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Kochs Nachschlag
Von wahren und vermeintlichen Krisen: Wie schlimm steht es um Ludwigsburg, Ulm, Frankfurt und Bayreuth?

Von wahren und vermeintlichen Krisen: Wie schlimm steht es um Ludwigsburg, Ulm, Frankfurt und Bayreuth?

— Stefan Koch

Ulm gegen Ludwigsburg und Frankfurt gegen Bayreuth: Am Wochenende treffen zwar vier schwächelnde Teams aufeinander, aber welche von ihnen stecken wirklich in einer Krise?

Die MHP RIESEN Ludwigsburg, die FRAPORT SKYLINERS und medi bayreuth standen im Frühjahr in den Playoffs, ratiopharm ulm war dort im laufenden Jahrzehnt abgesehen von der vergangenen Saison Dauergast. Vor der aktuellen Spielzeit galten alle vier Mannschaften als Anwärter auf die Postseason, rangieren derzeit aber nur auf den Plätzen 11, 13, 14 und 15.

Dass sich diese Teams am Wochenende in zwei direkten Duellen (Ulm – Ludwigsburg und Frankfurt – Bayreuth) gegenüberstehen, nehme ich als Anlass, um die Situation bei den vier Clubs zu beleuchten.

Auf der Alarmskala stehen bei mir ausgerechnet die am schlechtesten gestarteten Ulmer ganz unten. Bei ihnen sehe ich genauso wie bei Frankfurt nur eine vermeintliche Krise, während in Bayreuth und vor allem in Ludwigsburg die Situation deutlich ernster ist.

ratiopharm ulm

Javonte Green Dunks

Ulm startete in der Liga mit vier Niederlagen, aber es ging gegen die Teams, die derzeit die ersten vier Plätze im Klassement zieren. Zudem hatten die „Uuulmer“ in drei dieser Partien, nämlich gegen München, Oldenburg und Gießen, eine echte Siegchance. Der erste Erfolg am Sonntag in Bayreuth kam durch einen 18:2-Lauf am Spielende zustande. Das zeigt, warum die Leibenath-Schützlinge nicht, die Wagnerstädter aber sehr wohl in der Krise stecken. Der bärenstarke Auftritt am Mittwoch gegen Roter Stern Belgrad war die bislang beste Saisonleistung und ein weiterer Beleg dafür, dass der Begriff „Krise“ völlig deplatziert ist.

Ulm braucht(e) keine personellen Veränderungen, um zu funktionieren. Die Verpflichtung von Bogdan Radosavljevic war keine Reaktion auf den 0:8-Start, sondern der Verletzung von Gavin Schilling geschuldet. Die Neuen im Team erfüllen ihre Aufgaben, auch wenn sie noch ein wenig nach Konstanz suchen. Point Guard Patrick Miller ist nach nicht unerheblichen Anfangsschwierigkeiten ins Rollen gekommen, Dwayne Evans liefert ebenso ab wie Javonte Green, der für mich der beste Athlet der Liga ist, wie das Video hier zeigt. Dazu ist Ulm so tief besetzt, dass die europäische Doppelbelastung verkraftbar scheint. Ich sehe die Mannschaft in den Playoffs.

FRAPORT SKYLINERS

Erik Murphy von Downtown

Ja, die offensiven Werte der Frankfurter lesen sich wie ein Bulletin zum Weltuntergang:

- 76 Punkte im Schnitt (17. Platz in der Liga)

- 57,8 Feldwurfversuche pro Partie (18.)

- 42,9 Prozent Feldwurfquote (17.)

- 16,2 Ballverluste pro Partie (18.)

Das bereitet wenig Freude. Aber was macht Headcoach Gordon Herbert? Er bleibt sich selbst treu und mahnt Verbesserungen in der Verteidigung an. Warum auch nicht: Europäisch haben die Hessen bislang sehr gut gespielt, was ihr Potenzial unterstreicht. Dennoch gibt es meiner Meinung nach ein paar Fragezeichen mehr als in Ulm.

Kann die Mannschaft den längeren Ausfall des verletzten Jonas Wohlfarth-Bottermann verkraften? Vom Gerücht, dass Tim Ohlbrecht an den Main kommen könnte, will der Coach nichts gehört haben. Und ist das Team grundsätzlich und vor allem ohne „JoWoBo“ zu abhängig vom Dreipunktewurf?

Aber vor allem die aufsteigende Tendenz des in den Frankfurter Zeitungen heftig kritisierten Jason Clark gibt Anlass zu Optimismus, ebenso wie der immer stärker werdende Erik Murphy, der als bester Stretch-Center der Liga zuletzt gegen Bonn vier von fünf Dreiern (Video rechts) und im Eurocup in Turin fünf von sechs Dreiern eingenetzt hat. Deshalb: Ebenso wie Ulm gegen Ludwigsburg geht für mich auch Frankfurt gegen Bayreuth als Favorit in die Begegnung.

medi bayreuth

Während Frankfurt möglicherweise über einen temporären Ersatz für Wohlfarth-Bottermann nachdenken muss, wird in Bayreuth offen über die Qualität des Kaders diskutiert. „Mit diesem Personal können wir nicht gewinnen“, wetterte Raoul Korner nach dem Spiel gegen Ulm (Videonachbericht rechts) – und so eine Aussage ist ein Zeichen für eine wahre Krise, zumal die Verantwortlichen offiziell bestätigt haben, den Markt zu sondieren.

Daraufhin wussten ausgerechnet die schon schwer angezählten David Stockton und Nik Raivio beim ersten europäischen Sieg am Mittwoch gegen Ostende zu überzeugen. Aber auch der sich langsam steigernde Kassius Robertson und Adonis Thomas dürften Wackelkandidaten sein. Sie alle repräsentieren zu wenig die mentale Härte, die den Korner-Teams der letzten Jahre eigen war. Das spiegelt sich auch in der Reboundschwäche wider (nur die beiden Aufsteiger greifen weniger Abpraller), die ein starker Hassan Martin (8,8 RPG) nicht im Alleingang kaschieren kann. Erst wenn die Personaldebatten beendet sind, kann der Begriff Krise aus dem Bayreuther Vokabular gestrichen werden.

MHP RIESEN Ludwigsburg

Beim 83:76-Saisonauftakt gegen Frankfurt (Video) war ich noch stark beeindruckt vom Auftritt der Ludwigsburger. Jetzt muss ich ihnen die Krise attestieren, etwas Anderes ist nach zehn Pflichtspielniederlagen in Folge auch nicht möglich. Die Art und Weise, wie die Partie gegen Würzburg in der Schlussphase verloren (Video rechts) und die am Dienstag in Ventspils fast schon hergeschenkt wurde, zeigt, dass es vor allem an Selbstvertrauen fehlt – und Selbstvertrauen gewinnt man durch Siege. Folgerichtig bewegt sich Ludwigsburg in einem Teufelskreis.

Die Trennung von Thomas Wilder und Bogdan Radosavljevic, die Reaktivierung des zunächst in Ungnade gefallen Lamont Jones und die Nachverpflichtung von Donatas Sabeckis würde an anderen Standorten als Zeichen von Unsicherheit und Aktionismus gewertet werden, bei John Patrick sind solche personellen Rochaden fast schon Standard. Entsprechend sind weitere Veränderungen nicht ausgeschlossen. Dass Ludwigsburg mit 28,0 Prozent die schlechteste Dreierquote der Liga wirft, ist für mich geschenkt. Viel entscheidender ist ein Wert, der die eigentliche Kernkompetenz abbildet: Nach dem Bestwert von 9,8 Ballgewinnen pro Partie in der Vorsaison rangiert die Mannschaft derzeit nur im Mittelfeld mit 7,2. Ergo: Das Team von John Patrick ist (noch) kein John-Patrick-Team.

Kochs Nachschlag

Vier Teams stecken nach Ansicht der Medien und der Öffentlichkeit in einer Krise, aber nur bei Bayreuth und Ludwigsburg ist diese Wahrnehmung korrekt. Dort muss sich nun zeigen, aus welchem Holz die Akteure geschnitzt sind. Der Charakter eines Teams definiert sich nicht über Erfolge, sondern über den Umgang mit Rückschlägen. Schafft man es, diese Phase durch Kampfeswillen und Einheit baldmöglichst zu beenden, so wird sich dies positiv auf den Teamspirit auswirken. Damit könnte dann die Basis für eine bessere Rückrunde gelegt sein.

Zur Person:

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.

Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Telekom Sport, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere und Sportdigital tätig, sowie als Scout für die NBA. Seine Kolumne „Kochs Nachschlag“ erscheint regelmäßig auf der Homepage der easyCredit BBL.

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