Ich kenne den Menschen, über den ich jetzt schreiben werde, seit mehr als 20 Jahren. Es ist kein Geheimnis, dass ich ihn sehr mag und sehr schätze. Deshalb erhebt dieser Nachschlag auch keinen Anspruch auf journalistische Distanz oder Objektivität. Vielmehr ist es ein persönlich gefärbter – und damit subjektiver – Beitrag zu einer der größten Persönlichkeiten unserer Liga. 2023 gewann Anton Gavel in seiner ersten Saison als Head Coach mit ratiopharm ulm sensationell die Deutsche Meisterschaft, jetzt hat der gebürtige Slowake nachgelegt und mit den BMA365 Bamberg Baskets am Wochenende nicht weniger überraschend und spektakulär den Pokalsieg gefeiert. Zuvor war der 41-Jährige als Spieler eine Institution. Mit Bamberg errang er vier Meisterschaften und drei Pokalsiege, mit den Bayern setzte er sich in diesen Wettbewerben jeweils einmal durch.

Ehrgeiz und harte Arbeit
Ich persönlich verdanke Anton viel. Die Saison 2004/2005 war eine der schönsten, die ich als Trainer erleben durfte. Damals hatte er als junger Point Guard einen großen Anteil daran, dass wir mit einer Gießener Mannschaft, die vor Beginn der Spielzeit als Abstiegskandidat eingestuft wurde, das Halbfinale erreichten. Es war mir eine Ehre und eine Freude, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen. Völlig zu Recht wurde er als „Rookie of the Year“ ausgezeichnet. „Tono“ (nicht „Tonno“, wie die meisten Kommentatoren fälschlicherweise sagen) war für sein Alter schon sehr reif. Sein Ehrgeiz, seine Arbeitseinstellung und sein Streben nach Perfektion grenzten an Verbissenheit. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Spielern, die mit einem solchen Anspruch unterwegs sind, war er ein hochsozialer und bescheidener Mensch, der von seinen Teamkollegen gemocht wurde und viele integrative Charakterzüge an den Tag legte. Es war entscheidend für den Verlauf seiner Karriere, dass er nie den leichten Weg, Entschuldigungen oder gar Ausreden gesucht hat. Daran musste ich denken, als er in einer Auszeit am Sonntag zu Cobe Williams sagte: „You got to play through it!“ Diese Resilienz gehörte schon immer zu seiner Mentalität, die er auf seine Mannschaft übertragen hat. Anton hat sich durchgebissen. Er kam 2000 als 15-jähriger Basketballer aus seiner slowakischen Heimat nach Karlsruhe, lernte die deutsche Sprache und machte sein Abitur. Ihm ist nie etwas in den Schoß gefallen. Auch die Erfolge als Spieler hat er sich hart erarbeitet.

Sensation in der Höhle des Löwen
Als er 2024 Ulm verließ, um nach Bamberg zurückzukehren, war ich – wie viele andere Beobachter auch – nicht von diesem Schritt überzeugt. Da ich Anton kenne, weiß ich, wie wichtig ihm das Glück seiner Familie ist (seine Frau stammt aus Bamberg). Unter diesem Gesichtspunkt konnte ich seine Entscheidung nachvollziehen. Gleichzeitig sah ich ihn als Coach auf dem Weg in Richtung Euroleague und befürchtete, dass die Situation in Freak City mit einem sehr überschaubaren Budget ihn auf dem Weg dahin ausbremsen könnte. Aber Anton ist Anton. Ich kann mir vorstellen, wie wichtig es für ihn war, nach zuvor zwei Finalniederlagen im dritten Pokalendspiel in Serie den Pott zu gewinnen. Dabei ist es schon eine großartige Leistung, dreimal in Folge die letzte Partie eines Wettbewerbs zu bestreiten. Jetzt hat er eine Sensation geschaffen, die noch größer ist als die des SYNTAINICS MBC im Vorjahr. Denn seine Bamberger erzielten den Coup nicht in eigener Halle, sondern in der Höhle des Löwen.
Der Halbfinalsieg gegen den FC Bayern München Basketball am Samstag war eine taktische Meisterleistung. Wie er es geschafft hat, sein Team in nur zwei Tagen (am Mittwoch traten die Bamberger noch in Rostock an) so punktgenau vorzubereiten, kann ich kaum nachvollziehen. Aber die Oberfranken gingen mit dem perfekten Plan in diese Begegnung und schalteten so als Team mit dem offiziell kleinsten Spieleretat das mit dem größten aus.

Nicht „ich“, sondern „wir“
Auf den Coup gegen den Tabellenführer folgte der Endspielsieg gegen die zweitbeste Mannschaft der Liga, ALBA BERLIN. Diese Partie hatte nicht das Niveau des Semifinales, weil man beiden Mannschaften die Belastung des Vortages anmerkte. Aber Bamberg setzte sich innerhalb von 24 Stunden gegen die zwei besten deutschen Teams durch. Das erinnerte mich an Antons Run mit Ulm vor drei Jahren, als er die drei besten Klubs in den Playoffs dominierte. Nach Berlin und München besiegte er in der Finalserie die Bonner unter Tuomas Iisalo, den ich zuvor in einem Podcast als den „besten Trainer des Planeten“ bezeichnet hatte. Als ich „Tono“ nach der damaligen Meisterschaft meine Glückwünsche geschickt hatte, antwortete er mit dem Satz „Wir haben den besten Trainer des Planeten besiegt“ und einem Smiley. Auch das ist Anton Gavel: nicht „ich“, sondern „wir“. Damit bezog er seinen Assistenten Tyron McCoy ein, den ich auch coachen durfte und der mich als Assistant Coach im Artland wundervoll unterstützte.

Kochs Nachschlag
Auch jetzt hat Anton großartige Trainer an seiner Seite. Arne Woltmann und Stefan Weissenböck waren schon unter Chris Fleming im Bamberger Staff, als „Tono“ in Freak City spielte. Jetzt haben sie als Trio diesen unerwarteten Titel gewonnen. Wie sehr Anton seine Mitstreiter schätzt, wurde sowohl unmittelbar nach dem Finalsieg als auch bei der Siegerehrung deutlich.
Die Ulmer Meisterschaft 2023 und der Bamberger Pokalsieg 2026 wären ohne Anton Gavel niemals möglich gewesen. Seine Leidenschaft und seine Fähigkeit, Widerständen zu trotzen, haben zu sensationellen Titelgewinnen zweier Außenseiter geführt. Er war als Spieler ein Großer, und er ist als Coach ein Großer!

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".






















