Ich kann mir gut vorstellen, dass die Berliner Spieler am Dienstag vor den Endgeräten saßen und den VET-CONCEPT Gladiators Trier die Daumen drückten. Denn gegen RASTA Vechta möchte im Moment eigentlich niemand antreten. Die Niedersachsen konnten elf ihrer letzten 14 Begegnungen gewinnen und in diesem Zeitraum Pokalsieger Bamberg dessen einzige Niederlage zufügen. Mit diesem starken Finish zogen die Marley-Jünger zum dritten Mal in ihrer Vereinsgeschichte in die Playoffs ein. Das Prunkstück ist dabei die Offensive, die derzeit auf allen Zylindern läuft, was auch die Play-In-Partie gegen Trier verdeutlichte.
Die erste Playoff-Teilnahme gelang RASTA Vechta 2019 mit Pedro Calles an der Seitenlinie, der mittlerweile die Geschicke des Viertelfinalkontrahenten ALBA BERLIN lenkt. Damals schlug er mit Vechta sensationell Bamberg mit 3-1, aber danach hat der Spanier bis heute kein einziges Spiel mehr in den Playoffs gewonnen – es stehen für ihn fünf Sweeps und damit 15 Niederlagen in Folge zu Buche. In den nun anstehenden Partien sollte sich dies ändern, denn die Berliner haben eine starke Hauptrunde gespielt und bestechen mit hoher defensiver Intensität und großer mannschaftlicher Geschlossenheit.
Die Serie aus Berliner Sicht:
Die Albatrosse müssen einer Top-Offensive Einhalt gebieten. In der Partie gegen Trier erzielte Vechta 93 Punkte … alleine in den letzten drei Vierteln. Alonzo Verge Jr. ist der zweitbeste Scorer (18,2 Punkte) und beste Vorbereiter (6,6 Assists) der Liga, womit er im Mittelpunkt der Berliner Defensivanstrengungen stehen wird. Sein Dreier ist inkonstant, was Berlin die Chance gäbe, bei Pick and Rolls unter dem Block durchzugehen und ihn zum Werfer zu machen. Das entspricht aber nicht dem grundlegenden Konzept der Albatrosse, das auf Aggressivität basiert. Entsprechend rechne ich damit, dass Jonas Mattisseck und Jack Kayil hohen Druck auf den ballverlustanfälligen Spielmacher ausüben werden. Aber Vechta verfügt darüber hinaus mit sechs zweistelligen Punktesammlern über genügend weitere Optionen. Die Berliner werden versuchen, die Serie über Hustle und Intensität zu gestalten, wodurch sie in einen Abnutzungskampf mit besserem Ende für sie münden kann.
Die Serie aus Vechtaer Sicht:
Die Hauptstädter verstehen es exzellent, Punkte über den Fast Break zu erzielen. Die Transition Defense von RASTA ist aber nicht besonders sattelfest, sodass Coach Christian Held auf diesen Punkt besonderes Augenmerk legen muss. Es könnte sich zudem angesichts des zu erwartenden Berliner Drucks als sinnvoll erweisen, Verge Jr. und Tommy Kuhse mehr gemeinsam spielen zu lassen als in den vergangenen Wochen. Lars Thiemann stand zuletzt in der Anfangsformation, aber gegen Berlin könnte man auf der Centerposition mit Philipp Herkenhoff und Tibor Pleiß besser aufgestellt sein. Herkenhoff ist eine Stretch-Fünf (41,3 Prozent Dreier), und Pleiß trifft den Dreier mit 41,8 Prozent sogar noch besser. Damit besteht die Möglichkeit, das Feld weit zu machen und den 1-1-Scorern Räume zu öffnen, die man ansonsten gegen die starke ALBA-Verteidigung nicht vorfindet. Grundsätzlich muss man den Druck des Kontrahenten attackieren und darf sich von ihm nicht mürbe machen lassen.
Kochs Nachschlag
Wie bereits erwähnt, stellt Vechta eine Offensive auf absolutem Top-Level. Die Held-Schützlinge erzielen die meisten Punkte (90,7) und verfügen aufgrund großartiger Dreier- (38,2 Prozent, 1.) und Zweierquoten (56,6 Prozent, 3.) über das zweitbeste Offensiv-Rating hinter den Bayern. Berlin ist besonders stark in den Effort-Areas, lässt die zweitwenigsten Punkte (77,9) zu und fasst immer wieder am offensiven Brett nach (35,7 Prozent Quote). Außerdem teilen die Berliner in der Offensive den Ball deutlich besser und kommen auf eine Assist-Quote von 65,1 Prozent (2.) im Vergleich zu 53,6 Prozent (16.) von Vechta.
Mein Tipp: Es sollte eine großartige Serie werden. Am wahrscheinlichsten ist ein Berliner Erfolg in fünf Spielen, aber die Überraschung ist möglich.
Unser Kolumnist Stefan Koch hat sich bei jeder Viertelfinale-Serie überlegt, wie er gegen den jeweiligen Gegner spielen würde und in welcher Serie er welche Stärken und Schwächen bei den beiden Teams sieht: München gegen Trier, Bamberg gegen Ulm und Bonn gegen Würzburg.

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".



















