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Home/Newscenter/Nie waren sie wichtiger: Die deutschen Spieler und ihr historisch großer Einfluss auf die Finalserie

Kochs NachschlagNie waren sie wichtiger: Die deutschen Spieler und ihr historisch großer Einfluss auf die Finalserie

16. Juni 2026

202 von den 361 Punkten in den ersten beiden Finalpartien gingen auf das Konto deutscher Spieler. Das sind satte 56 Prozent! Bei den Minuten liegt der Anteil mit 55,4 Prozent auf einem ähnlich hohen Niveau. Es kann also nicht so schlecht um die Qualität der deutschen Spieler in der Liga bestellt sein, wie uns Pessimisten und wir uns selbst manchmal Glauben machen wollen. Ja, es gab vor der Saison einen Aderlass großer Talente ans College, wo die Youngsters mittlerweile riesige Summen einstreichen können. Ivan Kharchenkov, Hannes Steinbach und Sananda Fru seien hier stellvertretend als wichtigste Repräsentanten genannt.

Und ja, die drei deutschen Top-Basketballer Dennis Schröder, Franz Wagner und Isaiah Hartenstein werfen ebenfalls auf der anderen Seite des Atlantiks Körbe. Sie stellen die Speerspitze der deutschen NBA-Fraktion, die noch Tristan da Silva, Moritz Wagner, Maxi Kleber und Ariel Hukporti umfasst. Dazu kommen die Welt- und Europameister, die bei ausländischen EuroLeague-Teams ihre Brötchen verdienen. Das sind Maodo Lo, David Krämer, Isaac Bonga und Daniel Theis. Außerdem sind auch Nick Weiler-Babb, Sebastian Herrera, Karim Jallow und Dylan Osetkowski, die mit ihrer Qualität eine Bereicherung für jedes BBL-Team darstellen würden, in der europäischen Königsklasse aktiv. Darüber hinaus muss auch noch Johannes Thiemann erwähnt werden, der zuletzt in Japan auf Korbjagd ging.

Die historische Einordnung

Der Anteil der deutschen Minuten in einer Finalserie lag noch nie seit den Neunzigern (als nur zwei ausländische Profis erlaubt waren) so hoch wie jetzt. Für die drei anderen Spielzeiten, in denen er seitdem über 50 Prozent betrug, muss man das Rad der Zeit bis zur Jahrtausendwende zurückdrehen. Zu Beginn der digitalen Datenerfassung für die Spiele der Basketball-Bundesliga wurden in den Finals 1999, 2000 und 2002 mehr als die Hälfte der Minuten an deutsche Spieler vergeben. Der Negativwert stammt aus dem Jahr 2009 mit kläglichen 13,6 Prozent, und vor zehn Jahren waren es auch nur 24 Prozent. Blickt man auf die erzielten Punkte, sehen die Vergleichszahlen (Tiefstwert 2009 mit 11,6 Prozent, vor zehn Jahren 23,8 Prozent) noch eine Spur schlechter aus.

Bezüglich des Scorings lag der Wert, wenn wir von der aktuellen Titelserie absehen, noch nie über 50 Prozent! Das heißt, dass wir hier einen historischen Ausreißer nach oben verzeichnen. Die deutschen Spieler sind nicht nur Verteidiger, Passgeber oder Blocksteller, sie sind keine Mitläufer und schon gar keine Statisten oder Busfahrer. Sie sind hochqualitative Basketballer, die das Vertrauen ihrer Coaches genießen, wenn es darum geht, den Statistikbogen im ergebnisrelevanten Bereich zu füllen. Nur zwei Mal (2015 und 2017) lag der Prozentsatz der deutschen Punkte wie in diesem Jahr über dem der Minuten, allerdings in einem klar niedrigeren Segment.

Die Spieler der Münchner

Justus Hollatz stand zum Abschluss der Hauptrunde und in den ersten fünf Playoff-Partien im Schatten von Neno Dimitrijevic, der offensiv überragend produzierte. Dennoch teilte Svetislav Pesic die Spielzeit zwischen seinen Point Guards fast brüderlich, weil er sich der Zuverlässigkeit des Welt- und Europameisters vor allem am defensiven Ende des Feldes bewusst war. Gegen Berlin überzeugte Hollatz bislang auch offensiv. Im ersten Spiel traf er alle drei Dreipunktewürfe, und in der zweiten Partie legte er zehn Zähler vor der Pause auf. Sein Drive ist ohnehin elitär und seine Entscheidungen im Pick-and-Roll sind gut.

Was kann ich noch zu Andi Obst schreiben? Ich habe im Vorspann die drei Spieler genannt, die ich aktuell für die besten deutschen Basketballer halte. Der nächste Name, der in diesem Zusammenhang fallen muss, ist der des Münchner Shooting Guards, den ich mir auch in der NBA vorstellen könnte. Im zweiten Viertel des ersten Finals hielt der 29-Jährige die Bayern mit seinen 16 Zählern fast im Alleingang in der Partie. Wenn es noch irgendwelche Zweifel gegeben haben sollte, ob die MVP-Auszeichnung zurecht an ihn gegangen ist, wurden sie durch diese Vorstellung vom Tisch gewischt.

Oscar da Silva und Johannes Voigtmann bilden derzeit als Starter das Big-Men-Duo des Titelverteidigers. Während da Silva von Beginn an vom Trainerwechsel im Dezember profitierte, war Voigtmann dabei zunächst der wohl größte Verlierer. Seine Rolle reduzierte sich deutlich, aber in der entscheidenden Saisonphase setzt Pesic auf den Routinier. Jeweils acht Assists im dritten Halbfinale gegen Bonn und im ersten Endspiel gegen Berlin unterstreichen die unglaublichen Passqualitäten des 33-Jährigen. Zusammen mit da Silva bietet er interessante Möglichkeiten. Voigtmann kann offensiv das Feld weit machen und so seinem Teamkollegen den Platz verschaffen, den er benötigt, um sich im Low Post mit seiner exzellenten Fußarbeit die Kontrahenten zurechtzustellen. Der 27-jährige da Silva kann wie Voigtmann auch beide großen Positionen bekleiden, was offensiv und defensiv die Möglichkeit eröffnet, variabel auf das Personal der anderen Seite zu reagieren. Da Silva ist der bislang konstanteste Münchner in den Playoffs.

Leistungsträger im Team von Svetislav Pesic (links): Johannes Voigtmann (Mitte) und Oscar da Silva. (Foto: Christina Pahnke)

Europameister Leon Kratzer stand in den ersten beiden Begegnungen nicht auf dem Spielberichtsbogen. Niels Giffey und der nach langer Verletzung zurückgekehrte Elias Harris kamen nur in der zweiten Partie zum Einsatz. Beide befinden sich im Spätherbst ihrer Karrieren, aber ihre Gewinnermentalität, mit der sie die oft so wichtigen Kleinigkeiten beisteuern, machen sie nach wie vor wertvoll.

Die Spieler der Berliner

Die Albatrosse spielen nicht mit den möglichen sechs Ausländern, sondern nur mit fünf, was dazu führt, dass sieben Deutsche im Spieltagskader stehen, von denen Bennet Hundt aber bislang in der Finalserie nicht eingesetzt wurde.

Jack Kayil hat in dieser Saison neben Andi Obst die meiste mediale und öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nach einem schwächeren ersten Spiel war er am Sonntag eine der Schlüsselfiguren für den Berliner Ausgleich. Die Frage, ob er es bei der NBA-Draft schaffen kann, in die erste Runde zu rutschen, beschäftigt die deutsche Basketball-Gemeinde. Der 20-Jährige bietet eine aufregende Mischung aus Athletik, technischen Fertigkeiten und Spielintelligenz. Er kann sich seinen eigenen Wurf verschaffen, selbst punkten, Situationen gut lesen, seine Mitspieler in Szene setzen und in der Verteidigung Druck ausüben.

Auf den Positionen Zwei und Drei vertraut Pedro Calles auf Jonas Mattisseck, Malte Delow und Sam Griesel. Die gebürtigen Berliner Mattisseck und Delow sind Aushängeschilder des ALBA-Jugendprogramms und stehen für das Rollenverständnis und die Opferbereitschaft des Teams. Erstgenannter kam als Spielmacher aus der Jugend und hat mittlerweile seine Bestimmung als Shooting Guard der Marke Three-and-D gefunden. Delow, der als Stabilitätsfaktor nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken ist, und Neuzugang Griesel, der in der Halbfinalserie konstant performte, sind als Allrounder die Schweizer Taschenmesser der Albatrosse.

Michael Rataj hat aus meiner Sicht alle Erwartungen übertroffen. Der nach seiner College-Saison bei Baylor hinzugestoßene Forward nahm überraschend schnell eine bedeutende Rolle bei den Berlinern ein. Er liefert Energie, Kampfgeist und verschiedene Scoring-Optionen. So kann er im Fast Break abschließen, den Dreier versenken und per 1-1 im Low Post Punkte erzielen. Wenn er den Ball auf den Boden setzt, nimmt er allerdings noch ein paar Dribblings zu viel und hat zu wenig die Mitspieler im Blick. In der Halbfinalserie gegen Bamberg brillierte er als Berliner Top-Scorer, und in München überzeugte der 22-Jährige im zweiten Spiel mit 15 Punkten bei einer Feldwurfquote von 86 Prozent.

Leistungsträger bei ALBA BERLIN: Jonas Mattisseck (links) und Michael Rataj. (Foto: Christina Pahnke)

Norris Agbakoko war mit 30 Punkten sogar der beste Berliner Punktesammler in den Duellen in der bayrischen Landeshauptstadt. 22 (10/12 Feldwürfe) dieser Zähler gelangen dem ehemaligen Oldenburger im ersten Vergleich, in dem seine Dominanz am Brett aber nicht zum Auswärtserfolg reichte. Der Spätstarter hat sich mittlerweile in der Spitze der deutschen Center etabliert, weil er außergewöhnlich schnell im Umschaltspiel unterwegs ist, immer eine Lob-Bedrohung darstellt und mit beiden Händen am Brett abschließt. Mit 2,18 Metern ist der 26-Jährige der längste Spieler in den Finals.

Kochs Nachschlag

Natürlich dürfen wir bei aller Euphorie über die deutschen Minuten und Punkte in den ersten beiden Finalspielen nicht vergessen, dass diese beiden Klubs nur bedingt repräsentativ für die Liga sind. Es sind die besten Mannschaften, und sie sind es vor allem, weil sie hochkonzentriert die herausragenden deutschen Spieler unter Vertrag haben.

Doch wer von diesen Akteuren hat beim heutigen Stand eine Chance, bei der WM im nächsten Jahr und – bei einer hoffentlich erfolgreichen Qualifikation – 2028 bei den Olympischen Spielen das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen? Obst mit Sicherheit und Kayil wahrscheinlich, wenn er seine atemberaubende Entwicklung fortsetzt. Rataj und Agbakoko kann man im Auge behalten. Sie dürften wie auch Delow über eine Außenseiterchance verfügen. Hollatz ist eine Option, aber aufgrund aufstrebender Guards wie Kayil und Christian Anderson keinesfalls gesetzt. Oscar da Silva ist mit ordentlichen Chancen im Mix, während es bei Voigtmann aufgrund des Alters eng werden könnte.

Die stärksten einheimischen Akteure der easyCredit BBL befinden sich auf dem Niveau der besten Ausländer. Das war in der Vergangenheit nicht so. Aber die besten deutschen Basketballer der nationalen Liga stellen nur einen Bruchteil der DBB-Auswahl, weil die meisten Topspieler im Ausland ihre Brötchen verdienen. Das unterstreicht, wie gut der deutsche Basketball geworden ist.

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.

Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".