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BIG - Basketball in Deutschland
„Vielleicht wäre einiges anders gelaufen“ – Gießens John Bryant im großen BIG-Interview Michael Schepp

„Vielleicht wäre einiges anders gelaufen“ – Gießens John Bryant im großen BIG-Interview

— Marcel Friederich

John Bryant gehört zu den wenigen Identifikationsfiguren der Liga – und will das bis zu seinem Karriereende auch bleiben. Im BIG-Interview erklärt der Center der JobStairs GIESSEN 46ers, weshalb er sich inzwischen als typischer Deutscher fühlt. Außerdem spricht er über seine erneuten Gewichtsprobleme und erklärt, warum er wieder nach München ziehen wird.

John, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!

(überlegt kurz) Hilf mir auf die Sprünge, was meinst du?

Seit einem Jahr hast du nun die deutsche Staatsbürgerschaft!

Oh ja, stimmt. Und ich würde auch sagen, dass ich mich immer mehr als Deutscher fühle. Vor allem wegen meiner Freundin, die aus München kommt, und unserer beiden Söhne. Der Große ist jetzt drei Jahre alt, der Kleine ein halbes Jahr. Sie wachsen in einer deutschen Welt auf, der Große geht in einen deutschen Kindergarten. Deshalb passiert es ganz automatisch, dass auch ihr Papa da noch mehr hineinwächst.

Gibt es spezielle deutsche Eigenschaften, die du an dir beobachtest?

Ich bin immer und überall pünktlich. Ich habe nie Lust, auf die letzte Sekunde unterwegs zu sein und mich selbst unter Druck zu setzen: Oh, ich muss doch in einer Minute dort oder dort sein und finde keinen Parkplatz. Ich versuche, so viel Stress wie möglich aus dem Alltag rauszunehmen. Daher verlasse ich das Haus lieber zehn, 20 Minuten früher. Wie ein typischer Deutscher.

Okay, das können wir bestätigen. Auch zu diesem Interview bist du auf die Minute genau um 13 Uhr in der Geschäftsstelle der JobStairs GIESSEN 46ers angekommen. Bevor du 2010 nach Deutschland gekommen bist, warst du immer unpünktlich?

Nein, das nicht. Ich war schon immer ein pünktlicher Typ. Ungewöhnlich für einen Amerikaner.

Inzwischen bist du also seit neuneinhalb Jahren in Deutschland, gehörst zu den Gesichtern der Liga, hast eine „deutsche Familie“ gegründet …

Das ist schon Wahnsinn, wie sich die Dinge seitdem entwickelt haben. Als ich 2010 nach Ulm gewechselt bin, wusste ich von Deutschland nicht viel. Ich komme aus Kalifornien, wo beispielsweise die Geschäfte auch am Sonntag oder am Feiertag 24 Stunden geöffnet haben. Plötzlich in Deutschland zu leben, war ein ziemlicher Kulturschock. Und die deutsche Sprache war anfangs – puh –, um es nett zu formulieren: eine spannende Erfahrung.

Wie kam es überhaupt dazu, dass du 2010 aus der G-League zu ratiopharm ulm gewechselt bist?

Der Hauptgrund war Mike Taylor. Wir haben uns bei der NBA Summer League in Las Vegas kennengelernt, und ich war sofort begeistert von seiner positiven Art, seiner Leidenschaft. Einen Wechsel nach Deutschland hatte ich bis dahin überhaupt nicht auf dem Schirm. Doch Mike hat in mir das Feuer geweckt.

Im Ulmer Trikot bist du 2012 und 2013 Liga-MVP gewesen, ehe du nach München gewechselt bist. 2014 wurdest du mit den Bayern Deutscher Meister. Doch dann bekam deine Karriere eine Delle …

Das stimmt, leider. Mehrere Jahre ging es stetig aufwärts, doch plötzlich fehlte mir die letzte Hingabe abseits des Feldes. Speziell auf meinen Körper und mein Gewicht hat sich das negativ ausgewirkt. Ich war nicht mehr wirklich austrainiert. In dieser Zeit hätte ich strenger mit mir selbst sein müssen.

Besonders „gefährdet“, was deinen Körper angeht, bist du ja in der Sommerpause.

Wenn ich im Sommer in die Heimat fliege, möchte ich eine gute Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich versuche jedes Mal, alle Familienmitglieder zu sehen, die ganz verstreut in Kalifornien an der Westküste, zum Teil aber auch an der Ostküste leben. Das ist immer eine Menge Reiserei. Gleichzeitig gilt es für mich als Profisportler, auch in solchen Phasen die Balance zu halten und fit zu bleiben. Das habe ich damals nicht so ganz unter einen Hut gebracht.

Im Sommer 2016 wurde dein Vertrag bei den Bayern vorzeitig aufgelöst. In der Saison 2016/2017 folgten kurze Gastspiele in Valencia und Monaco, aber wegen deines Übergewichts musstest du auch dort jeweils wieder gehen.

Deshalb habe ich mich dann entschieden, mit einem Personal Trainer in München zusammenzuarbeiten. Und kurz darauf war ich besser in Form als je zuvor. Ich ärgere mich heute, dass ich in dieser Zeit nicht früher das Telefon in die Hand genommen habe, um die Nummer des Personal Trainers zu wählen. Dann wäre einiges vielleicht anders gelaufen.

So aber verloren viele Klubs das Vertrauen in dich und deine Professionalität – bis Coach Ingo Freyer dich nach Gießen lotste.

Nach Valencia und Monaco gab es mehrere Monate lang überhaupt keine Angebote für mich, ehe Ingo Mitte der Saisonvorbereitung 2017/2018 anrief. Er erzählte mir von den Besonderheiten der 46ers, dass hier alles ein bisschen kleiner ist und familiärer abläuft. Er gab mir ein Gefühl wie damals Mike Taylor in Ulm. Daher haben wir schnell zusammengefunden. Ich bin dankbar für den Support, den ich hier in Gießen bekomme, allen voran von unserem bisherigen Geschäftsführer Heiko Schelberg und unserem Teammanager Sören Beck.

Auf Anhieb wurdest du zum Anker des Spiels der 46ers. Du warst körperlich fit, konntest 2017/2018 und 2018/2019 jeweils ein Double-Double im Schnitt pro Spiel auflegen. Mit 19,5 Punkten und 10,2 Rebounds wurdest du vergangene Saison sogar zum besten Offensivspieler gekürt. In der laufenden Saison hast du diese Top-Statistiken allerdings noch nicht konstant abgeliefert. Weshalb?

Zum Saisonstart war ich nicht wirklich in Top-Form, nachdem es bei mir im Sommer 2019 einige Schwierigkeiten gegeben hatte. Mein zweiter Sohn war gerade geboren, und wir wollten alle in die USA fliegen. Die Flüge waren schon gebucht, alles war organisiert. Dann bekam ich zwei Tage vor dem Abflug einen Anruf der US-Behörden, die mir sagten, dass mein Sohn nicht mitfliegen darf, weil er noch keinen amerikanischen Pass hat.

Und ihr seid dann alle in Deutschland geblieben?

Am Ende hat es doch noch irgendwie funktioniert, dass mein Sohn mitdurfte. Aber es war chaotisch und nervenzehrend – das hat sich noch einige Zeit ausgewirkt. Hinzu kam, dass bei meinem Onkel Lungenkrebs diagnostiziert wurde. Für die ganze Familie war das ein großer Schock. Und für mich war es ein bittersüßer Heimat-Trip. Das alles hat dazu geführt, dass ich im vergangenen Sommer nicht so fokussiert gewesen bin wie in den beiden Jahren zuvor.

So bist du also mit Übergewicht wieder in Gießen angekommen.

Das stimmt. Umso mehr habe ich direkt versucht, meinen Rückstand aufzuholen. Mit unserem Fitnesstrainer Lukas Lai, der sehr viel Geduld für mich aufbringt, habe ich zahlreiche Extraschichten eingelegt. Seit dem Vorbereitungsstart hatte ich daher bloß drei freie Tage, um so schnell wie möglich wieder meine Top-Form zu finden.

Zumal dein Vertrag am Saisonende ausläuft.

Ich versuche, mich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Ab und zu poppt die Vertragssituation in meinem Hinterkopf auf, aber noch ist es zu früh, um sich damit intensiver zu beschäftigen.

Willst du grundsätzlich in der easyCredit BBL bleiben?

Auf jeden Fall. Wir wissen zwar alle, dass die deutsche Liga sportlich noch nicht zur absoluten Spitze gehört. Aber Jahr für Jahr geht es bergauf. Seit meiner Ankunft hier 2010 ist die Qualität der Teams und der Spieler kontinuierlich besser geworden. Hinzu kommt, dass es in anderen Ligen immer wieder Probleme mit der Bezahlung von Gehältern gibt. Deshalb wird die BBL ständig attraktiver. So gibt es auch für mich keinen Grund, aus Deutschland wegzugehen. Ich werde meine Karriere in der BBL beenden – zu 100 Prozent.

Das komplette Interview gibt es in der neuen BIG. Die neue Ausgabe ist ab sofort im Handel erhältlich! Abonnenten haben sie bereits eine Woche früher im Briefkasten! Außerdem gibt es im Heft noch folgende Themen:

Die Zukunft des deutschen Basketballs. Thema des Monats: Diese Talente warden im kommenden Jahrzehnt eine wichtige Rolle spieler

Alex King. Der Bayern Routinier geht in seine 16. BBL-Saison – sein Weg, seine Ziele

Stefan Peno. Fast ein Jahr nach seiner schweren Knieverletzung steht ALBAs Aufbau vor dem Comeback

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