen aber einen Teil des Problems. Es spricht nichts gegen Erfahrung, aber gerade der Blick auf die neuen Ausländer, lässt die Vermutung zu, dass man deren Talentlevel auch bei jüngeren Spielern hätte finden können.

Offensive und defensive Identität

Thomas Päch möchte in der Offensive die Ideen Aitos vom freieren Spiel einbringen. Das ist löblich, aber für die meisten Spieler dürfte das mit Umstellungsproblemen verbunden sein. Deshalb die Frage: Verfügt die Bonner Mannschaft über die Spielertypen für diesen Basketball? In Berlin ist mit Luke Sikma ein exzellenter Point Foward die Schlüsselfigur. Vielleicht hätte es Bonn gutgetan, Seth Hinrichs zu verpflichten, der als Vierer über ähnliche Qualitäten verfügt, aber im Sommer in Ulm unterschrieb.

Eine noch größere Baustelle aber ist die Defensive. Nur Aufsteiger Hamburg kassiert mehr Gegenpunkte als die Rheinländer, die 93,1 Zähler pro Begegnung zulassen. Aus dem Zweierbereich treffen die Kontrahenten gegen Bonn 61 Prozent (!), auch weil keinerlei Rimprotection vorhanden ist (0,5 Blocks pro Spiel bedeuten Ligatiefstwert). Und diese Zahlen werfen auch schon die nächste Frage auf: Ist diese Mannschaft athletisch genug?

Kochs Nachschlag

Das sind viele Fragen, aber es gibt einen Punkt, der Hoffnung macht: Bislang zeigten die Telekom Baskets Bonn zwei Gesichter. Abseits des Ligageschehens stehen der sensationelle 85:84-Pokalerfolg in München und überwiegend gute Vorstellungen in der Basketball Champions League, wo man mit 4:3 Siegen auf dem zweiten Platz der Gruppe D steht. Das beides untermauert, dass in dieser Mannschaft deutlich mehr steckt als sie bislang in der Liga gezeigt hat.

Aber bei Sportmanager Michael Wichterich schrillen mittlerweile zurecht die Alarmglocken. Er denkt über eine Verstärkung beim spielenden Personal nach, ist sich aber noch unsicher, wo genau er ansetzen möchte, wie die beiden Lokalzeitungen aktuell vermelden (klick und klick). Mit einem Sieg am Samstag gegen die Wölfe könnte ein wenig Ruhe einkehren. Im Falle einer Niederlage würde sich die Krisenstimmung aber verschärfen. Bei der letzten Heimpartie gegen ALBA BERLIN zeigte sich, dass die Fans selbst bei der „Mutter aller Spiele“ ungewohnt verhalten agierten. Thomas Päch ist ein integrer und talentierter Coach, es ist ihm zu wünschen, dass er das Schiff auf Kurs bekommt.

Zur Person

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.

Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei MagentaSport, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere und Sportdigital tätig, sowie als Scout für die NBA. Seine Kolumne „Kochs Nachschlag“ erscheint regelmäßig auf der Homepage der easyCredit BBL.

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