Als ich nach dem sensationellen Bamberger Pokalsieg gefragt wurde, ob dieser Erfolg positive Effekte für den weiteren Saisonverlauf der Oberfranken haben würde, war ich mir unsicher und habe eher verneint. Mittlerweile muss ich sagen, dass dies eine klare Fehleinschätzung war. Die BMA365 Bamberg Baskets sind aktuell das heißeste Team der Liga. Die Schützlinge von Anton Gavel, dessen Verdienste ich unmittelbar nach dem Pokaltriumph in München in diesem Nachschlag gewürdigt habe, konnten ihre letzten fünf Begegnungen in der Liga gewinnen. Zählt man die beiden Siege beim Pokalwochenende hinzu, landen wir bei sieben Erfolgen in Serie. Dabei siegte das Team aus Freak City, das über den kleinsten geplanten Spieleretat verfügt, zwei Mal gegen den Ligakrösus FC Bayern München Basketball. Nach dem Erfolg im Pokalhalbfinale in der Höhle des Löwen bestätigten die Bamberger ihre Klasse mit dem Sieg in der Liga am 15. März (Highlights unten).
Von den letzten zwölf Pflichtspielen verlor Bamberg nur zwei. In beiden Fällen unterlag man ALBA BERLIN. Aber das lässt sich leicht verschmerzen, weil das wichtigste Duell mit den Hauptstädtern im Pokalfinale erfolgreich gestaltet werden konnte. Mittlerweile rangieren die Bamberger hinter ihren beiden Erzrivalen aus München und Berlin auf dem dritten Platz. Noch kann man nicht davon sprechen, dass die drei großen B (Bayern, Berlin, Bamberg) den deutschen Basketball wieder dominieren. Aber der Bamberger Höhenflug zeigt, dass auch mit überschaubaren Mitteln viel möglich ist.
Die Spieler
Bei der Auswahl ihres spielenden Personals achteten die Verantwortlichen darauf, Akteure zu finden, die mit ihren Teams erfolgreich waren oder zumindest Playoff-Erfahrung sammeln konnten. So stellte man ein beinahe komplett neues Team zusammen. Mit (dem neuen) Kapitän Ibi Watson blieb lediglich ein Spieler aus der Vorsaison. Das Festhalten am 28-Jährigen hat sich definitiv gelohnt. Der Amerikaner steigerte sich deutlich im Vergleich zu seiner ersten Spielzeit in Bamberg und ist nicht nur einer der besten Scorer der Liga, sondern auch einer der besten Spieler. 17,0 Punkte bei 56,4 Prozent Zweiern, 43,3 Prozent Dreiern und 81,3 Prozent von der Freiwurflinie sind amtliche Zahlen für den Shooting Guard, der auch noch 4,6 Rebounds und 2,9 Assists auflegt. Nach seinen Auftritten in den letzten Wochen ist klar, dass sein Name in den Diskussionen um den besten Offensivspieler und den MVP fallen muss.

Spielmacher Cobe Williams verfügt ebenfalls über starken Scorer-Fähigkeiten aus dem 1-1 und verteilt vier Assists pro Spiel. Allerdings könnte der 25-Jährige mehr Konstanz an den Tag legen. Demarcus Demonia fand man beim alten fränkischen Rivalen Bayreuth in der zweiten Liga. Der Ausnahmeathlet wurde beim BMW TOP FOUR auch aufgrund seines Gamewinners im Finale zum wertvollsten Spieler gekürt. Schon im alten Jahr zog der Verein die Option, das Arbeitspapier des Forwards bis 2027 zu verlängern. Rückkehrer EJ Onu fungiert als Ringbeschützer und blockt dabei mehr Würfe als jeder andere Spieler der Liga. Der Tscheche Richard Balint ist mit 47,4 Prozent brandgefährlich von der Dreipunktelinie, und Austin Crowley, der das Legionärssextett komplettiert, ist für mich der unbesungene Held, dessen Beitrag häufig zu wenig Beachtung findet.
Die deutschen Rotationsspieler zeigen hohes Rollenverständnis. Moritz Krimmer kann als Big Man das Feld weit machen und geht stark zum offensiven Rebound. Daniel Keppeler ist auf einem guten Weg, sich als Bundesligaspieler zu etablieren. Zach Ensminger spielt eine starke Saison, in der er punktet, vorbereitet und reboundet. Der 24-Jährige weist gemeinsam mit Jack Kayil die höchste Effektivität unter den deutschen Spielmachern auf! Dazu kommt Adrian Petkovic, der mit seinen Minuten die Guards entlasten kann.
Die Stärken des Teams
Konstanz! Die Bamberger liefen in allen 30 Pflichtspielen mit der gleichen Startformation auf. Die sechs Ausländer und Ensminger als wichtigster Deutscher waren in allen Begegnungen dabei. Das ist ein Faktor, den ein Coach nur sehr bedingt steuern kann. Aber er kann die Mentalität seiner Mannschaft beeinflussen. Wer sieht, wie resilient dieses Team ist und mit wie viel Selbstvertrauen die Spieler auch in kritischen Momenten ihre Würfe nehmen, erkennt hier den Charakter und die Handschrift von „Tono“ Gavel.
Er selbst war ein herausragender Verteidiger und möchte auch, dass sich seine Mannschaften über die Defensive definieren. Bamberg forciert unterdurchschnittliche Wurfquoten beim Kontrahenten, aber eigentlich sticht die Offensive mehr ins Auge. Die Oberfranken erzielen die zweitmeisten Punkte, weil sie den Ball gut bewegen und die daraus resultierenden guten Looks hochprozentig eintüten. Dabei leisten sie sich wenige Ballverluste. Das führt in Summe zum zweitbesten Offensiv-Rating hinter den Bayern.

Was ist möglich?
Natürlich gibt es auch Baustellen. Die größte ist der Rebound. Dort liegt man zwischen den Abstiegskandidaten aus Braunschweig und Heidelberg auf dem vorletzten Platz. Auswärts weist die Mannschaft die zweitbeste Bilanz der Liga auf, aber in der Brose Arena ist noch Luft nach oben. Sollte die Heimstätte mit ihren 5.700 Plätzen wieder zur Festung werden, ist mit den Bambergern in den Playoffs zu rechnen! Die Mannschaft ist ordentlich in die Saison gestartet, hat aber jetzt ihr Spiel auf ein anderes Level gehoben. In diesem Zusammenhang kommt mir die Meistersaison 2023 von Ulm in den Sinn, als ein von Anton Gavel gecoachtes Team in den Playoffs komplett auf der Überholspur unterwegs war. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich sehe die Bamberger aufgrund der Entwicklung in den letzten Wochen nicht als Meisterschaftsanwärter, aber nach den zwei Siegen über die Münchner bin ich sicherlich nicht allein, wenn ich Vorfreude auf eine mögliche Serie dieser beiden Mannschaften äußere. Bamberg verfügt über weniger Geld als andere Teams und damit (auf dem Papier) auch über weniger Talent. Aber angesichts der Saisonhistorie und Anton Gavels Playoff-Märchen mit Ulm könnte München gegen Bamberg ein interessantes und polarisierendes Duell werden.
Kochs Nachschlag
Es stellt sich aber nicht nur die Frage, wie es in Bamberg für den Rest dieser Saison weitergeht, sondern auch, was nach dieser Spielzeit passiert. Ibi Watson wird als heißer Wechselkandidat gehandelt, Moritz Krimmer dürfte nach Trier zurückkehren, und Anton Gavel, die alles entscheidende Person im Konstrukt, wird mit dem FC Bayern München Basketball in Verbindung gebracht. Sollte der Coach tatsächlich gehen, stünden die Oberfranken vor dem nächsten Neustart.

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".



















