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Home/Newscenter/Basketball Löwen Braunschweig: Die gefährlichen Quarantäne-Folgen für das mutigste Projekt der Liga

Kochs NachschlagBasketball Löwen Braunschweig: Die gefährlichen Quarantäne-Folgen für das mutigste Projekt der Liga

29. Januar 2021
In Braunschweig bekommen junge einheimische Spieler diese Saison mehr Einsatzzeit als bei allen anderen Teams. Deutsche Minuten in einem auch historisch bemerkenswerten Ausmaß, aber nun wurde das Team zum zweiten Mal in die Quarantäne verbannt. Das tut mir so leid, dass ich auch aus Trotz deshalb genau jetzt mein Loblied auf das Projekt von Dennis Schröders Klub singe.

– Stefan Koch

In Braunschweig bekommen junge einheimische Spieler diese Saison mehr Einsatzzeit als bei allen anderen Teams. Deutsche Minuten in einem auch historisch bemerkenswerten Ausmaß, aber nun wurde das Team zum zweiten Mal in die Quarantäne verbannt. Das tut mir so leid, dass ich auch aus Trotz deshalb genau jetzt mein Loblied auf das Projekt von Dennis Schröders Klub singe.

„Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.“ Diese legendäre Aussage des Rasenkickers Jürgen Wegmann hat längst Kultstatus erlangt und beschreibt punktgenau auch die aktuelle Situation der Löwen Braunschweig. Ich kann mir gut vorstellen, dass Alleingesellschafter Dennis Schröder und Geschäftsführer Nils Mittmann ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen, als sie am Dienstag erfuhren, dass sich ihre Mannschaft erneut in Quarantäne begeben muss.

Es war von Anfang an klar, dass diese Saison alle Teams vor riesige und nicht berechenbare Herausforderungen stellen würde. Bei allen Sicherheitsvorkehrungen ist ein hundertprozentiger Schutz vor Corona nicht leistbar. Entsprechend kann es sich für die Braunschweiger nur wie bei Jürgen „Kobra“ Wegmann anfühlen, wenn wir die erste – am 10. Januar beendete – Corona-bedingte Auszeit als „kein Glück“ und die jetzige als „Pech“ einstufen. Wie oben geschrieben: Mir tun die Löwen wirklich leid!

Da sie frühestens am siebten Februar gegen Ulm in den Ligabetrieb zurückkehren können, werden sie dann nach 15 Spieltagen erst elf Begegnungen absolviert haben. Die versäumten Partien nachzuholen, stellt einerseits für die Terminplaner im Ligabüro in Köln eine große Herausforderung dar, andererseits aber auch für die Schützlinge von Head Coach Pete Strobl, denen dadurch wohl Belastungsphasen in der Schlagzahl der beiden deutschen Euroleague-Teams bevorstehen dürften. Aber im Gegensatz zu Berlin und München haben die Löwen eben keine Mannschaft für ein Programm in diesem Stakkato-Takt zusammengestellt. In Braunschweig hat man ein mutiges Experiment gewagt, das jetzt durch Corona an seine Grenzen stoßen könnte, was äußerst schade wäre. Denn noch stärker als in der Vorsaison heißt die Corporate Identity: „Ausbildungsstätte für junge deutsche Spieler“.

Nur drei Ausländer

Geplant war, die Saison mit vier Ausländern zu beginnen. Bislang ist es bei drei Legionären geblieben, von denen Spielmacher James Robinson (5,8 Assists, Vierter in der Liga) die größte Konstante darstellt. Bryon Allen spielt wechselhaft und sorgt bisweilen mit fragwürdiger Wurfauswahl für Kopfschütteln. Martin Peterka liefert mit 4,8 Punkten und 2,9 Rebounds Zahlen ab, die in einem Team mit sechs Ausländern an der unteren Grenze lägen, für die Braunschweiger Konstellation aber definitiv zu wenig sind.

Vor der Saison habe ich die Löwen aus zwei Gründen als ein Team mit großem Entwicklungspotenzial gesehen, zunächst weil die jungen deutschen Spieler sich verbessern würden, aber auch weil dem Verein mit drei freien Ausländerspots Möglichkeiten zu Nachverpflichtungen offenstehen, ohne dass man Verträge auflösen müsste. Mit bislang vier Siegen ist Braunschweig nicht weit vom Abstiegskampf entfernt, und Mannschaften wie Gießen und Göttingen sind äußerst aktiv auf dem Markt, um ihre Ausgangsposition zu verbessern.

Das deutsche Gerüst

Ein nachverpflichteter Ausländer wäre zunächst einmal keine Verstärkung, sondern ein Ersatz. Mit Kostja Mushidi (11,7 Punkte pro Spiel) steht ein deutscher Leistungsträger aufgrund einer Krankheit für unbestimmte Zeit nicht zur Verfügung. So ein Ausfall ist normalerweise nicht zu kompensieren. Die Löwen hätten aber die Möglichkeit, einen Ausländer für den 22-Jährigen zu verpflichten. Das ist bislang nicht geschehen, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen. Gerade jetzt, wo ein harter Spielplan zu erwarten ist, wäre ein zusätzlicher Akteur hilfreich. Das Kapitäns- und Forward-Duo Lukas Meisner (13,8 Punkte, 44,4 Prozent Dreier) und Karim Jallow (16,5 Punkte, 5. in der Liga) liefert zuverlässig ab und hat mit Luc van Slooten einen Back-up, der mit erst 18 Jahren beachtliche 6,2 Punkte bei 50 Prozent Dreierquote liefert. Dazu arbeitet Gavin Schilling wie ein Berserker am Brett und greift mit 7,7 die drittmeisten Fehlwürfe der Liga ab – seine 3,6 Offensiv-Rebounds sind sogar Bestwert in der Liga.

Dieses Quintett bildet das Herzstück des deutschen Gerüsts. Der gebürtige Braunschweiger Meisner und Schilling, der mit Pete Strobl schon in Ulm zusammenarbeitete, sind „schon“ 25 Jahre alt und Sonderfälle, weil persönliche Verbindungen eine wichtige Rolle bei ihrer Verpflichtung spielten. Jallow (23), Mushidi (22) und van Slooten (18) sind hingegen junge Talente mit internationaler Perspektive, die vorher keinen Bezug zur Löwenstadt hatten. Genau aus dieser Kategorie will man zukünftig mehr Spieler anlocken, was Nils Mittmann unterstreicht: „Wir wollen hier nicht nur Rollenspieler entwickeln, sondern die Jungs zu Leadern reifen lassen.“

Kochs Nachschlag

Man muss schon ein wenig in der Ballkiste kramen, um vergleichbare Projekte zu finden. Natürlich kommt den meisten Korbball-Enthusiasten zuerst die Würzburger Mannschaft in Dirk Nowitzkis einziger Erstligasaison in den Sinn. 1998/1999 standen neben dem späteren NBA-MVP Jünglinge wie Robert Garrett, Demond Greene und Marvin Willoughby im Team, zusammen hatte dieses Quartett am Ende der Karrieren 420 Länderspiele in der Vita.

Und 2002/2003 hatten die Bayer Giants Leverkusen mit den Big Men John Best und Nate Fox nur zwei ausländische Spieler im Kader, vergaben unter Head Coach Heimo Förster rekordbeanspruchende 75,7 Prozent ihrer Spielzeit an deutsche Akteure und verpassten nach einer 2-1-Führung im Viertelfinale gegen Bonn mit einem 88:93 im fünften Spiel nur knapp die Halbfinal-Sensation. Anführer war damals der ein Jahr zuvor aus Italien zurückgekehrte Denis Wucherer, dazu waren Gordon Geib, Sven Schultze und erneut Demond Greene wichtige Protagonisten.

Jetzt haben die Löwen den gleichen Weg eingeschlagen wie Würzburg und Leverkusen damals: Braunschweig vergibt 63,7 Prozent der Minuten an einheimische Spieler, Berlin (54,3) und Ulm (53,2 mit Tommy Klepeisz und Dylan Osetkowski) folgen mit Abstand. Gleich zum Start der Saison gab es den überraschenden 97:88-Pokalsieg gegen Oldenburg (erstes Video) und in der Liga wurden vom 21. November bis zum 13. Dezember gegen Vechta, Würzburg, Gießen und Bayreuth vier Partien in Serie gewonnen (siehe Videos), aber nun folgt seitdem bereits das zweite Mal die Quarantäne, in der lediglich Training in den eigenen vier Wänden möglich ist. Es wäre äußerst schade, wenn dieses hochinteressante Braunschweiger Projekt aufgrund der Pandemie in den Abstiegsstrudel geriete und dadurch an Schubkraft verlöre.

Zur Person

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.

Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei MagentaSport, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere und Sportdigital tätig, sowie als Scout für die NBA. Seine Kolumne „Kochs Nachschlag“ erscheint regelmäßig auf der Homepage der easyCredit BBL.